Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 25 (1908)
- Issue
- 2 (10.1.1908)
- Date
- 1908-01-10
- Page
- – (sequence 10)
- Language
- German
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Nr. 2 «eite so Nr. Llocv's Mscvenscvrur. * Dr. Armin Perls ist und das in deutscher Uebersetzung folgendermaßen lautet: Hochverehrter Herr Bürgermeister! Geliebter Glaubensgenosse! In Anbetracht des Umstandes, daß unsere Hasser all' das Unglück und all' die Schmach, die uns im Laufe der Jahrhunderte getroffen, auf das Konto unserer Religion setzen, wird es uns vielleicht nicht als Ueberhebung angerechnet werden, wenn wir in jenem Eichenkranz, den vorurteilsfreie Würdigung auf das Haupt unserer Glaubensgenossen gesetzt, auch die Glorifizierung unserer altehrwürdigen Thora erblicken. Dieses Gefühl hat uns, die Fünfkirchner Kultusgemeiude, dazu bewogen, Euer Hochwohlgeboren aus Anlaß Ihrer Erwählung zum Bürgermeister von Rom aus weiter Ferne unsere aus der Tiefe unseres Herzens kommenden Glückwünsche zu übermitteln. Zweimal hat Rom die Welt erobert. Einmal zur Zeit, da es noch zu dem Heiden zählte, mit dem Schwerte Esau's und das zweitemal, als es aus dem aus den Steinbrüchen des Heiligen Landes gehobenen Felsen die christliche Kirche erbaute, mit der Stimme Jakobs. Aber von dieser Stimme haben wir Juden bis in das Morgengrauen der neuen Zeit hinein gar wenig zu hören bekommen. Desto öfter bekommen wir das Schwert zu spüren. Zuerst zerschnitt es all die Bande gemeinsamer Traditionen, welche in den ersten Jahrhunderten die aus einem väterlichen Hause stammenden Brüder noch zusammenhielten und später griff es uns ans Herz, wühlte in unserer Seele. Wenn am Charfreitag die römische Judengemeinde im Kapitol erschien, ihr Führer sich demütig zu Boden warf und der Konservator den Fuß aus den Nacken des Rabbi setzte — so ist in dieser greulichen symbolistischen Handlung das Schicksal der Juden im Mittelalter getreulich gezeichnet. Aber dort, bei Ihnen, in der Ewigen Stadt, in der Residenz der Päpste, wo der Vicarius Christi sich mit so stolzer Demut „86rvii8 Lsrvoruw Dei“ nennt, dort ist das Schwert in die Scheide gesunken, dort ist schon seit längerer Zeit die Stimme Jakobs hörbar. Dort ist die Inschrift zur Wahrheit geworden, die Papst Sixtus V. in den Sockel des Obelisken für Kaiser Nero stechen ließ: „Vielt leo de tribu Juda“. „Es siegte der Löwe aus dem Stamme Juda". Auch Sie sind ein Zweig aus diesem so viele Stürme überdauernden Stamme und auch Sie haben gesiegt! Durch Jbr Wissen. Ihre Ehrlichkeit, edle Selbstlosigkeit, Arbeitskraft, durch Ihre reine Vaterlandsliebe und Ihre jeden Bürger gleichmäßig umfassende Freiheits- und Menschenliebe haben Sie über die kleinlichen Vorurteile und den religiösen Haß den Sieg errungen. Ihre edel und liberal denkenden Mitbürger haben in Euer Hochwohlgeboren den verdienstvollen Bürger gesucht und gefunden und Ihnen die höchste Auszeichnung verliehen; chr Vertrauen setzte Sie auf den höchsten Platz, den sie zu vergeben haben, indem sie Sie zu ihrem Haupte und Führer erhoben. Möge Sie der Allmächtige in Kraft und Gesundheit erhalten, auf daß Sie dem Wohle Ihrer Stadt und Ihres Vaterlandes mit Erfolg dienen können. Gebe Gott, daß Sie den Sieg all' jener erhabenen Ideen erleben, denen Sie Ihr Leben geweiht. Von Ihrem Ruhme wird ein Lichtstrahl auch auf das Haus Israel fallen, dessen treuer Sohn Sie sind. Und in dem Glanze dieses Lichtstrahles wird man vielleicht auch auder-wo gewahr werden, daß derjenige, der ein guter Sohn des einig einzigen himmlischen Vaters ist, schon dieserhalben ein ehrfurchtsvolles, selbstloses, opferfreudiges, treues Kind der einzigen irdischen Mutter, das ist seines Vaterlandes, sein müsse. Unsere Glückwünsche wiederholend, mit ausgezeichneter Hochachtung und glaubensbrüderlicher Liebe Der Vorstand der Fünfkirchner israelitischen Religionsgemeinde. Josef Engel de Janosi Präsident. Fünfkirchen, 