Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 25 (1908)
- Issue
- 4 (24.1.1908)
- Date
- 1908-01-24
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 95% known words query
- IRI
…/3020846-3021764-3021769--17035-3041888- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
©ewc 58 Wt. Lioev's MsLdLnscvrLN. Nr. 4 Kultur uud damit auch der Humanität zu sein. Wo immer es sich um Verurteilungen handelt, ist sie moralisch verpflichtet,? sich auf die Seite der Verteidigung zu stellen und die Milderungsgründe hervorzusuchen. Die publizistische Stütze der christlich sozialen Gesellschaft aber macht da mit gutem Verständnis ihrer allgemeinen Aufgaben nickt mit. Denn da sie auf die rohesten Instinkte des Pöbels spekuliert und die ualürliche Grausamkeit ihrer geistig beschränkten Anhänger befriedigen will, hetzt sie in jedem Falle die Stimmung gegen den Angeklagten ans. Handelt cs sich gar um einen Juden, dann ruft das „Deutsche Volksblatt" womöglich um Galgen und Rad und der H nker ist sein hochgeschätzter, idealer Freund. Man ist in solchen Fällen von einer Roheit, welche das einzig Imposante au der antisemitischen Hetzpresse ist. Verganis Stab schläft und pflegt sich voll Behagen trotz des auch für ihn klaren Bewußtseins, das Martyrium Hilsners verschuldet und um ein Weniges das L ben eines Unschuldigen am Gewissen zu haben. Bei seinen Orgien des Hasses hat es an Blamagen nicht gefehlt. Auch auf den Köpeuicker Goldschmidt hat man sich mit Leitartikeln uud Notizen gestürzt, bei denen dem Schreiber sozusagen das Schmalz aus der Feder floß, und mußte daun mit langer Nase zur Kenntnis bringen, daß der angeblich jüdische Kasseneinbrecher nicht nur ein Christ, sondern sogar im Ländle des Antisemitismus, in Niederösterreich auf die schwarze Welt gekommen, daß er ein geborner Christlich - Sozialer sei. So ist es dem „Deutschen Volksblatt" schon e.ft gegangen und es gelingt ihm überhaupt zum schmerzlichsten Bedauern selten, in der unendlichen Reihe schwerer Verbrecher einen Juden zu entdecken und ihm Rufzeichen uud Verleumdungen anzuhängen. Wenn aber der große Glückssall gelingt, wenn wirklich einer vor die Geschworn u kommt, der in den meisten Fällen mit dem Judentum so zusammenhängt wie ein getaufter Jude mit dem Christentum, daun kommt man im Antisemiteuhvf ganz aus dem dreistöckigen, ehrlich erworbenen Häusl uud tanzt um den Marterpfahl des Gefangenen einen entzückten Judianertanz. Solange das eine persönliche Roheit und Gemeinheit gegen einen Angeklagten ist, überläßt mau das Organ der allgemeinen Verachtung uud der Verurteilung nach den Gesetzen der Moral. Daß man den Verbrecher ruhig dem ganzen Judentum aufqalst, das sind wir vom vereidigten Staatsanwalt schon gewöhnt, der wie ein Löwe dreinfahren würde, wenn man dasselbe systematisch etwa gegen die Tscheche'.! oder Italiener versuchen wollte. Aber ein klassisches Vergehen gegen das Gesetz, eine außerordentliche Impertinenz sollte dem Herrn mit dem geduldigen Rotstift denn doch über den Strich gehen. Was hat denn dieser Hertzka eigentlich vom Judentum an sich? Wer bat denn dieses Lorstadtkind, das ausschließlich unter Christen lebte, überhaupt noch als Juden betrachtet? Man hat in allen Blättern bedauernde Bemerkungen über die Umstände g;knüpft, die einen Studenten bis zu Mord und Raub führen konnten, an seiner Hauptschuld aber wurde nirgends der leiseste Zweifel geäußert. Trotzdem begeht das „Deutsche Volksblatt" wieder das Verbrechen der Aufreizung, indem es in einem Leitartikel das Gehirn seiner Leser mit hetzerischen Lügen nachfüllt und schlankweg behauptet, die Juden hätten sich schon wieder zusammengetan, um durch ihre Presse einen der Ihren herauszureißen, mit Hertzka die gleichen Versuche gemacht, wie mit Hilsner und Dreyfus. Es sei schon