Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 25 (1908)
- Issue
- 3 (17.1.1908)
- Date
- 1908-01-17
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
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Rr. 8 Dr. LLocb's Mlocdenscbrirr. Seite 43 Herde wilder Esel an ihnen vorbeizog und sich einem von Wald beschatteten Felsen näherte. Moses sei ihnen gefolgt in der Hoffnung, die Tiere befänden sich auf dem Wege zu frischem Wasser und er habe auf diese Weise in der Tat reichliche Quellen gefunden. Zum Dank dafür hätten die Juden ein Bild des Tieres, das sie vor dem Verschmachten rettete, im Allerheiligsten ihres Tempels geweiht und ihm göttliche Ehren erwiesen. Apollonius^) erklärt die Juden als die unbegabtesten aller Barbaren, die allein von allen nichts für den Fortschritt geleistet, und nennt sie gottlos und menschenfeindlich Tacitus nennt sie die tastsrriwn. gens. Sie enthalten sich, sagt er, des Schweinefleisches, weil sie einst au der Krätze gelitten haben. Das Erste, was sie den Kindern beibriugen, ist: die Götter verachten, das Vaterland verleugnen, Eltern, Bruder und Kinder für nichts achten?") Den Höhepunkt der judeufeindlichen Bewegung im Altertum bildet Apion?') An diesem Manne sehen wir, daß die Mittel, die einen Mann befähigen, für den Judenhaß einen großen Anhang zu gewinnen und ihn zu beherrschen, bis heute dieselben geblieben sind. Kaiser T'berius nennt den Apion ,,6Mdu1uw munäi, die Allerweltsschelle". Und wenn heute einer über ein kräftiges Sprechorgan und eine leichtbewegliche Gesinnung verfügt, kann er gleichfalls auf dem Gebiete des Judenhasses die größten Erfolge erzielen. Die große Aehnlichkeit, die die Judenfeinde der Gegenwart mit deren des Altertums haben, beweisen Jsidorus und Lampon (l. Jh.), die immer ihre Kaisertreue hervorheben, aber gegen den Kaiser Claudius sich auflehnen, sobald er ihnen nicht zu Willen ist'"). Apion schimpft, denunziert, greift alles an. Interessant ist es, wie er die Einrichtung des Sabbath, dessen segensvolle Wirkung heute alle Völker begreifen, erklärt. Die Juden seien sechs Tage in der Wüste gewandert, am siebenten, in Judäa angelangt, wurden sie von einer schlimmen Drüsenkcankheit befallen und sahen sich genötigt, zu rasten. Darum nannten sie mit Beibehaltung des egyptischen Wortes den siebenten Tag Sabbath, denn der Schmerz, den diese Krankheit verursacht, heißt bei den Egyptern Sabbatosis"). Dieser Apion lieferte auch das berühmteste Requisit das den Judenfeinden so große Dienste geleistet und über die Juden so viel Unheil gebracht hat, nämlich den Ritualmord. Bei ihm begegnen wir zum ersten Male der Legende, Antiochus hätte im Tempel zu Jerusalem einen gefangenen Griechen entdeckt, der ihm mitteilte, er werde gemästet, um dann geschlachtet zu werden, die Juden äßen dann von seinen Eingeweide» und schwüren dabei den Griechen ewige Feindschaft^^). Aus dem bisher Gesagten ergibt sich das hohe Alter deS Judenhasses, die überraschende Aehnlichkeit der Anstifter, die Gleichförmigkeit der Verleumdungen und Anklagen. D a nun der Judenhaß bis in eine Zeit hinaufreicht, wo dasReligionsgebäude desJudentums noch gar nicht aufgerichtet war und die Juden auch dem Handel fern standen, durfte ich wohl mit Recht sagen, die Wurzeln 18) Lehrer Casars. 19) Josephus c. Ap. 2. 14. *tf) tzist. V. 4. Sue 38 abstinent merito cladis, qua ipsoa «cabies qnondam turpaverat, cui id animal obnoxium. *0 In der ersten Hälfte de? ersten Jahrhnnderts n. Cbr. **) Reinacki, L’empereur Claude et les antis&nites Alexandriens R. E. J. XXXI, 161. *J) Josephus contra Apionem 2. 2. ") Jos. c. Ap. 2. 