9. Dezember 1907. Auf dieses Begrüßungsschreiben erhielt Herr von Engel vom Bürgermeister Nathan einen in herzlichstem Tone gehaltenen Brief, in welchem sich u. a. die folgende interessante Stelle findet: „Ich bin als Jude geboren und bin seit meiner Geburt stolz auf meine Zugehörigkeit zum Judentum. Lieb sind mir die herzlichen Worte, mit denen Sie und die Fünfkirchner israelitische Religionsgemeinde Ihren für mich gehegten Gefühlen Ausdruck verleihen. Es wäre wünschenswert — und vielleicht ist meine Erwählung ein Vorzeichen hiefür — daß je früher die Zeit komme, da die Menschen, im Zeichen des Fortschrittes sich vereinigend, den Glaubensunterschied nicht mehr als Beweis der Superiorität oder Inferiorität ansehen, sondern als gleiche und freie Menschen von dem gemeinsamen Bestreben erfüllt sein werden, die menschliche Seele zu verfeinern und zu veredeln." Regelung der konfessionellen Streitfragen. B u d a p e st. Kultusminister Graf Apponyi plant, die Regelung sämtlicher ungarischen konfessionellen Streitfragen durchzuführen. Binnen kurzem soll der Landeskatholikenkongreß einberufen werden, nach dessen Tagung die Regelung der Katholiken-Autonomie und der katholischen Kongrua auf die Tagesordnung des Abgeordnetenhauses gebracht wird. Die diesbezüglichen Vorlagen werden bereits umgearbeitet, und zwar auf Grundlage eines Uebereinkommens, welches zwischen der Regierung und dem Episkopat getroffen wurde. 'Gleichzeitig mit der Regelung der katholischen Angelegenheiten soll auch die Judenfrage einer Lösung zugeführt werden. Der Kultusminister hat in unverbindlichen Beratungen mit zahlreichen israelitischen Abgeordneten, Magnatenhausmitgliedern und anderen Persönlichkeiten sich über den Stand dieser Angelegenheit informiert und zunächst Aufklärungen gesucht, ob es nicht gelingen könnte, die orthodoxen und neologen Juden einander näherzubringen, damit man ein vollständiges Zusammenschmelzen beider Fraktionen durchführen könnte. Der Minister geht von dem Standpunkte aus, daß der Staat nur eine und nicht zwei jüdische Konfessionen anerkennen dürfe, weshalb die Grundbedingung zur Regelung der Judenfrage in der organisatorischen Vereinigung der Neologen und Orthodoxen bestehen müsse. In ihren Gebräuchen, dem religiösen Zeremoniell u. dgl. könnten natürlich die Orthodoxen ihre Selbständigkeit bewahren wie bisher, ihre Gemeinde-Autonomie dürfte aber erlöschen. Aus den Informationen, die Minister Apponyi über die Durchführungsmöglichkeit dieses seines Planes erzielte, konnte er die Ueberzeugung schöpfen, daß von einem freiwilligen Zusammengehen der Neologen mit den Orthodoxen nicht die Rede sein könne. Insbesondere sind es die Orthodoxen, die geradezu einen Kampfstandpunkt einnehmen und ihre Gemeinde-Autonomie vollständig bewahren wollen. Eine hervorragende Persönlichkeit der Orthodoxen sagte dem Minister, die Neologen könne man gar nicht als wirkliche Juden anerkennen. Wenn man ein einheitliches Judentum schaffen wolle, dann müßten alle Neologen zur Orthodoxie übertreten. Unter solchen Umständen pflegt nunmehr Graf Apponyi darüber Beratungen, inwieferne eine Vereinigung der Neologen und Orthodoxen auf gesetzlichem Wege durchgeführt werden könnte. Geht es nicht mit friedlichen Mitteln, so wird der Minister durch Anwendung der Regierungsmacht ein einheitliches Judentum in Ungarn schaffen. Er hofft, hiebei nicht nur die Unterstützung des Parlaments, sondern auch eines Teiles der Juden zu finden. Bevor der Minister an die Durchführung seines Planes schreiten fottb, dürften die Konferenzen mit den maßgebenden Faktoren nochmals ausgenommen werden. Hofrat Sigmund Kohner gestorben. Die ungarische Judenschaft hat einen schweren Verlust erlitten. Hofrat Sigmund K o h u e r, der gewesene langjährige Präsident der Budapester israelitischen Religiousgemeinde ist am 2. Jänner in Abbazia, wo er zur Erholung weilte, einem alten Herzleiden erlegen. Es gibt wenige Juden