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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1908-01-17 · 3 (17.1.1908) · page 5

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
25 (1908)
Issue
3 (17.1.1908)
Date
1908-01-17
Page
– (sequence 5)
Language
German
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Wr. Bloch's WochenjitzrifL. Sette 4L Nr. S Männer der großen Versammlung; die Tannaiten und Ackoräer, Saboräer und Gaonen; die spanischen Dichter und Philosophen, Halchisten, wie Agadiften, Tosaphisten und Grammatiker, Chronisten und Historiker. Sie bewegte die Herzen und Köpfe aller Literaten, war die Haupttriebfeder der ganzen jüdischen Menschheit von Moses bis Moses, das heißt von dem Weltgesetzgeber Moses bis zum Philosophen Moses Mendelssohn. Und auch nach diesem. Ein gewaltiger Teil der jüdischen Gesamtliterat itt steht oirekt oder indirekt im Dienste der Religion. Die Größen der jüdischen Geschichte haben ein bestimmtes Verhältnis zu ihr. Auch die ganze Reformbewegung der Neuzeit ist unerklärlich ohne religiösen Trieb und unberechtigt. Unserer Zeit ist es Vorbehalten gewesen, die „Ethik des Judentums" als Schlagwort an Stelle der Religion, sie als Alleinherrscherin auf den Thron Salomos zu setzen; Religion ohne Gott und Gesetz als wünschens- und erstrebenswertes Ziel zu bezeichnen, oder die nationale Einheit der Juden in der ganzen Welt als die einzige zusammenhaltende Kraft hinzustellen. Es wäre vermessen, ein endgiltiges Urteil über die eine oder die andere Richtung zu fällen. Es ist ein tiefes Sehnen, ein sehnsüchtiges Suchen allzumal. Bis heute hat sich die Religion der V ä t e r als das Arkanum bewährt und als das beweiskräftigste Dokument für diese Wahrheit gilt eben die Geschichte. Sie muß also allgemein gekannt sein, damit diese große Wahrheit nicht bezweifelt oder geleugnet werden kann. Sie muß einen Teil, einen großen, wichtigen Teil der Jugendbelehrung ausmachen. Nicht weil wir die Jugend ohne positive Belehrung über den Glaubens- und Lebensinh ilt des Judentums lassen wollen, sondern weil gerade die Geschichte ganz im Gegenteile beweist, unumstößlich beweist, daß die Religion eS n'ar, die das alte historische Judentum, wie das Judentum der Diaspora zu einem bedeutenden Kultnrfaktor gemacht hat. Die Darstellung der Geschichte ist also in diesem Sinne Religionsunterricht. Daß in diese Darstellung alle großen Erlebnisse und Ereignisse, Schicksale und Leistungen ausgenommen werden, die nicht direkt mit der Religion znsammenhängen, ist einleuchtend. Denn nicht die Geschichte der Religion, sondern die der Juden soll gelehrt und gelernt werden. AuS dieser Geschichte sollen die Knaben und Jünglinge. Mädchen und Jungfrauen erfahren, was das Judentum im Verlaufe der Zeiten erlebt, gelitten und geleistet hat. Sie müssen es in einer Form und Weise erfahren, daß diese Geschichte, selbst wenn man von ihrem Hauptmotive, der Religion, zeitweilig absieht, immer respektgebietend, kostbar und mit ewigen Werten ausgeftattet erscheint. Das stellt an den Lehrer Forderungen, die nicht leicht zu erfüllen sind. Die jüdische Geschichte tritt so in ungewollte Konkurrenz mit der Geschichte der Griechen, Römer und Germanen. Sie läuft bei der Darstellung der Diaspora bis zur Gegenwart parallel mit der Geschichte aller Kulturvölker der Welt. Die Erzeugnisse jüdischen Geistes haben im Verlauf der Darstellung mit den Erzeugnissen des klassischen Altertums und der Neuzeit den Vergleich auszuhalten. Nichts Geringeres als Kenntnis der Universalgesch chte und eines beträchtlichen Teiles der außerjüdischen Weltliteratur wird von dem tüchtigen und erfolgsicheren Lehrer gefordert werden müssen. Ist schon die Beherrschung der räumlich und zeitlich so gewaltig ausgedehnten jüdischen Geschichte eine schwer erfüllbare Forderung, so wird sie durch die angegebenen, keineswegs übertriebenen Ergänzungen umso schwieriger und größer. Ihr nach Möglichkeit gerecht zu werden, maß der sehnliche Wunsch und das unausgesetzte Streben des jüdischen Religionslehrers an der Mittelschule sein und bleiben. Die