Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 25 (1908)
- Issue
- 3 (17.1.1908)
- Date
- 1908-01-17
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
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Nr. 8 «rite 44 Mr. 3S10CD s MLocvens. onn° schaft genossen." — Das ist gewiß so klar und nicht minder wirksam als das Wort: „Liebet euere Feinde". Daß das Judentum nicht exklusiv ist, sondern, von universalistischer Tendenz getragen, die ganze Menschheit umfaßt, hat der Oberrabbiner der Wiener Knltusgemeinde, Dr. Güdemann, in seinem jüngst erschienenen Buche31) durch Heranziehung des darauf bezughabenden Materials dargetan. Ich möchte nur noch einiges hinzufügen: Rabbi Simon b. Jochai, um die Mitte des zweiten Jahrhunderts, der es mitangesehen, wie die Grausamkeit Roms Judäa verwüstet und das jüdische Volk erbarmungslos niedergetreten hatte, der, um dem Tode durch Römcrhand zu entgehen, jahrelang in strengster Verborgenheit leben mußte, läßt Gott folgendermaßen zu seinem Volke sprechen: „Ich bin der Gott aller Erdenbewohner, habe meinen Namen nur darum mit euch verknüpft, damit ihr ihn in der Welt verbreitet und zu Ehren bringet." 3a) Der Prophet Jeremia nennt Gott nicht den König Israels, sondern den König der Völker. „Du selbst, o Herr", ruft er aus, „hast es mich gelehrt, indem du zu mir gesprochen: Ich mache dich zum Propheten der Völker." 83) Ein Ammoniter kam einst in die Versammlung der jüdischen Gesetzeslehrer und fragte: „Könnte ich in den Verband des Judentums ausgenommen werden?" „Es darf nicht fein" antwortete der Vorsitzende, „denn also heißt es: Der Ammoniter und Moabiter darf nicht in die Gemeinde Gottes kommen." Da erhob sich eines der hervorragendsten Mitglieder des Kollegiums und rief: „Es ist wohl gestattet. Das biblische Verbot hat heute keine Geltung mehr, denn König Sanherib hat durch seine vielen erfolgreichen Kriegszüge alle Völker durcheinander gewirbelt, so daß man heute nicht mehr mit Bestimmtheit die Zugehörigkeit irgend eines Menschen zu einem gewissen Volksstamme behaupten könne." Die Majorität entschied in diesem Sinne und von da ab war der Eintritt des Ammoniters ins Judentum gestattet. **) — So geht die universalistische Tendenz selbst über das klare Bibelwort hinweg. Und das ist die Anschauung und Praxis der Pharisäer, denen man eine besonders weltscheue und menschenfeindliche Auffassung des Judentums zuschreibev will. Es ist dies auch die treffendste Kritik, die in dieser Weise schon vor achtzehnhundert Jahren an der uun modernen Rassentheorie geübt wurde. (Fortsetzung folgt.) IL-ifchr Geschichte «l» Teil de». Religionsunterrichtes. Von Rabbiner Dr. D. Feuchtwaug, Inspektor deS Religionsunterrichtes an Mittelschulen. Es gilt heute mit vollem Rechte als selbstverständliche Forderung, daß der jüdischen Geschichte bei dem Religionsunterrichte au Mittelschulen ein Ehrenplatz eingeräumt werde. Es war nicht immer so. Die Zeit liegt nicht allzuweit zurück, da die Geschichte des Judentums ein nur wenig oher gar nicht gepflegtes Gebiet gewesen ist. Man erachtete es als vollkommen hinreichend, psenn in den Schulest — damals konfessionellen Charakters — die heiligen 'Mchristeu und das Gesamtgesetz der jüdischen Religipu gelehxt und gelernt wurde. Und es war auch hinreichend. Das jüdische Leben stand in voller Blüte; das jüdische Huus stand auf sicherem Grunde, die jüdjsche Erziehung lag in den treuen Händen der Lehrer, mch Erzieher, der Eltern. Die Religion war nicht nur Lehre; sie war, was sie seit Menschengedenken gewesen und immer hätte bleiben sollen: pulsierndes Leben. *>) Jüdische Apologetik 46 ff. ") Ruth rabba cap. 1 v'-ip 'NI bsh 03K bti*?