Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 25 (1908)
- Issue
- 2 (10.1.1908)
- Date
- 1908-01-10
- Page
- – (sequence 17)
- Language
- German
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Nr. 3 A-r. Vlortz's Wochrnsrtrrlfi. Seite 37 Ein jüdischer Friedensrichter in Südafrika. Der Gouverneur der Capkolonie hat Herrn E. H. Cotton zum Friedensrichter für Port Elisabeth ernannt. Mr. Cotton ist der Sohn des gewesenen Präsidenten der Bournemouther jüdischen Gemeinde Mr. Aaron Cotton. Der neue Friedensrichter hat seine Studien an der Londoner jüdischen Hochschule „Jews College" absolviert und ist seit mehreren Jahren auch Präsident der jüdischen Gemeinde von Port-Elisabeth, deren Synagoge er zum großen Teile aus eigenen Mitteln Herstellen ließ. Feuilleton. Zwischen Hammer und Awlros. Eine lustige Geschichte aus Galizien. Von Nathan Samuely. E r st e's^K a p'it e l. „Die „F r ö m m i g k e i t" und die „Klugheit" - was sind das doch für zwei schwere Hausplagen!" So brummt sich Benzion Geldhaber, ein untersetzter Manu von derbem Aussehen, in den struppigen Bart — „kommt aber alles nur auf die richtige Anwendung an! Mir sollen sie beide nur Nutzen bringen. Mit der „Frömmigkeit" ist bereits guter Anfang gemacht. Die Partie, die sie für meine Esterka unterhandelt, steht mir just zu Herzen. Und die „Klugheit" — nur Geduld! auch für diese wird sich mit der Zeit die rechte Verwendung finden!" Damit Du, lieber Leser, keinen Augenblick daran glaubst, daß in dem frommen und zugleich klugen Städtchen St., in dem unsere Geschichte spielt, die „Frömmigkeit" und die „Klugheit" zu der Sorte von Heiratsvermittlern zählen, sei hinzugefügt, daß es sich hier nur um zwei Personen handelt, die in jenem Städtchen solche kuriose Spitznamen führen. Benzion Geldhaber selber, der in so respektloser Weise von der „Frömmigkeit" und der „Klugheit" sprach, machte nicht wenig Anspruch drauf, fromm und mehr noch klug zu sein, wofür er sich alle Zeit auf „tausender von Zeugen" beruft, nämlich auf die Hunderttausende von Gulden, die er nebst andern Besitztümern sein eigen nannte. Mit dieser Klugheit verband er aber auch eine Schwäche, welche ihn in der Gemeinde sehr mißliebig machte, nämlich unerbittliche Hartherzigkeit gegen Arme, ja gegen Jedermann, selbst gegen seine eigenen Kinder. Mehr aber als alle Kinder, welche bereits verheiratet waren, hatte seine jüngste, noch ledige Tochter Esterka unter der Hartherzigkeit des Vaters zu leiden, da sie, an seine Seite gefesselt, täglich und stündlich die wilden Ausbrüche seines Zornes ertragen mußte. Aber trotz der rohen Atmosphäre, in welcher Esterka dem Leben entgegenreifte, gedieh sie an Körper und Geist zu einem liebreizenden Geschöpf, und wunderbarer Weise entwickelten sich in dem jungen Mädchen Anschauungen über ihre Zukunft, welche die Nähe eines solchen Vaters gar nicht vermuten ließen. Derjenige — war ihr fester Entschluß — dem sie einst Herz und Hand schenken sollte, müsse von ganz anderem Schlage sein, als alle die Männer, welche der Vater ihren Schwestern gegeben. Vor allem müsse er die Fähigkeit besitzen, sich durch eigene Kraft eine ehrliche und selbständige Existenz zu gründen. Aber während dieser Gedanke in dem Kopfe des holden Töchterchens sich festsetzte, hatte ihr Vater bereits einen ganz anderen Lebensgefährten für sie ins Auge gefaßt: ein grünes, unreifes Jüngelchen, das stets in Abhängigkeit von ihm bleiben müßte. Solch ein Schwiegersohn entsprach seinem Geschmacke am meisten, erstens weil er sich um einen Spottpreis anschaffen ließe, vor allem aber, weil dann Esterka, die er nicht missen wollte, in seiner Nähe bleiben würde. Anstellig und geweckt, wie sie war, bildete seine jüngste Tochter in dem großen Rauchwarengeschäfte, das Benzion betrieb, seine rechte Hand, vertrat, ihn in jeder Beziehung, wenn