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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1908-01-17 · 3 (17.1.1908) · page 9

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
25 (1908)
Issue
3 (17.1.1908)
Date
1908-01-17
Page
– (sequence 9)
Language
German
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Ar. 3 Dr. JBiocb ö Mocvenscvrin. Seite 49 immer wieder sich erneuernde Beifall verhallt war, nahm der Vizepräsident des engeren Aktionskomitees Prof. Marburg das Wort, um über unsere Arbeit in Palästina selbst zu sprechen. Auch die. die uns prinzipiell Recht geben, haben zwei Einwände: Das Land taugt nicht für das Volk, Das Volk taugt nicht für das Land. Dem Lande fehlt Schatten und Wasser; aber der Schatten läßt sich schaffen, wie er einst war, und das Wasser muß nur reguliert werden. Palästina kann zehnmal mehr Menschen ernähren, als jetzt in ihm leben. Seine Möglichkeiten sind nicht nur landwirtschaftliche, sondern auch reiche industrielle. Begünstigt ist es auch vor allem durch feine geographische Lage. Im Jahre 1900 lachten noch die deutschen Bauern in Palästina über die jüdischen und meinten, sie würden nie Landwirte werden. Heute hat der Sachverständige, den die deutsche Regierung nach Palästina geschickt hat, in seinem Bericht erklärt, die Zukunft des Landes liege darin, daß es wieder ein Land der Juden wird. Wir Zionisten haben hier nicht so sehr selbst zu kolonisieren, als die Bedingungen der Kolonisation zu schaffen und die Anfiedlung zu erleichtern. Unsere Institutionen ermöglichen es jedem Juden, an der Erschließung deS Landes mitzuarbeiten. Vor allem ist unser Verdienst auch die kulturelle Arbeit, die bereits schöne Früchte trägt. Unter tosendem Beifall verließ der Redner die Tribüne und wurde von allen Seiten beglückwünscht. Nach ihm sprach Dr. Tschlenow-Moskau. Er erinnerte an die Hindernisse, die gerade deutsche Juden dem Zionismus in den Weg gelegt haben: Die Verhinderung eines I. Kongresses in München, der Rabbinerprotest, die Denunziation Dr. V o g e l st e i n s, die in Rußland und den Vereinigten Staaten traurigen Widerhall gefunden hat. Wenn trotz alledem der deutsche Zionismus eine geachtete Stellung sich errungen hat, so ist das der beste Beweis seiner Lebenskraft. — Weiter zeigte er in schönen Ausführungen die geschichtliche Notwendigkeit des nationalen Gedankens. Nach kurzer Pause gab Böh'm (Wien) eine Darstellung der politischen Kämpfe des Zionismus in Oesterreich, die zu einer nationalen Autonomie der österreichischen Juden, d. h. vor allem zu einer sie alle umfassenden kulturellen Organisation führen müssen. Die heldenmütige Haltung der galizischen Juden während deS Wahlkampfes gibt uns Hoffnungen auch für unsere zukünftige Arbeit. In gewohnter Meisterschaft betonte dann N. S o k o l o w (Köln) die Bedeutung des Zionismus für die Entwicklung des jüdischen Geisteslebens. Die zerstreute Auswanderung tötet den jüdischen Genius, die Konzentration in Palästina läßt ihn neu erstehen. SokolowS mit geistreichen Gleichnissen gespickte Rede entfesselte Stürme des Beifalls. Prof. Weizman n-Manchester deutete vorwärts in die Zukunft, indem er darauf hinwies, was der Zionismus dem Juden geben könnte. Nur in Palästina habe er ganze, 100»ige Juden gesehen. Man nennt uns Idealisten, aber Idealist ist kein Schimpfwort. Freilich gehört zu unserer Arbeit ein ungeheurer Mut. Aber unser Volk, das für andere Nationen soviel getan hat, wird sicher die Kraft