Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 25 (1908)
- Issue
- 2 (10.1.1908)
- Date
- 1908-01-10
- Page
- – (sequence 18)
- Language
- German
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Seite 88 Dr. Llocv s MocbenscvrM. Nr. 2 „Fertig" knurrte er und schob mehrere Stöße Bank-- uoten in den Kasten, den er vorsichtig abschloß. „Also, wo mit kann ich dienen?" wandte er sich mit dem Ausdruck unverkennbaren Unmutes an den Roten. „Sie mir dienen?" schmeichelte die Klugheit, „jnst umgekehrt, ich will Ihnen dienen!" „Auch recht", brummte Beuzion, „womit wollen Sie mir dienen?" „Natürlich mit Gutem, nur mit Gutem!" „Und wie nennt sich dieses Gute?" „Eine Partie für Ihre Esterka." „Oho!" rief Beuzion verwundert, „seit wann ist die Klugheit unter die Heiratsvermittler gegangen?" „Für Sie, Rlb Bevzionleb", schmeichelte der Rote süßlich, „geht die Klugheit sogar durchs Feuer!" „Und um was für Partie handelt es sich?" „Noch bin ich nicht so weit, vorher eine Frage!" „Meinetwegen, lassen Sie hören — also!" „Meine Frage lautet", begann der Rote langsam und lauernd, „ob Sie meinen Neffen Siegmund Reismann kennen, der in Berlin Disponent eines großen Geschästshauses ist?" „Was!" fuhr Benzion wie von einer Viper gebissen in die Höhe, „Siegmund Reifmann — das soll Ihre Partie sein?" Die Klugheit sah ein, daß es Zeit sei, durch das sich offen gelassene Hinterpförtchen zu entschlüpfen. „Allerdings", pflichtete er mit einem breiten Schmunzeln bei, „aber bevor Sie sich ärgern, müssen Sie mich anhören. Ich habe Sie gefragt, ob Sie diesen Reifmann kennen, weil ich gehört habe, daß Heiratsvermittler sich mühen, Sie für diese Partie zu bereden. Wie aber, frage ich, kommt diese Partie zu Ihnen? Als Ihr bewährter Freund bin ich eigens zu Ihnen gekommen, um Sie vor dieser Partie zu warnen. -Das ist nichts für Sie. .Ihre Schwiegersöhne müssen von ganz anderer Art sein, mehr nach altem Zuschnitt — Sie verstehen mich wohl!" „So?" atmete Benzion, wie von einem Alpdruck befreit, auf, „dann läßt sich mit Ihnen ein Wort reden". „Mit wem denn, wenn nicht mit mir? Die Partie, zu der ich Sie bereden will, ist dieselbe, wegen der man jetzt mit Ihnen unterhandelt." „So wissen Sie also auch davon", fragte Benziou verwundert, „daß man jetzt wegen einer Partie mit mir unterhandelt?" Die Augen des Roten blinzelten wie die einer Katze, die dem Mausloche auf der Spur ist. „Freilich weiß ich," sagte er gedehnt, „daß Benjamin Höcker Ihnen eine Partie vorgeschlagen hat. Aber das tut nichts zur Sache. Wie Sie wissen, gehört er nicht zu meinen Freunden, aber das Gute erkenne ich auch meinen Feinden an. Tatsache, die vom Höcker unterhandelte Partie ist die allerbeste!" Beuzion überlegte eine Weile. Das Gescheiteste wäre, sagte er sich, beide in meinen Dienst zu vereinen, denn so werden sie mir noch am wenigsten schaden. „Ja," sagte er nach einer kurzen Welle laut, „auch ich bin der Meinung, daß Rib Meudl Rebhuhns Jüngel der beste Mann für meine Esterka wäre und ich würde Sie sogar bitten, daß Sie in der Sache mittun, daß Sie und Rib Benjamin vereint diese Partie zur Ausführung bringen." Die Augen des Roten blitzten noch Listiger auf. Jetzt hat er unerwarteter Weise sogar den Namen erfahren und das Wichtigste, jetzt war er außer Zweifel, daß Benjamin Höcker die Partie unterhandelt. „Vor allem", ermahnte ihn Benzion, „ist es dringend geboten, daß die Angelegenheit vorläufig Geheimnis bleibt. Ja, auch meine Frau und noch weniger Esterka darf etwas davon erfahren, denn diesen Weibern steckt dieser Siegmund Reifmann im Kopse. Erfahren sie jetzt schon etwas von unserem Geheimnis, dann kanns leicht geschehen, daß sie unseren Plan durchkreuzen. Also heißt es reinen Mund halten. Einen Mann, wie Sie, braucht man übrigens auf so etwas nicht erst aufmerksam machen. Sie wissen am besten, wann das Reden nützt und wann das Schweigen." Nein, man brauchte ihn wirklich darüber nicht erst zu belehren, und deshalb versäumte er keine Zeit und lief durch die Hinterstiege in die Gesindestube zu Esterka und ihrer Mutter und teilte ihnen in aller Eile mit, daß Benjamin Höcker für Esterka eine Partie unterhandle und daß, wenn sie nicht energisch sich dagegen wehren, Esterka statt Siegmund Reifmann, das grüne, unreife Söhnlein