er, was sehr oft der Fall war. sich auf Reisen befand. Würde sie einen Mann heiraten, der Kraft genug besäße, sich eine unabhängige Stellung zu verschaffen, dann müßte er auf ihre Mithilfe verzichten oder gegen schweres Geld Ersatz schaffen, gegen welches der Eigennutz des hartherzigen Mannes sich aufbäumte . . . Benzion wollte grundsätzlich bei sich keine Gäste sehen. Gäste sind kostspielig, war sein ewiges^Wort. Nur zwei Gäste bildeten in dieser Beziehung bei ihm eine Ausnahme, indem sie in seinem Hause freien Eintritt hatten. Allerdings waren diese Bevorzugten nicht von gewöhnlichem Schlage und überdies ließen sie sich auch nicht so leicht abweisen, diese beiden waren eben die Träger jener sonderbaren Spitznamen : die K l u g h e i t nnd die Frömmigkeit. Die Klugheit, die nebenbei der rote Jtzig Hersch hieß, war wohlbeleibt und zeichnete sich durch einen schreiend roten Bart aus, der, je nach Laune und Stimmung seines Besitzers, ihm bald mißmutig und zerzaust vom feisten Gesichte herniederhang und bald wieder dasselbe breit und rund, wie ein Pfauenrad, umkreiste. Die „Frömmigkeit" hingegen, die man auch Benjamin Höcker nannte, war spindeldürr und nur an einer Stelle übermäßig dick, an der rechten'Schulter nämlich, der ein mächtiger Höcker aufsaß, welcher ebenfalls, je nach Laune und Stimmung des damit Begnadeten, bald lässig in sich zusammenkroch und bald munter in die Höhe ragte. Die Klugheit hatte eine volle breite Baßstimme, die Frömmigkeit hingegen, die mit der Zunge etwas anschlug, verfügte über ein quickendes Fistelstimmchen. Die Lebensdevise der Klugheit lautete: „Der Mensch solle sich bei all seinem Tun und Lassen ein Hinterpförtchen offen lassen." Die Frömmigkeit wieder verdrehte die Augen und wisperte: „Nicht mich meine ich, sondern tue alles zu Ehren Gottes und zum Wohle der Gemeinde!" — Beide waren einander spinnefeind und dehnten ihren Haß auf alle diejenigen aus, welche mit einem von beiden intimer verkehrten, so daß jeder, der sich beispielsweise der Frömmigkeit anschloß, nie dem Giftzahn der Klugheit entging, und umgekehrt. Wo die Eine sich blicken ließ, dort tauchte auch die Zweite auf, um ihr nachzuspähen, und man mochte anstellen, was man wollte, es gelang Niemanden, ihnen aus dem Wege zu gehen. Sie verstanden es. sich wie die Motten in jede Familie und in ihre intimsten Geheimnisse hineinzuwühlen . . . Auch Benzion war außer Stande, sich diese beiden vom Leibe zu halten, doch glücklicher als alle anderen schien er aus diesem aufgezwungenen Verkehr Vorteil zu ziehen, denn die Frömmigkeit zeigte sich ihm als nützliches Werkzeug, indem sie für Esterka eine dem Geschmack Benzions entsprechende Partie unterhandelte, ohne daß die Klugheit sich ihr quer in den Weg stellte. Kein Wunder, daß dieser Vorzug dem eigennützigen, so engherzigen Manne Worte der Befriedigung entlockte, wie wir sie im Eingänge unserer Erzählung belauschten . . . Da geschah es eines Tages, während Benzion sich mit dem Assortieren verschiedener Banknoten beschäftigte, es plötzlich mitten in dem Rahmen der Türe aufflammte — der rote Jtzig Hersch stand da . . . „Schönen guten Abend, Rib Benzion!" brauste der Rote einschmeichelnd hinein. „N'abend!" brummte Benzion, der über diesen Besuch nicht sonderlich erfreut zu sein schien, indem er so tat, als ob er ihn nicht weiter beachten würde, und sich mit seinen Banknoten weiter zu schaffen gab. „Sie scheinen jetzt für mich keine Zeit zu haben" fuhr der Rote noch immer bei der Türe stehend fort. „Freilich — jetzt" gab Benzion zögernd zurück. „Nun, dann werde ich warten", entschied die Klughnt, indem sie bequem sich aus das Sofa niederließ und zur Kurzweil Bart und Stirn sich zu frottieren begann. Benzion suchte seine Beschäftigung raich zu Ende zu bringen, um den lästigen Besuch möglichst schnell wieder los zu werden.