Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 25 (1908)
- Issue
- 4 (24.1.1908)
- Date
- 1908-01-24
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
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Nr. 4 Dr. Llocb's Mocdenscbrrn. Sette 59 wird manche andere Tätigkeit an segensvoller Bedeutung überragen. Bringt doch ein blühender Handel Reichtum und Behagen dem Lande, die Grundbedingungen jeder höheren Kultur. Durch den Handel werden die entferntesten Länder und Weltteile einander näher gerückt, die Menschen miteinander verbunden und so wird die allgemeine ideale Verbrüderung angebahnl. „Wo Mangel an Brot herrscht, da kann höheres Streben und Gelehrsamkeit nicht gedeihen", lautet ein altbekanntes Wort.31) So kann denn der den Wohlstand begründende Handelsverkehr einem Volke nur zum Segen und zur Ehre gereichen. Ohne Rücksicht also auf Beschuldigung oder Entschuldigung, nur im Hinblick auf den Umstand, daß sich die Juden seit nahezu zweitausend Jahren in großer Anzahl dem Handel widmen, wollen wir untersuchen, ob in der Entwicklung des jüdischen Volkes eine besondere Naturanlage zur Handelstätigkeit sich entdecken läßt. Ein Payyrus aus dem zweiten Jahrhundert enthält einen Brief, in welchem ein gewisser Menon seinem Bruder Hermokrates klagt, daß ihm der jüdische Pferdehändler Danoulos das Pferd nicht zugestellt habe, das er hätte abliefern sollen. Aus solchen vereinzelten Zeugnissen wird heute geschlossen „wie intensiv bei den Juden schon früh die finanziellen Instinkte entwickelt waren, vermöge deren sie ihren Mitmenschen als Blutsauger Vorkommen mußten". Waren die finanziellen Instinkte bei den Juden wirklich so früh entwickelt? Es ist eine unbestreitbare Tatsache, daß Ackerbau, Viehzucht und Handwerk die Beschäftigung des israelitischen Volkes in Kanaan bildeten. Die Bodenkultur war eine intensive. Getreide, Wein und Oel wurden exportiert. Von einem Handelsgeiste jedoch, von einer Naturanlage zur Handelstätigkeit ist nichts zu entdecken. Palästina liegt am Meere, es ist zum Teil von den Karawanenstraßen, die Babylonien und Persien mit Egypten verbinden, durchzogen. Trotzdem beteiligen sich die Israeliten fast gar nicht an dem von den Phöniziern schwunghaft betriebenen Handel. Die Erzväter, die Propheten, die ersten Könige waren Hirten oder Ackerbauer. Der religionsgesetzliche wie der poetische Teil der Bibel setzen ein ackerbautreibendes Volk voraus, was durch die in der Bibel angewandten Redewendungen, Gleichnisse und Bilder deutlich genug zum Ausdruck kommt. Die alten Bewohner Palästinas führen wohl heftige Kämpfe um Weideplätze für ihre Schafe und Rinder, kümmern sich aber nicht um die für den Welthandel so bedeutenden Hafenstädte ihres Landes. Diese lassen sie ruhig in den Händen der Phönizier. Das jüdische Volk blieb seiner Naturanlage gemäß merkantilischen Unternehmungen fremd. Glücklich gepriesen wird derjenige, der unter seinem Feigenbäume sitzt und in Treue seinem Gotte dient. Das ist der ideale Zustand, nach dem das Sehnen des Volkes geht. Die große Umwälzung begann mit der Auflösung des israelitischen Reiches und der Auswanderung der Israeliten. Sie wurde vollendet, als nach der Eroberung Judäas die jüdischen Bewohner nach allen Richtungen zerstreut wurden. Wir wissen aus der Entwicklungsgeschichte der Tiere und Pflanzen, daß sie, in ein fremdes Land in ungewohnte klimatische Verhältnisse gebracht, den größten Veränderungen unterworfen sind. Aus einer Spezies wird mit der Zeit eine ganz neue, die mit der früheren kaum eine Aehnlichkeit hat, äußerlich sowohl wie in ihrem innern Aufbau von ihr verschieden. 3°) Bei dem Menschen vollzieht sich der innere seelische Prozeß viel rascher. Als der Jude von seiner Scholle vertrieben war, wurde aus dem Ackersmann ein Handelsmann. Und nun war er überall, an allen bedeutenden Handelsplätzen al§ tüchtiger, gewandter Handelsmann ") Aboth in 17. ”) In Bezug auf die durch Boden und Klima bewirkten Veränderungen sagt schon Piinias hist. 38, 17: In frugibns pecudibusque non tantum semina ad servandam indolem valent, quantum terrae proprietas coelique, snb qno aluntur, mutat. zu finden. Besonders in Egypten erscheinen sie an allen großen Unternehmungen in hervorragender Weise beteiligt.33) Nicht angeborener Handelsgeist hat die Juden dahingefühct, sondern die zwingende Notwendigkeit. 