des Rib Bendid Reifmann zum Mann bekommen werde. Die paar Worte verfehlten nicht ihre Wirkung, beide waren wie vom Blitz getroffen. Uns bleibt noch übrig, den Leser mit Siegmund Reifmann näher bekannt zu machen. (Fortsetzung folgt.) Literatur. Wer ifts? Unsere Zeitgenossen. Zeitgenossenlexikon, enthaltend Bwgraphien nebst Blbtiographien. Angaben über Herkunft, Familie, Lebenslauf, Werke, Lieblingsbeschäftigungen, Parteiangehörigkeit, Mitgliedschaft bei Gesellschaften, Adresse. Andere Mitteilungen von allgemeinem Interesse. Zusammengestellt und herausgegeben von Herrmann A. L. Degener, III. Ausgabe, vollkommen neu bearbeitet und wesentlich erweitert. Leipzig, Verlag von H. A. Ludwig Degener 1908. 10 Mk. Orig.-Lwbd. Unter obigem Titel hat der Leipziger Verleger Degener ein internationales Zeitgenossenlexikon herausgegeben. Es ist dies ein streng objektives Werk mit genauen Angaben über die verschiedensten Kategorien namhafter Zeitgenossen, in Fällen, in denen dar Konversationslexikon, Kürschners Literaturkalender u. a. versagen. Von allen zur Zeit existierenden ähnlichen Unternehmungen kann dieses bio-bibliographische Werk wohl den bestbegründeten Anspruch auf Vollständigkeit und Ausführlichkeit machen. Bedenkt man, daß die soeben erschienene dritte Ausgabe 18.000 Biographien, 1760 Seiten, bei holzfreiem Papier, deutlichem Drucke und guter Ausstattung enthält, so wird man den Preis von 10 Mark für das schön gebundene Buch nicht zu hoch finden. Für uns Juden, insbesondere Oesterreicher, ist es von großem Interesse, durch dieses Werk zu erfahren, wie viele von diesen oberen Zehntausend Juden oder Judenstämmlinge sind. Moriz Hartmanns gesammelte Werke. Erster Band. Moriz Hart- Wmanns Leben und Werke. Ein Beitrag zur politischen und literarischen Geschichte Deutschlands im XlX. Jahrhundert von Dr Otto Wittner. Zivei Teile mit neun Lichldruckbildern, Prag, I. G. Calvesche k. u k. ^Hof- und Universitätsbuchhandluna (Josef Koch) 1906—1907, 12 Mk. „Sah ich eine Persönlichkeit wie Moriz Hartmann an, so versetzte sich meine Phantasie völlig und gleichsam von selbst in jene Jahrhunderte - wie mir überhaupt die Zeiten nicht vergehen und alles Dasein beständig da ist — wo die feinen Köpfe des Südens, tolerante Mauren und gelehrte Juden, mit einem Hohenstaufen oder Abenceragcn an den lichtumflossenen Höfen zu Palermo oder zu Granada die Symposien einer schönen Menschlichkeit hielten und aus den Rainen der griechischen Blldung neue Blüten lockien und heiteren Lebensgenuß üblen und verfeinernde Künste trieben und die Natur erforschten und Wissen verbreiteten, als noch die halbwilden Völker der nordischen Wald- und Nebellande in papstumnachteter Barbarei die Knochen der Heiligen anbeteten und ihre Metaphysik mit Scheiterhaufen erleuchteten. Die milden Herzen und verständigen Sinne jener hellenischen Semiten waren die wirklichen Kirchenväter der europäischen Humanität, und gerne möchte ich die Züge der Väter dem Urenkel leihen, oder die seinigen jenen. Als endlich auch dem nordischen Boden und dem spröderen Germanenblute ein Hellene entsproßte, so war es dann freilich ein Goethe und er ragte über Granada und Palermo wieder hmaus. Aber der Germane wandelt nicht ungestraft unter Palmen, wie sie z. B dem Semiten eine straflosere Wandelbahn. Das eben war mir das reizende, ich möchte sagen ethnographische Schauspiel an Moriz Hartmanns Hellenismus .... Wenn Moriz Hartmann m die Gruppe Heine gehört, allerdings als ein schwächerer Heine, so ist er das letztere nur darum, weil er einen Fuß näher auch bei der Gruppe Börne hat. Zwar nicht als Raisouneur, aber als Charakter. Er trägt st ine Rüstung, die Börne auswendig und Heine gar nicht trug, inwendig. Und wahrlich, es gehörte die ganze Rüstung jener tieferen Energie dazu, um in einem unaufhörlichen, fast 30jährigen Wanderleben Bücher zu schreiben, wie sie Heine an einem stationären Schreibtische ausgearbeitet, und keineswegs leichtere Ware! Sturmglocken, wie sie „Der Krieg um den Wald" läutet, hätte Heine's Hand nicht ziehen, Heine's Ohr nicht aushalten können. Töne, wie sie der „Pfaffe Mauritius" gelegentlich anschlägt, können an den Zorn Schadai's und an den Schmerz Jeremias erinnern! Selten hat ein Viveur, ein Feuilletonist, ein leicht-