Frage liegt auf der Hand: Warum lernen weder die Katholiken noch die Protestanten in der Religionsstande Geschichte? Sie lernen die Geschichte ihrer Religion und der Völker, die ihr angehören, in der Universalgeschichte kennen. Der Geschichte des biblischen und nachbibtischen Judentums ist in diesem Rahmen nur eine unsagbar bescheidene Stelle angewiesen, wenn sie nicht gar falsch dargestellt oder ausgeschieden wird. Es ist also unabweisliche Pflicht des Religionsunterrichtes an den Mittelschulen, solange er in dem Lehrplane besteht und aufrechterhalten wird, Jüdische Geschichte als eine seiner Hauptaufgaben zu betrachten und zu erfüllen. Die Erfüllung dieser geradezu heiligen Aufgabe darf aber um keinen Preis auf Kosten anderer, nicht minder wichtiger Bestandteile des Religionsunterrichtes erreicht werden. Es besteht oder entsteht leicht die Neigung, die Religion ob der Geschichte zu verkürzen oder zu vergessen. Nach der vorherigen Auseinandersetzung scheint es allerdings unmöglich, in diesen Fehler zu verfallen. Der Leyrer der jüdischen Geschichte ist aber nicht immer so voll gerüstet, daß er die rein religiösen Ideen und Triebe aus dem vielverschluugenen Ganzen auszulöseu in der Lage wäre. Die Darstellung des spezifisch jüdischen Lehrinhaltes, die Ueberlieferung der Vorschriften und Weisungen, die in ihrer Gesamtheit das G e s e tz ausmachen und ihren Urgrund in der Thora finden, ist ebenso unvermeidlich wie die Be- Kh.ung über das, was man jüdische Ethik nennt. Die jüdischeLebensführung und Lebenshaltung kann und darf nicht unerörtert bleiben. Der Historiker muß darauf bestehen, daß sie in angemessener, ernster und verständlicher Weise besprochen und gelehrt werde. Es wäre im höchsten Grade unhistorisch, diesem Teile des Religionsunterrichtes, der im ganzen Verlauf der Geschichte des jüdischen Volkes im Vordergründe steht, keine respektvolle Aufmerksamkeit zu schenken. Ebenso unhistorisch wie es ist, von Gott und der Vorsehung nicht zu sprechen. Denn ohne Glauben an Gott und dessen Vorsehung gäbe es keine Geschichte des Judentums; wenigstens nicht so wie sie ist. Wie sie sonst wäre, ist uns unbekannt. Und wir lehren sie nur. wie sie ist. Nicht, wie sie vielleicht die Moderne gerne wünschte. Es muß also notwendig auch die Thora gelehrt werden. Sie ist ja, wie sie selbst sagt, unser Leben. Ihre religionsgesetzlichen Weisungen müssen gekannt sein. Ob beobachtet oder nicht. Denn damit, daß ein großer Teil des modernen Judentums sich nicht durch sie gebunden hält, sind sie nicht aufgehoben. Der weitaus größere Teil der jetzt lebenden Juden beobachtet sie. — Sie gelten also als zur Religion gehörig. Sie müssen gelehrt werden. — Oder soll es etwa verschwiegen werden, daß Rabbi Akibah mit dem Worte „echod" ans den Lippen starb? Verschwiegen werden, daß die Juden des Mittelalters in treuester Beobachtung der jüdischen Satzungen lebten, daß Mendelssohn sich durch das Gesetz verpflichtet erachtete und Niemandem das Recht zugestand, es zu ändern. Daß es bis zum heutigen Tage Männer der höchsten Aufklärung und Bildung sind, die im Gesetze leben? Kein Wunder fürwahr, wenn man dann die Lehrer der Religion und Kat exochen die Rabbiner fürrück ständigeMumienhüter oder Heuchler hielte. Daß man dies tut, dafür könnte ich Beweise aus Kreisen anführen, in denen man solche Frivolität nie und nimmer erwarten dürfte! Damit wollte ich jedoch nur sagen, daß die spezielle Religions- und Sittenlehre einen notwendigen Teil des Religionsunterrichtes bilden muß. Schweigen wollen wir von Katechismen und Religionsbüchern anderer Konfessionen. Hätten wir solche oder würde bei uns in ähnlicher Weise gelehrt, Empörung ginge durch alle Lager. Drüben herrscht ergebenes Schweigen. Uns aber obliegt die sittliche Pflicht, die Geschichte des Judentums zu lehren und in ihr auch den großen Gedanken der Religion als entwickelt und erlebt darzustellen. Wie in der Geschichte aller Völker der Welt handelt es sich auch in der des Judentums nicht allein um die Kenntnis der wichtigsten Greiz-

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