8. Slähelin a. a. O. 32, bezeichnet diese Erzählung als „bie Spur jenes ensetzlichen Aberglaubens vom jüdischen Nitualmord, der nie mehr ganz ausgestorben ist, sondern immer wieder bald da bald dort anfzutreten pflegt". Hingegen hält Rieder (Allg. Llteraturblatt, XII, Nr. 18, S. 554) noch immer daran fest, daß diese Beschuldigung ein Körnchen Wahrheit enthalten müsse. Es schmerzt ihn, daß selbst christliche Forscher von Aberglauben oder von boshafter Anklage sprechen« des Judenhasses seien weder religiöser noch wirtschaftlicher Natur. Gleichwohl will ich meine These näher begründen und auch aus dem Inhalt unserer Lehre und aus dem Leben des jüdischen Volkes den Beweis erbringen, daß der Judenhaß in unserer Religion keine Rechtfertigung finden kann und daß wir nicht von vorneherein ein Handelsvolk gewesen. Die Anklage, das Judentum sei exklusiv, völkerfeindlich müßte wohl durch den Hinweis auf das Gebot: „Liebe deinen Nächsten wie dich selbst"") endgültig verstummen und alle über das Wort „Nächste" ausgeheckten Klügeleien müßten durch das bald darauf folgende Gebot: „Wie der Eingeborene unter euch soll euch der Fremdling sein und liebe ihn wie dich selbst^) zunichte werden, wenn wir es mit ehrlichen Gegnern zu tun hätten. Die den Israeliten für die Eroberung und Verteidigung Kanaans erteilten Weisungen und die bei diesem Anlasse g übte Praxis dürfen nicht als Gegenstück angeführt werden. Niemand wird Eltern darob tadeln, daß sie ihie Kinder von schlechter Gesellschaft fernhalten und ihnen den Umgang mit sittenlosen Kindern strenge verbieten. Denselben Gesichtspunkt wird jeder vocurteilsloie Bibelleser festhalten und es begreiflich finden, daß der Erzieher des israelitischen Volkes diesem j de Gemeinschaft mit den in Sittenlosigkeit und Verderbtheit versunkenen Völkerschaften untersagte. Der in Notwehr Handelnde wird auch heute nach dem Gesetz von jeder Schuld freigesprvchen. Und ein Akt äußerster Notwehr waren die fortwährenden Kämpfe der Israeliten gegen die sie bedrohenden Völker, die ihnen die noch nicht zu einer festen Organisation zusammengewachsenen Stammgebiete immer wieder zu entreißen suchten. Als Typus des gefährlichsten und unerbittlichen Feindes gilt in der Bibel Amalek. Ein alter Gesetzeslehrer vergleicht ihn mit einer giftigen Fliege.'") Die Fliege setzt sich mit Vorliebe auf eine wunde Stelle des menschlichen Köipers. So deckt auch der Feind stets unsere Schwächen auf und wählt sie zum Angriffspunkt. Die Giftfliege pflegt jedoch dem Menschen an gesunden Stellen eine Wunde beizubringen, um sich daun in sie festzubeißen. Diese Methode befolgen auch die Feinde. Sie dichten uns Fehler an, um sie dann zum Ausgangspunkt ihrer Anfeindungen zu machen. Gegen diese Feinde müssen wir uns verteidigen, so wie man eine giftige Fliege abwehrt. Wir müssen unser Leben und unsere Ehre verteidigen. Das ist eine religiöse Pflicht. Denn nach jüdischer Auffassung ist das Menschenleben heilig, und zwar jedes Menschenleben ohne Unterschied. Läßt doch die Bibel alle Menschen von einem Menschenpaar abstammen, so daß alle als Brüder erscheinen. Hekatäus von Abdera schreibt: „Zur Erinnerung an die eigene Austreibung aus Egypten führte Moses eine menschenscheue, menschenfeindliche Art des Lebens ein." '") Diese Bemerkung tft genau so richtig wie die andere, daß Mose den Himmel, der die ganze Erde umfaßt, für den einzigen Gott und den Herrn des Weltalls ansieht. Mau könnte also ruhig über sie hiuweggchen, wenn sie nicht heute noch immer wieder hervvrgeholt würde. Wer die Bibel auch nur oberflächlich kennt, wird wissen, daß alle Gebote der Liebe, der Milde, der Barmherzigkeit an Egypten geknüpft sind. Die Erinnerung an Egypten sollte m dem Israeliten nicht das Gefühl des Hasses und nicht Rachgier auslösen, sondern das Mitleiden und Nachfühlen: „Den F-emden sollst du nicht kränken und nicht bedrängen, denn Fremde wäret ihr in Egypten/"") Ferner: „Du sollst den Egypter nicht verabscheuen, denn du warst ein Fremdling in seinem Lande.3Ü) Du hast seine Gastfreuud- “) Lev. 19, 18. «) Das. 19, 34. *7) Tanchumo zu Deut. 25. 17 ed. Buber, S. 40. kvw -21 nsan inx trr6. *8) Tlodor 40. 3. "») Ex. 22. 20. »°) Deut. 23. &