ausbrinc^en, sich selbst zu befreien. Das Schlußwort hielt Dr. Heinrich Loewe. In zündender Rede erwies er den Zionismus als jüngste Konstquenz einer alten Geschichte, die von Moses beginnt. Wenn Moses wieder aufstünde, er wäre nicht „mosaisch", nicht „liberal", sondern Zionist. Angesichts unserer Führer, die wir in unserer Mitte sehen, müssen wir uns geloben, als Soldaten wacker unsere Pflicht zu tun und ihnen die Mittel zu schaffen, die sie zur Arbeit für unser Volk und seine Zukunft brauchen. — Um 12 Uhr schloß die Versammlung. Das glänzend verlaufene Massenmeeting bedeutet sicher einen großen Erfolg des Berliner Zionismus. Hunderte von Nichtzionisten wohnten ihm bei, die Sammlungen für den Nationalfond erreichten mehrere hundert Mark; auch für Parteifond und Schekel wurde fleißig gesammelt. Es war eine Kundgebung von erhebender und imponierender Geschloffenheit. ea. Interessante Ziffern ans dem preußischen Etat. Dem soeben veröffentlichten Detailbericht über den preußischen Etat für da« Jahr 1908 entnahmen wir die folgenden Daten, welche auch die J'rden näher interessieren. Im Etat des Kultusministeriums werden gefordert: Für die Unterstützung leistungsschwacher Synagogengemeinden bei der Erteilung jüdischen Religionsunterrichtes in solchen Fällen, wo mindestens 12 Kinder beisammen sind, ftl.c-OO Mark. Als Zuschuß zur Fortführung von Ausgrabungen in Me'^poramien werden 130.000 Mark gefordert. Durch die beabsichtigte Erhöhung deS Nildammes bei Assuan geben mit dem berühmten Tempel von Philae fünfzehn Tempel infolge Ueberflutung für die Wissenschaft verloren. Die Gelehrtenwelt von Frankreich, England und Nordamerika hat bereits Grabungen sowie die topographische und architektonische Ausnahme der Tempel in die Wege geleitet; die Akademie der Wissenschaften in Berlin hat sich dagegen die Aufgabe gestellt, die in den fünfzehn Tempeln vorhandenen Inschriften für die Nachwelt in Abklatschen und Photographien zu retten. Zu diesem Zweck soll eine Expedition nach Egypten entsandt werden. Die hierdurch entstehenden Kosten sind auf 46.900 Mark veranschlagt, die aus Mitteln der Akademie nicht gedeckt werden können. Für das Etatsjahr 1908 wird eine erste Rate von 30.600 Mark gefordert. Russische Greuel. Die russische Gegenwart hat in den letzten Jahren so viele scheußliche Mordtaten gezeitigt, daß die Bevölkerung deS werten Reiches den fürchterlichsten Dingen gegenüber geradezu abgestumpft ist. Der aus Europa Kommende staunt eine Weile über diese Passivität der Gesellschaft. Nach einiger Zelt gewöhnt er sich aber an dre Greuel, von denen die Blätter täglich zu berichten wissen, und wundert sich, gleich dem Einheimischen, über nichts mehr. Au« den Dörfern laufen unaufhörlich Berichte eiu über die Abschlacktungen ganzer Familien. Die Mordbuben kommen in Schlitten angefahren, brechen in die Hütten ein und töten alles, was atmet. Weder Greise noch Kinder werden bei diesen Untaten geschont. Ein Mordgesetz schrint die Unholde zu leiten. Denn immer wieder sind die Umstände bei den Einzeltaten übereinstimmend. Nicht nur alle Menschen, die in der Hütte wohurn, werden umgebracht (selbst nur wenige Monate alte Knider). sondern auch Bi,h und Haustiere, von dem Pferde und der Knb an bis v.im letzten Huhn und zur Hauskatze. Die wahnwitziae Verrohnna dieter Teufel spottet jeder psychologischen Erklä nug. Tie satanischen Untete» muten an wie wilde Delirien saddistischer TollhänSler. Zum Unglück des heimgesnchten Lande« sind