* ") Jalkut zu Jeremia 10. 7. 3<) Jad. IV. 4. Berachoth 28 a. In allen Fasern und Nerven des jüdischen H a u s e s, der Schule, der Gemeinde war jüdisches Leben eine lebendige Kraft. Das gesamte private und öffentliche Leben stand unter der Herrschaft, fast Allkinherrschaft, der jüdischen Religion. — Tisch und Tafel, Buch und Schrift, Recht und Gesetz, Muße und Geschäft, Freud und Leid, Einzelner und Gesellschaft, Haus und Hof, Herr und Knecht — alles stand unter der herzlich gerne ertragenen Diktatur der Religion, der Frömmigkeit, wie man es zu neunen pflegte. Es war nichts anderes, als die in das ganze Leben hineingetragene Führung und Haltung, wie sie die religiösen Gesetzbücher des Judentums vorschreiben. Eine weitere Nachfrage nach der Geschichte des Judentums, als sie durch die Bücher der Heiligen Schrift, die erbaulichen Erzählungsbücher, Midrasch und Talmud, beantwortet war und befriedigt werden konnte, bestand nicht oder doch nur in ganz vereinzelten und vereinsamten Kreisen. Das große historische Erwachen und Erwecken überkam die Juden erst mit dem Eintritte in die modernste Kultur. Der Neligionskodex, die heiligen Schriften in heiliger Sprache allein konnten nicht mehr völlig befriedigen. Diese moderne Kultur brachte freudig begrüßte Gaben und forderte — Opfer. In Oesterreich zumal ist ein stetiger Rückgang des überlieferungstreuen religiösen Lebens seit etwa fünfzig Jahren dem ehrlichen Zeitbeobachter nicht entgangen. Wie manch' andere Kulturwerte, wurde auch die jüdische Religion nmgewertet. Ob mit Recht oder Unrecht lassen wir schon deshalb dahingestellt, weil für den realdenkenden Kulturforscher ein von Zeit und Menschen hin gestelltes historisches Resultat oft gelten, mindestens immer berücksichtigt werden muß. Befehlen lassen sich große Weltströmungen nicht, wenn auch sie sich eiudämmen, stauen lassen. Das Interesse eines großen Teiles unserer jüdischen Brüder entfernte sich von dem religiösen und sammelte sich auf dem historischen Gebiete. Mit tiefem Bedauern und unter Feststellung des national-religiösen und überlieferungswidrigeu Fehlers, der hier oft begangen wurde und wird, müssen wir die Tatsache als gegeben betrachten. Es darf bei dieser Gelegenheit aber nicht verschwiegen werden, daß die großen Kämpfer für die Sache des Judentums, die Märtyrer, die Hunderte und Tausende, die dasLeben um den Glauben ließen, aus dem religiö s-n ationalen oder nur religiösen Judentum erzeugt und geboren worden sind; nicht aus dem Teile, der sich zwar sehr warm, aber immerhin etwas akademisch für die große Geschichte unseres Volkes interessiert und sie mit begierigem Eifer kennen zu lernen allezeit bestrebt ist. Auch heute werden die beklagenswerten Blutzeugen und haßverfolgten Getreuen noch immer in den Reihen der Religiös-Nationalen gesucht und gefunden. Und soweit unser geschichtliches Gedächtnis znrückreicht, war das immer so. Gerade unsere Geschichte beweist uns unwiderleglich, daß die Religion es war, und f i e a l l e i u, um die durch I a h r t a n s e n d e gelitten, und um deren ungetrübte Reinhaltung ein ganz ein zig da st ehender Leidensweg bis zur Stunde zurückgelegt werden mußte. Gerade deshalb ist es nötig, daß man diese Geschichte so genau wie möglich kennen lerne. Unlogisch und unwahr, ja unmöglich ist es, jüdisch e Geschichte losgelöst vom religiösen Gedanken betrachten zu wollen. Wenigstens ist es bis heute so. Ganz gewiß. Es gibt auch eine Politische Geschichte, Wirtschaftsgeschichte, Handelsgeschichte, Finanzgeschichte rc. In erster Reihe aber stand die Religion. Auch in den Zeiten der größten Aufklärung der Geister. Sie begeisterte und erfüllte die Propheten gleichwie.;die