Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 25 (1908)
- Issue
- 3 (17.1.1908)
- Date
- 1908-01-17
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 48 Dr. Llocbs Mocdenscbrltt. Nisse, Persönlichkeiten und deren Schicksale und Leistungen, sondern auch um die Ideen, die in der Geschichte wallen und fortwirken. Wo man diese Geschichte anfaßt, ist sie interessant. Sie ist volles Menschenleben. Im Großen, wie im Kleinen. Von den großen Wanderungen der Völker des Orients angefangen, die sich in den Geschichten der Patriarchen wiederspiegeln, bis zu der Geschichte irgend einer kleinen Gemeinde in Mitteleuropa. Jede Einzeldarstellung ist ein Mikrokosmus. Das liegt im Charakter des Urjudentums, wie insbesondere des Judentums der Exile und der Diaspora, in der wir bis heute leben. Dem Lehrer der jüdischen Geschichte und Religion eröffnen sich weite Perspektiven. Er kann bei richtig erfaßter Aufgabe unmöglich in trockene Schulmeisterei verfallen. Die Herzen der Schüler müssen sich erwärmen, wenn sie das richtige und gewaltige Bild von der Universalität der Geschichte und des Glaubens der Juden entrollt sehen. Wenn sie nicht schon als Knaben und Jünglinge frivole Materialisten sind, müssen sie gute Juden werden. Und nur das wollen wir und dürfen wir wollen. vom Jahrmarkt des Lebens. Die Gräber der „Vergessenen". Herr Redakteur! Ich bin ein aufmerksamer Leser Ihres Blattes und wollte, — Andere wären es gleich mir. Ich zweiste nicht, daß Sie einen sehr großen Leserkreis besitzen und daß Ihr Blatt sehr einflußreich ist — sonst würde ja auch ich nicht von Zeit zu Zeit Ihre Gastfreundschaft für meine Vorschläge in Anspruch nehmen können, — aber es ist doch ein Unterschied zwischen Lesern und Lesern! Der Eine liest und zieht aus dem Gelesenen keinen Schluß, gelangt nicht zur Nutzanwendung; der Andere nimmt das Gelesene zum Anlaß einer Aktion. Leser letzterer Art sind selten. Ich wurde daran erinnert, als ich die jüngste Nummer Ihrer „Wochenschrift" durchlas und mich über die Verhandlungen in der Vertretung der israelitischen Kultusgemeinde daraus informierte. Mit einem sehr großen Aufwande von juridischen Kenntnissen, mit tiefem Gefühl für Judaismus und mit eifrigem pro et contra wurde die Frage der jüdischen Inschriften auf den Grabsteinen des jüdischen Friedhofes erwogen. Obwohl die Herren über das Prinzip ziemlich einig waren, konnten sie über die Form der Durchführung sich doch nicht einigen und verschoben die Beschlußfassung für die nächste Sitzung. Ich bin überzeugt, daß sie einen billigen Ausweg finden werden und ich hoffe, daß der jüdische Charakter des jüdischen Friedhofes zur Geltung gebracht werden wird. Ich hätte nur gewünscht, daß sich die Herren Vertreter bei dieser Gelegenheit — als eifrige Leser Ihres Blattes — auch eines Artikels erinnert hätten, der vor einiger Zeit unter dem Titel „Die Gräber der Vergessenen" in diesem Blatte erschienen ist. Dieser Artikel verfolgte auch den Zweck, „den jüdischen Charakter des jüdischen Friedhofes" zur Geltung zu bringen — allerdings in anderer Weife, als bloß durch die Aufschrift auf den mehr oder weniger prunkvollen Grabsteinen und Monumenten und Mausoleen! Der Artikel strebte an, diesen jüdischen Charakter durch wahre Pietät für die Verstorbenen ohne Rücksicht auf Stand und Vermögen zur Geltung zu bringen, durch jene Pietät, die dafür sorgt, daß Keines Namen vergessen werde, der dort zur ewigen Ruhe eingebettet ist. Des langen und breiten wurde gestritten um die jüdische Inschrift auf den Grabsteinen derjenigen, die man kennt, aber Niemand hat daran gedacht, daß dort tausende begraben sind, deren Namen weder in jüdischer noch in einer anderen Sprache v-rzeichnet sind. Niemand hat sich „der Gräber der Vergessenen" erinnert, es hat also bei den fleißigen Lesern Ihres Blattes keinerlei Nachwirkung des Artikels „Die Gräber der Vergessenen" stattgefunden. Da nun bis zur nächsten Sitzung wahrscheinlich noch eine Nummer Ihres Blattes erscheinen wird, die Herren Vertreter also noch einmal Gelegen- Nr. v heit haben, sich der „Gräber der Vergessenen" zu erinnern und bei der nächsten Debatte über die jüdischen Inschriften auf den Grabsteinen jener zu gedenken, die