4°) War ihnen doch bis in die neueste Zeit hinein Bodenbesitz und jede andere Erwerbsart verboten. Durch die andern Völker wurden sie gezwungen, gleichsam eine zweite Natur anzunehmen. Der Völker Haß und Verfolgung haben die jüdischen Bauern in Handelsleute umgewandelt. Die Juden, die aus dem Exil nach Palästina zurückgekehrt waren, folgten ihrer Naturanlage und widmeten sich wieder vorzugsweise ihrer alten Beschäftigung, dem Ackerbau. DaS bezeugen unwiderlegbar viele Aussprüche und Erzählungen im Talmud, wo Ackerbau und Handwerk als die naturgemäße und ehrenvollste Erwerbstätigkeit bezeichnet werden. — Der Stamm Sebulon hatte seinen Erbsitz am Gestade der Meere, am Gestade der Schiffe, wo die Erträgnisse und Reichtümer der Erde ihre Stappelplätze haben, wo reichlich Gelegenheit geboten ist, Geld und Gut zu mehren, und zwar auf viel bequemere Weise als in harter Arbeit aus der Erde Nutzen zu ziehen. Und doch läßt der Talmud den Sebulon klagen: „Mir hast Du nur Berge und Hügel, Ströme und Meere gegeben, meinen Brüdern aber ebene Flächen, Felder und Weinberge, die sie bearbeiten können."*') Das wird uns begreiflich, wenn wir an anderer Stelle lesen: Wer nicht ein Stückchen Feld sein eigen nennt, der ist kein Mensch." Es ist hiernach eine brutale Ungerechtigkeit, die Juden wegen ihrer Handelstätigkeit anzufeinden. Und da, wie ich gezeigt habe, der Judenhaß in seiner ganzen Schärfe vorhanden war, als die Juden noch ein ackerbautreibendes Volk waren, ist es eine Unwahrheit, das wirtschaftliche Moment als eine Rechtfertigung des Judenhasses hinzustellen. Aber der Haß der Völker gegen die Juden bricht seit Jahrtausenden immer wieder hervor. Mit elementarer Gewalt stürmt er einher. Eine solche fast mit der Regelmäßigkeit eines Naturgesetzes immer wiederkehrende Erscheinung muß doch eine Ursache haben! — Darauf antwortete ich: Gewiß, eine Ursache ist vorhanden, aber es ist nichts anderes als die — Bestie i m Menschen, die uralt ist und immer wieder zu neuem Leben erwacht, die Bestie, die sich auf den Schwächer« stürzt, um ihn zu erdrosseln. Eine mehrtausendjührige Kultur hat sie nicht zu bändigen vermocht. Sie wird nur uiedergehalten durch den Wall der strengen Gesetze, den jeder Staatskörper aufrichtet. Man möge doch versuchen, diesen Wall einmal niederzureißen und sie wird sich wie ein tosendes Meer über die ganze Erde ergießen und alles vernichten. Wir haben in den letzten Jahren genügende Beweise hiefür erhalten in den haarsträubenden Grausamkeiten, die von den Abgesandten der höchst zivilisierten Staaten gegen die sogenannten Wilden verübt wurden. Dort, wo das Gesetz nicht wacht, erhebt sich die Bestie mit fürchterlicher Macht. In allen gesetzlich regierten Staaten, sagte ich, wird die Bestie im Menschen niedergehalten. Aber auch da ist ihr ein kleines Ventil geöffnet — das sind die Juden. Denn auch heute gilt das wörtlich, was in bezug auf Alexandrien gesagt wurde: „Die Juden sind ein natürlicher Wetter ableiter für ”) Das geht hervor aus den von Sayce veröffentlichten Urkunden aus dem 5. Jahrh. (Aramaic Papyri, discoveredat Assuan. London > 806.) Mahaffy spricht von den Finanzgeschäften egyptischer Juden schon zur Zeit des Terxes. . . it appears that Jews were transacting money affairs in their langnage as for back as the reign of Xerxes, when the Persians dominated Egypt. They seem to have been even tben in some sense the Bankers of E^ypt, as they have been of most nations in modern Europe, JUeianges Nicole 661. Ueber Steuerpächter in Egypten siehe Wilcken, Griechische Ostraka I. 523 ff. 40) Cicero de provinciis consularibus 5, 10 spricht von den Judaeis et Syris nationibns natis servituti. Nachdem die eiserne Hand Roms die freien jüdischen Bauern zu Sklaven gemacht, nennt er sie „geborene Sklaven". So betrachtet man sie als ein geborenes Handelsvolk, nachdem man sie von ihrer Scholle vertrieben und zum Handel gezwungen Patte. 41) Megilla 20 a. ") Jebamoth 63 a d*tk v « ppip & s-rw ctk ‘m