Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 25 (1908)
- Issue
- 4 (24.1.1908)
- Date
- 1908-01-24
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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Ur. 4 Dr. BlOCh 8 JahrgangXXV Zentralorgan für die gesamten Interessen des Judentums. Wien, 24. Jänner 1908. =: LrscbeLnt jeden Freilag. —- Brief-Adresse: HAien, H/r» Lerggasse 39. Telegrammadresse: Llocb's Mocbenscbrift» Mien. O-e K. ft. Postsparftsssen-Arnt Clearing-ID erftebr Nr. 810.976. Eebahttnn und Administration: wirn ix/l, Verggasse Nr. 39. 14.847. S-ft D---• VeLugsprris für Orstrrrrirtz: Halbjährig 8 Kronen. Einzelexemplars 50 Heller. Für'» Ausland: Halbjährig 10 Kronen, wanzjährig 20 „ Anzeigen: Die 4mal gespaltene Petitzeile 24 Heller. »- ft Inhalt: Leitartikel: Köterbiß. — Die angeblichen Wurzeln des Judenhasses historisch beleuchtet. — Allgemeiner Oesterreichisch- Jsraelitischer Bund. — Jahrmarkt des Lebens: Dr. Eduard Bacher. General-Oberstabsarzt Dr. Ritter von Uriel über die jüdischen Militärärzte. Kann ein Angestellter wegen antisemitischer Aeußerungen entlassen werden? Spende für die jüdischen Opfer der rumänischen Bauernrevolte. Kurbrandenburgische Leibärzte älterer Zeit. Königreich Siam. — Korrespondenzen: IV. ordentliche Generalversammlung des Tempelvereines des XIII. Bezirkes der Stadt Wien. Eine Taufschule in Lemberg. Die Einberufung des ungarländischen israelitischen Landes-Kongresses. Die Kriminalität der Juden in Ungarn und den Balkanländern. Agram. Petersburg Moskau. Auf dem Gang zum schaffst. Tafts Kandidatur und die Juden. — Vermischtes: Kranzablösungsspenden rc. Vortragszyklus ans jüdischer Geschichte, Literatur und Kultur. Wien. Eine vierfache Trauung. Beth-Hamidrasch „Montefiore". Lese- und Redehalle jüdischer Hochschüler. Trauerfeier für Abraham Goldfaden. St. Pölten. Warnung. Brünn. Jglau. Raduitz. Eibenschitz. Agram. Prag. Karlstadt. — Feuilleton: Zwischen Hammer und Ambos. — Literatur. — Neue Bücher. — Briefkasten. — Inserate. Gin Köterbiß. Das „Deutsche Volksblatt" läßt keine Gelegenheit vorübergehen, ohne sein System der Niedertracht zu praktizieren. Da ist aus dem Meere der Großstadt dieser Hertzka aufgetaucht, hat mit einer Herostratustat alle Blicke auf sich gelenkt. Der Mann bietet in seinem ganzen Lebenswandel und in seinem Verbrechen Gelegenheit zu einer interessanten Seelenstudie. Er ist eine jener Existenzen, gegen die das Schicksal erbittert zu sein scheint, und auf die es mit hunderten unglücklicher Zufälle Jagd macht, bis es ihn zur Strecke' gebracht hat. Geboren in einer jener Familien, deren ewig drückende Armut die ewig drückende Verzweiflung ist, wo jeder Tag mit der Frage des Franz Moor anfängt und abschließt: warum bin ich geboren und warum so?, kämpfte er mutig und so lange Kraft und Hoffnung reichte, für eine bessere Zukunft. So aufreibend die elend bezahlte Tätigkeit des Lektionengebens ist, erfreute er die Eltern durch brillante Zeugnisse von der Mittelschule. Auf der Technik aber mußte er erkennen, daß die Methode seines Kampfes schlecht sei, daß sie zu keinem Ziele führe. Unverantwortliche, unverständige Ratgeber hatten ihn auf die Laufbahn eines Ingenieurs gebracht, auf der er sich dreimal so hart plagen