Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 25 (1908)
- Issue
- 2 (10.1.1908)
- Date
- 1908-01-10
- Page
- – (sequence 11)
- Language
- German
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Nr. 2 Dr Llocv s MlocoenscbrLN. Sette 31 in Ungarn, die je mit so vielen verschiedenartigen Ehrenstellen und Auszeichnungen bedacht worden wären, wie Hofrat Sigmund Kohner. Er war ein Mann, der in der großen Oeffentlichkeit durch sein Handeln und Walten allen Anspruch erworben hat, damit ihm die reichen Ehren, die er sich zeitlebens erworben, auch im Tode bezeigt werden. Er war ein Kaufmann und Industrieller großen Stiles, dem nichts fremd geblieben ist, was die Interessen seines Standes während eines halben Jahrhunderts in diesem Lande irgendwie berührte. Im Jahre 1840 geboren, eilte er. kaum flügge geworden, an die Thomasschule nach Leipzig, die zu jener Zeit auf dem Kontinent die einzige Lehrstätte war, an der man eine moderne kommerzielle Bildung erlangen konnte. Nach der Heimat zurückgekehrt, trat er zunächst als Teilhaber in die damals schon sehr angesehene Handelsfirma Heinrich K o h n e r ein, schied jedoch nach einiger Zeit aus derselben und begründete mit seinen beiden Brüdern das Großhandlungshaus Adolf K o h n e r und Söhne, dessen Seniorchef er bis zu seinem Tode geblieben ist. Dieses Handlungshaus beschäftigte sich früher, wie es in jenen Tagen dem Herkommen entsprach, zuerst mit dem Warenhauptsächlich aber mit dem Wollhandel, um in seiner späteren Entwicklung ein bedeutender Faktor in der industriellen und kommerziellen Entwicklung der ungarischen Hauptstadt und des Landes überhaupt zu werden. Hofrat Sigmund Kohner entfaltete in der Führung seines Hauses eine sehr ausgebreitete Tätigkeit und es gibt wenige Unternehmungen, bei deren Entstehung oder Förderung er nicht tatkräftig mitgewirkt hätte. Seit nahezu 27 Jahren gehörte er dem Direktionsrate der Pester Ungarischen Komrnerzialbank an, dessen Vizepräsident er fast ein Vierteljahrhundert hindurch gewesen ist. Er gehörte ferner dem Direktwnsrate der Ungarischen Seeschiffahrtsgesellschaft „Adria", der Oberungarischen Berg- und Hüttenwerks-Aktiengesellschaft und vieler anderer hervorragender Industrie-Unternehmungen an und war außerdem Präsident derElisabeth-Dampfmüble-A.-G. DieOesterreichisebungarische Bank berief ihn wiederholt in ihr Zensorenkollegium. Er gehörte ferner dem Gremium der Budapester Kaufmannschaft, dem. leitenden Komitee der Handelsakademie und vielen anderen, den Interessen der Kaufmannschaft gewidmeten Institutionen als maßgebendes Mitglied an. Eine so vielseitige und umfassende Tätigkeit konnte bei dem lauteren Charakter und bei dem allemal bekundeten Gemeinsinn des Hofrates Sigmund Kohner nicht ohne Ehrungen seiner Mitbürger verrauschen, die denn auch jeden Anlaß benützten, um den Dahingcschiedenen ihr Vertrauen und ihre Synipathien zu bekunden. Es konnte auch nicht' fehlen, daß ihm andere reiche Ehrungen zuteil wurden. Im Jahre 1896 wurde er durch die Verleihung des Komturkreuzes des Franz Joseph-Ordens ausgezeichnet und im Jahre 1903 bei dem fünfzigjährigen Jubiläum der Pester Lloyd-Gesellschaft, deren langjähriger Präsident und zum Schlüsse Ehrenpräsident er war, wurde ihm für sein gemeinnütziges Wirken der Titel eines königlich-ungarischen Hofrates verliehen. Die kommerzielle und gemeinnützige Wirksamkeit Kohners erschöpfte jedoch sein Daseinsbedürfnis lange nicht. Auf dem Gebiete der Humanität entfaltete er erst recht die herrlichste Blüte einer harmonischen Persönlichkeit, die aus dem Urgründe eines goldenen Herzens sproß. Wenn auf irgend jemanden die Bezeichnung eines Wohltäters der Armen und Elenden paßt, wenn irgend wem nachgesagt werden kann, daß er mit freigebiger Hand aus dem Vollen zu schenken und zur rechten Zeit zu schenken verstand, so gebühren diese Ehrentitel dem verstorbenen Hofrate Sigmund Kohner im höchsten Maße. Nach dem Tode Moriz Wahrmauns trat er, durch das allgemeine Vertrauen seiner