wieder eine Art Plane vorhanden gewesen, welche das Bestreben hatte, das talentvolle Jüngel herauszureißen. Dem Staatsanwalt scheint die Kritik darüber zu fehlen, welche Folgen ein systematisches Lügengewäsch dieser Sorte bei den urteilslosen Spießern haben muß. und den Paragraph über Aufreizung zu Haß und Verachtung hat er ganz vergessen. Sonst wäre es wohl iu diesem krassen Falle, bei diesem Piratenstreich vollständig unberechtigter Lüge denn doch zu einem Einschreiten gekommen. Das sind aber sehr wichtige Sachen für unsere maßgebenden Faktoren. Denn wie die Staatsanwälte in Wien singen, so zwitschern die Staatsanwälte iu der ganzen Provinz und die Landflucht der Juden, der Boykott gegen sie und die zunehmende Verschlechterung ihrer Lage sind die Folgen davon. Deswegen müßte es eine der ersten Sorgen namentlich unserer Abgeordneten sein, bei erster G-legenheit eine energische Aktion in dieser Richtung zu unternehmen, Regierung und Justizministerinm an ihre Pflicht zu erinnern. Die Geschäftsordnung des Parlamentes bietet ihnen als unabhängigen Männern Gelegenheit genug, nicht nur mit Bitten und Anfragen hervorzutreten. Hoffentlich wird es noch möglich sein, ein Mittel gegen den Mann zu finden, der lächerlich wird, wenn er mit seiner Vergangenheit als Netter der christlichen Moral auflritt und d--r zum Staunen aller Welt die Ehre des Titels eines kaiserlichen Rates erhielt, obwohl er gegen einen klaren Paragraph des Strafgesetzes ein chronischer Verbrecher ist. Me angeblichen Wurzeln des Andenhalses historisch beleuchtet. Bortrag gehalten im Verein zur Abwehr des Antisemitismus. Erweitert und mit Anmerkungen versehen von Dr. I. Taglicht, Rabbiner in Wien. III Das Judentum ist von einem ziemlich dichtmaschigen Zeremvuialgesetz umgeben. Alle nichtjüdischen Theologen sprechen daher von dem unter dem schweren Joche des Gesetzes seufzenden Volke, von den Einschränkungen und Hindernissen, die ihm das Leben zur Mühlsal machen und traurig gestalten. Das ist jedoch eine irrtümliche Auffassung. Das Judentum fordert seine Bekenner zur Freudigkeit auf. Die hebräijche Sprache hat für Freude zehn Bezeichnungen 3ä); da mußte wohl das Volk die Freude kennen. Trotzdem wird das Leben auf Erden nur als Vorstufe der wahren Freudigkeit betrachtet. In ihrer vollen beseligenden Kraft harret sie des Gerechten erst im Jenseits. „Uud dieses höchsten Gutes sind alle guten Menschen teilhaftig, mögen sie welchem Volke immer angehören" erklärt das Judentum. Kaiser Antonin fragt seinen Freund Rabbi Jehuda: „Werde auch ich einst des Lebens im Jenseits teilhaftig werden?" „Gewiß", antwortet R. Jehuda. „Aber", erwidert Antvnin, „ich habe in Eurer Bibel gelesen: „Keine Rettung ist für den dem Hause Esans Entstammenden, da werden mir ja doch die Pforten des Paradieses verschlossen bleiben". „Nein", erwidert R. Jehuda, „die Bibel spricht da nur von denen, die in den Fußstapfeu Esans wandeln, die Guten und Gerechten aller Völker hingegen werden an der Seligkeit des ewigen Lebens teilhaben".36) Kann man bei einem Volke, das so denkt, von Exklusivität sprechen? Kann man eine Religion, die solche Anschauungen vertritt, menschenfeindlich nennen? In unserer Religion sucht also der Judenhaß vergeblich seine Rechtfertigung. Wir gelangen nun zum zweiten Punkte, zu der Anklage, die Juden seien ein Handelsvolk und ihr Sinn sei nur auf Gewinn, auf Materielles gerichtet. Wenn ich zur Abwehr dieses Anwurfs mich an schicke geschieht es nur, um die historische Wahrheit zu erhärten Denn ich kann in dem kaufmännischen Berufe und in der Handelstätigkeit nichts Beschämendes erblicken, das einer Entschuldigung bedürfte. Die Handelstätigkeit steht jeder anderen Lebensbeschäftigung ebenbürtig zur Seite, ja sie 35) Aboth d. R. Nathan «ap. 34. 36) Äboda zara 10 d«