es unfaßliche Wahrheiten die noüi lange keine bessere Zukunft versprechen. Tenn ein Bolk. das von einer solchen Mordepidemie erfaßt ist, bedarf innerster Erneuerung. Und ein solcher Prozeß nimmt geraume Zeit in Anspruch. Wie es in dem Hirn solcher Unholde anssehen mag . . . darüber zerbrechen sich bereits einige russische wissenschaftliches Größen den Kopi, vor allen Professor Ssikorski, der bekannte Kiewer Psychiater. Ein furchtbarer Fall, der gegenwärtig in Petersburg verhandelt wird, ist so typisch für diese Maffengreuel, daß man an ihm nicht stillschweigend vorübergehen möchte. In der Gepäckabteilung deS Warschauer Bahnhofs wurde im vorigen Sommer ein Korb gefunden,'der abscheulichen Geruch verbreitete und geöffnet werden mußte. Man fand in ihm die Leiche eines ManneS. Der Kopf fehlte. Wenige Tage sväter erschien bet der Polizei ein gewisser Kusnezow, dessen Frau in ihrem Koldstickereigeschäft mehrere Lehrmädchen beschäftigt, und meldete, daß seine Frau seit einigen Tagen verschwunden sei und daß eine ihrer Schülerinnen gestanden habe, der im Korbe gefundene Leichnam sei der Körper des gleichfalls verschwundenen AftermieterS Jljinski. der von der Frau Kusnezowa ermordet worden sei. Die Angabe erwies sich als wahr. Die Kusnezowa hatte am Mordtage ihre drei Lehrmädchen mit der Köchin Feodorowa in die Badestube geschickt und war selbst mit dem alten Zimmermieter Jljinski zu Hause geblieben. JljinSki war ein Psalmensänger, der sich aber mit Bettelei beschäftigte. Er hatte öfter« geäußert, daß er bereitdas achte Tausend Rubel sammele. Er gedachte mit dem erbettelten Gelde eine Kirche zu erbauen, in der er selbst als Priester angestellt zu werden hoffte. Die Kusnezowa war die Tauftochter des Greises. Als sie mit dem alten Manne allci» war. bat sie ihn, einen Brief für sie zu schreiben. Während sie ihm diktierte, erschlug sie ihn hinterrücks mit dem Beil. Al« die Kinder — es waren drei Lehrmädchen im Hause -- mit der Köchin zurückkamen, mußten sie erst geraume Zeit warten, bis ihnen geöffnet wurde. Am folgenden Morgen erklärte die Frau den Mädchen, daß sie den JljinSki ermordet habe. Sie verbot den Kind-rn unter den schrecklichsten Drohungen, ein Wort zu erzählen, und beschenkte sie mit je 100 Rubel. Dann mußten die Mädchen das blutbesudelte Zimmer auswaschen. Die KnSnezowa aber ging mit dem in Zeitungspapier gewickelten Kopf des Ermordeten in öic Küche, wo sie Feuer anmachte und den Kopf in den Herd steckte. Auf diesem Feuer bereitete sie das gemeinsame Frühstück. Da« intelligenteste der Lehrmädchen erzählte setzt vor Gericht s'hr anschaulich, wie der Schädel im Feuer geknackt habe Nach dem^ Frühstück nahm (die KnSnezowa den angebrannten Kopf aus dem Feuer, zerhackte chn auf dem Küchenbrett nnd warf die rauchenden Reste mir Schutt und Asche und Speiseresten in die Müllgrube. „Jetzt ist alles ausgezeichnet", weinte sie. Am Abend kamen Gäste, es wurde getrunken, die Hausfrau war äußerst lustig, sie sang, spielte aus der Harmonika und tanzte sogar. Unterdeffen lag die Leiche in einer Kiste im Nebenzimmer. Noch am Abend wollte die Ku-nezowa den Leichnam in kleine Stücke schlagen. Die Mädchen sollten dann die Stücke einzeln hinausbrmgen und in den Fo stankakanal werfen. Sie weigerten sich aber, trotzdem sie eingeschüchert waren. Schließlich kaufte die Frau einen Wäschekorb, zerhackte die Leiche, wobei sie beständig vor sich hinschimpfte, wie

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