mußte, wie ein anderer, und dreimal so wenig erreichte. Nüchternheit und Praxis waren die Antipoden seines aufs Träumerische und Sinnende gerichteten Geistes. Er konnte keine Prüfungen machen, er konnte nicht. Zu gleicher Zeit aber bewies er, daß es nicht aus Faulheit geschah, spannte seine Energie nochmals ein, bereitete sich auf die Gymnasialmatura vor, gab weiter Lektionen und studierte Philosophie an der Universität. Aber es war zu spät geworden. Die Lebensglocke hatte elf geschlagen, die Stunde, in welcher Menschen in Hertzkas Alter und Lage eine Stellung mit geregeltem Einkommen suchen müssen. Er sah es ein, verschrieb seine paar Groschen in Papier auf teuer frankierte Offerte. Aber er fand keine Stellung, nicht die kleinste; und nun begann seine Müdigkeit, seine innere Vergiftung mit Hoffnungslosigkeit. Er sah nicht Zweck und Ziel vor sich; da bummelte er und ließ den Geist verbummeln. Die Liebe, die bei jedem Manne zwischen zwanzig und dreißig so sicher eintritt wie später der Tod, kam ihm in den Weg und seine Schwärmerei wuchs ins Uferlose. Bei dem braven Mädchen, das er verehrte und in welchem er den namentlich von den Schwachen so sehnsüchtig gesuchten Menschen fand, der trotz allem und allem an einen glaubt und einen liebt und tröstet, traf er auch den Bruder, der sein Verhängnis wurde. Dieser Prosch, das war ein Mann nach Hertzkas Herzen. Der war draußen gewesen in der weiten Welt, wo dem Kühnen noch das Glück lächelt, wo das Gold auf den Handelsstraßen liegt und es noch weite Landesstrecken gibt, auf denen kein filziges Eigentumsrecht den Arbeitswilligen davonjagt. Fort von den klebrigen Kleinbürgern Europas, fort von den knickerischen Tyrannen des Geldes! Die Beiden suchten das Glück im Erdenwinkel — aber das Reisegeld fehlte. Erst versuchten sie es mit phantastischer Arbeit, fabrizierten Dramen und Opern und hungerten dazu, und als es schließlich so nicht weiterging, kam es aus Begierde, der Unbarmherzigkeit der Gesellschaft zu entkommen, zu jenen phantastischen Verbrechen im Automobil, wie man es nur von Leuten erwarten kann, deren Nerven von der Armut zerrieben wurden. Ein Automobil wollten diese Narren haben, obwohl ihnen eine einzige kühle Minute gesagt hätte, sie könnten damit nur bis zum Landesgericht kommen. Sie haben dabei die frevelnde Hand gegen Menschen erhoben, ein Schimmer von Glück hat sie davor bewahrt, nicht zu Mördern zu werden und niemand wird es wagen, der strafenden Gerechtigkeit in den Arm fallen zu wollen. Aber all das, was zum Verbrechen führte, das ließ jeden Menschen um die möglichste Gnade bitten und die Geschwornen haben sie auch geübt. Denn neben Hertzka ist ein unnennbarer, unsichtbarer Mitschuldiger auf der Anklagebank gesessen, der verwandt ist mit der Armut und mit dem Wahnsinn und mit der Gesellschaftsordnung. Und man hat gebeten, die Schuld dieses Mitangeklagten nicht auch den Hertzka entgelten zu lassen. Nichts mehr. Und soviel war die Pflicht eines jeden, der Mensch sein will der Sittengeschichte nach und nicht nur nach der Naturgeschichte. Aber das „Deutsche Volksblatt" will das eben nicht. Es will ein antisemitisches Organ sein und alles Menschliche ist ihm fremd. Die Presse aller Länder und Parteien rühmt sich, die Trägerin der