Glaubensgenossen zu dieser Ehrenstelle emporgehoben, als Präsident an die Spitze der Pester Israelitischen Religionsgemeinde, deren ausgebreitete Wohlfahrtseinrichtungen er zu hoher Blüte brachte. Vor zwei Jahren nötigte ihn sein Gesundheitszustand, diesem Ehrenposten, mit dem er sich völlig identifiziert hatte, zu entsagen. Der Leichnam des Verstorbenen wurde nach Budapest überführt und daselbst unter überaus zahlreicher Beteiligung zur ewigen Ruhe bestattet. Ein Schwager des Londoner Rothschild — Oberstuhlrichter in Ungarn. In der letzten Kongregation des Biharer Komitates, der alten politischen Domäne der Familie Tisza, fand vorige Woche die Beamtenrestaurierung statt. Der Wahlkampf war ein erbitterter, da der gewesene Ministerpräsident Graf Stefan Tisza persönlich mit allen seinen Männern erschienen war. Die Liste des Grafen Tisza ist fast durchwegs in der Minorität geblieben. Unter den neugewählten Oberbeamten befindet sich auch Herr Heinrich W e r t h e i m st e i n, ein Bruder der Londoner Baronin Charles de Rothschild, geborenen Rozika Wertheimst e i n, der zum Oberstuhlrichter gewählt wurde. Diese Wahl ist auch deshalb von Interesse, weil dies wohl der erste Fall sein dürfte, daß einem Juden seitens eines Komitatsmunizipiums die Würde eines Oberstuhlrichters übertragen wurde. Rabbinerversammlung in Budapest. Aus Budapest wird uns berichtet: Der Ausschuß des Laudes-Rabbinervereines hielt dieser Tage in Budapest eine Sitzung, an welcher zahlreiche Rabbiner aus allen Teilen des Landes und der Professorenkörper des Rabbinerseminars teilnahmen. Den Vorsitz führten Dr. Eduard Reumann (Naghkanizfa) und Dr. Julius Fischer (Budapest). Zur Verhandlung gelangten die Angelegenheiten betreffend die Einheit der israelitischen Konfession, der G. A. XX: 1848. die Errichtung eines Landes-Pensionsinstituts. die religiöse Pflege des Militärs, die Versetzung der Gemeinden ohne Rabbinen re. Mittels einstimmigen Beschlusses wurde ausgesprochen, daß es in Ungarn nur eine einzige israelitische Konfession gebe, daß die Vorarbeiten des Pensionsinstituts unverzüglich rn Angriff genommen werden und daß der Verein eine Monats chrift herausgeben wird, mit deren Redigierung Dr. Eduard N e u m a n n betraut wurde. Im Interesse der Durchführung der einzelnen Beschlüsse wird sich der Ausschuß an die kompetenten Ministerien und an die israelitische Landeskanzlei wenden. Ein jüdischer Bürgervercin in Lemberg. Vorige Woche fand in Lemberg eine Versammlung jüdischer Bürger statt, in welcher über die Gründung eines „Jüdischen Bürgervereines" beraten wurde. Laut dem vom Herrn Architekten Schlehen erstatteten Referate soll der Verein die Wahrung der wirtschaftlichen und politischen Interessen der jüdischen Bürgerschaft von Lemberg bezwecken. Nach längerer Debatte wurde die Gründung des bezeichneten Vereines beschlossen, und zur Durchführung des Beschlusses ein Komitee eingesetzt, dem unter anderem die Herren Marczyn de Horowitz (Sohn des Herrn Samuel Edlen v. Horowitz), Dr. R u ß m a n n, Architekt Schlehen angehören. Ein Judentag für Galizien und die Bukowina. Am 22. Dezember fand im Radautzer Gemeinderatssaale eine jüdische Volksversammlung unter dem Vorsitze des Herrn Dr. Vierer statt. Gegenstand der Verhandlung war „Die Landlagswahlreform und die Juden". Der Referent Doktor Diamant (Czernowitz) wies in einstündiger Rede nach, daß der Entwurf des Landesausschuffes die Agrarier gegenüber dem gegenwärtigen Gesetze noch mehr bevorzugt, daß den Juden im Gegensätze zu den übrigen Nationalitäten des Landes sichere Wahlkreise nicht gegeben werden, und fordert für die Juden die Schaffung von acht Wahlkreisen, die er vorschlägt. Gemeinderat M e n s ch e l führt aus, daß die Erfahrungen bei der Reichsratswahlreform rasches Eingreifen erforderlich machen. Advokat Dr. L u t t i n g e r schließt sich diesen Ausführungen an und beantragt die Einsetzung eines Fünserkomitees zur Einberufung eines Judentages. Dr. Bieber reassumiert die Ergebniffe und