keinen Grabstein haben, so bitte ich Sie, Herr Redakteur, diesen Appell an die jüdische Pietät und den jüdischen Gemeinsinn noch einmal zu veröffentlichen. Wenn man ein gutes Werk tun oder unterstützen will — und das setze ich bei Ihnen unbedingt voraus — so darf man nicht mit einem Schlage einen Erfolg erwarten. Vielleicht befreundet sich der eine oder mehrere Vertreter bis dahin mit der Idee und nimmt sie unter seinen Schutz, damit sie in der Sitzung zur Beratung gelange. Ich will ihm die Sache auch noch dadurch erleichtern, daß ich mich darauf berufe, die Einrichtung wäre nichts Neues. In böhmischen — vielleicht auch in anderen — Judengemeinden besteht die Uebung, daß auf jedes Grab unmittelbar nach der Einbettung des Toten eine Tafel oder ein Brett mit dem Namen des Beerdigten in jüdischen Lettern gestellt werde und dieses Brett bleibt dort bis zur Aufstellung eines Grabsteines. Ein Vorbild existiert also bereits. Es handelt sich daher nur um die zeitgemäße Ausgestaltung. Ich hoffe, daß diese Bitte nicht vergeblich bleiben wird. Johann Lichtenstadt. Zur Naturgeschichte des Blutaberglaubens.. Folgende unglaublich klingende und vielleicht -— zur Ehrenrettung des menschlichen Genius sei es gesagt — unwahre Geschichte wird in jüngster Zeit aus Jerusalem berichtet: Die Griechen führen daselbst bei dem St. Stephantore einen Bau auf. Da erzählte eine junge Zigeunerin dem Weibe eine- Fellachen folgenden Vorfall: „Als die Nassara tChristen) vorige- Jahr dasalte Bad bei dem Tore Süna (Jungfrau) Miriam wiederherzustellen begannen, da fanden sie. daß jeder Stein, den sie tagsüber gelegt hatten, in der Nacht heruntersank. Sie gruben deshalb tief in der Erde und fanden eine Höhle, in welcher, von goldenen Kreuzen umgeben, ein „Kitab" oberem Buch lag, dessen Blätter von Gold glitzerten. Da sie sich nicht zu nähern und den Schatz zu heben wagten, so fragten sie einen klugen Unghrabi-Scheikh um Rat, der ihnen sagte, daß sie solange nicht fortkämen, bis sie nicht zwölf Leute töteten und den Ort blutig tränkten. Erst gestern nun — erzählt die Zigeunerin — kam ein Nasrani (Christ) zu unserem Scheikh und bot ihm 20 Liras an, wenn er ihm einen meiner kleinen Brüder überließe. Natürlich wollten wir von so was nicht hören. Wir hören aber, daß neuerlich viele Kinder verschwunden find; unzweifelhaft sind sie von den Nassara und den Juden (!) getötet worden. Ein alter Straßenwächter ist unlängst bei dem Orte tot gefunden worden; er muß zu demselben Zwecke gelötet worden sein." (kalestius Fxploration Fund 1908, 78.) „Der religiöse Liberalismus." Unter dem vorstehenden Titel brachte die „Oesterreichilche Wochenschrift" vom 3. d. M. einen interessanten Aufsatz von Rosa Feigen bäum, welcher von einer sogenannten, in Paris inszenierten Refornitätigkeit des Rabbiners Löwh erzählt. Karikaturen des altehrwüidigen, jüdischen Gottesdienstes! Mir wurde vor nicht langer Zeir ein solcher Gottesdienst sä oonlos vordemonstriert. Es war in Berlin. Sonntag. Früh 10 Ubr. Ich begegne einen mir befreundeten Impresario, der mich einlud, mit ihm eine Vorstellung zu besuchen, „wie Sie eine solche dümmer, langweiliger» lächerlicher und gleichzeitig ernst trauriger sicher kaum noch gesehen haben". Von diesem Programm gelockt, begleitete ich meinen Freund durch den Bahnviadukt Friedrichstraße, dann in eine Nebenstraße rechts. Wir stehen vor einem Hause, an dessen Vorderseite eine Inschrift in hebräischen Lettern zum Eintritt labt und zur — Ehrfurcht mahnt. Ein herrliches Gotteshaus Moderner, kunstvoller Bau. . . . ,.Ab-r, lieber Freund, das ist doch kein Cabaret?" „Doch, doch, treten Sie nur erst ein. Es ist eine Synagoge." Wir treten ein. ick vorerst. Da kommt mir ein Herr entgegen, barhäuptig. „Ich bitte, mein Herr, den Hut abzunehmen 1‘ Ich blicke um mich. In den beiden Bankreihen Damen und Herren, letztere ohne Kopfbedeckung. In den vorderen Reihen je etwa ein Dutzend Knaben und Mädchen Es war Konfirmation anläßlich des Sonntags- (Sabbat-) Gottesdienstes. Das Auditorium bestand augenscheinlich zu 90 Perzent aus Angehörigen der Konfirmanden. Dann einige Neugierige, der Rest bestand aus Tempelbediensteten. Andächtige? Sicher kein einziger.