Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 25 (1908)
- Issue
- 2 (10.1.1908)
- Date
- 1908-01-10
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
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Seite 26 Dr. Vlocb's MocbenscbriN. Nr. 2 mittel für die Schüler, die ja nicht eine mechanische Uebersetzung einlernen, sondern eine selbsttätig verarbeitete sich bleibend aneignen sollen. Ein Unterricht müsse, um fruchtbar zu sein, alle geistigen Kräfte in Betrieb setzen. Der Kampf gegen das Hebräische gehe nach Ansicht des Vortragenden von derselben Quelle aus wie der gegen den klassischen Sprachunterricht. Allein das Hebräische stehe kulturell unserer Gegenwart viel näher als die Antike. Uebrigens sei die Zahl derer, die durch mangelhafte Kenntnis des Hebräischen an ihrem Fortgang gehindert wurden, eine verschwindend geringe. Auch die Religionslehrer mußten sich dem tausendstimmigen Rufe des letzten deutsch-österreichischen Mittelschultages: „Fort mit dem Klassenkatalog!" ihrerseits ans ganzem Herzen anschließen. Für viele Beschwerden werde die bereits angebahnte Verbesserung des ersten Leseunterrichtes in Bälde wirksame Abhilfe bringen. Der Vorsitzende, Herr Rabbiner Dr. F e u ch t w a n g, bemerkte, daß es sehr erwünscht sei, einen Meinungsaustausch mit dem Publikum und mit den Eltern herbeizuführen. Diese Frage soll dadurch geklärt und in ruhige Bahnen geleitet werden. An der intensiven Diskussion beteiligte sich zunächst Oberrabbiner Herr Dr. Güdemann. Er dankt dem Herrn Referenten für die umfassende Bearbeitung des Themas und nicht minder für die Wärme und Begeisterung des Vortrages. Er ist für die Beibehaltung des hebräischen Unterrichtes, weil das Hebräische das Gefäß für unser religiöses Bewußtsein ist, weil der sich um einen großen Schatz bringt, um den die größten Gelehrten unS beneiden, der die heilige Sprache nicht versteht. Er wünscht aber nicht wissenschaftliche Durcharbeitung des Stoffes, der bei Gymnasiasten oft Ueberbürdung mit sich bringt, sondern erhofft sich durch fleißige Uebung mit gelegentlicher Besprechung grammatikalischer Formen vielen Erfolg, und es wäre nun sein sehnlichster Wunsch, daß endlich alle Gegnerschaft verschwände und das Wort „Scholaum" wahr werde. Herr Paul-Schiff dankt für die Einladung und erwähnt, daß er niemals für die Abschaffung des Hebräischen gesprochen. Wie er privat denke, das kümmere keinen Menschen. Er ist der Anschauung, daß das Hebräische auch in den Mittelschulen auf das in der Volksschule vorgeschriebene Maß reduziert werde, bezw. daß der Unterricht im Hebräischen mit der Vollendung der Unterstufe der Mittelschule seinen Abschluß finde. Er entstamme einem Milieu, wo das Hebräische gepflegt werde, glaubt aber nicht, daß sein Judentum darauf zurückzusühren ist. Ihm ist auch das Hebräische ein großer Schatz, wenn er von wirklichen, verständigen, selbstempfindenden Lehrern den Schülern übermittelt wird; er denke an keine Katastrophe bei eventueller Einschränkung des Lehrstoffes. Der Vorsitzende dankt für die fachlichen Ausführungen und legt großen Wert darauf, daß Laien mit Berufsmenschen zusammensitzen, um durch gegenseitige Aussprache großen Segen und Nutzen für die heilige Sache zu erzielen. Landesschulrat Dr. Gustav K o h n bemerkt, daß die Ausführungen des Herrn Referenten vom Standpunkte der Theorie ganz ausgezeichnet sind. In der Praxis stellen sich die Ausführungen etwas anders. Der Kampf gegen die klassischen Sprachen habe gewisse Beziehungen zur hebräischen Sprache. Die Belastung scheint nicht im Lehrplan zu liegen, sie liegt in dem Begriffe, welchen die Herren von der Mittelschule haben. Sie haben sich nicht als Universitätsprofessoren zu fühlen, sondern sollen den Schülern mit Liebe entgegenkommen. Heute find die Herren Mittelschullehrer souverän. Wehe, wenn das Klassenbuch abgeschafft wird. Denn die einzige Kontrolle liegt noch in demselben. Bei etwaigem Verschwinden desselben ist dann der Schüler dem Lehrer gänzlich ausgeliefert, seinem Wohlwollen anheimgegeben. Die Klagen sind nur darauf zurückzuführen, daß sich die Herren durch ihr Temperament hinreißen lassen, ungeduldig werden und dem Kinde keine Zeit gönnen, nachzudenken. Mit dem Hebräischen fällt und steht das Judentum nicht bloß vom Standpunkte des Gottesdienstes, sondern auch vom Standpunkte der Zusammengehörigkeit. Rabb. Dr. David stimmt in die Anerkennung für den Vortrag ein und steht nicht an, sich als den in dem Vortrag erwähnten Missetäter zu erklären. Er habe in der Predigt etwas Aehnliches gesagt und behalte das wirklich Gesprochene aufrecht. Er sei selbstverständlich ein leidenschaftlicher Anhänger für die Beibehaltung des hebräischen Unterrichtes und spricht sein Bedauern darüber aus, wenn das Hebräische mit Zwang und Gewalt, ohne Liebe den Schülern beigebracht wird. Die Schlußnote setzt sich aus mehreren Gebieten zusammen; es ist daher unnötig, nicht genügende Zensuren zu erteilen und nicht nur den Schüler, sondern auch die Eltern materiell in dieser bedrängten Zeit zu schädigen. Die Lehrer stehen im ganzen und großen auf der Höhe der Zeit, geben sich mit großem Eifer dem Unterrichte hin, erzielen schöne Erfolge und die Gemeinde kann versichert sein, daß kein Religionslehrer im Amte geduldet wird, der sich in sittlicher Beziehung vergeht. Der Vorsitzende bedauert die Hereinziehung der persönlichen Qualität der Lehrer in die Debatte. Er glaubt, daß kein Schüler bloß aus Religion durchgefallen ist, wenn doch, dann wird es sicherlich aus gewichtigen Gründen geschehen sein. Jeder Lehrer weiß seine Aufgabe zu erfüllen. Lektor Friedmann wünscht, daß der Unterricht nicht lästig gemacht werde. Der ist eben kein Lehrer, der nicht den Unterricht interessant zu gestalten weiß. Die Kinder sollen nur das lesen, was sie verstehen. Man muß ihnen eine gesunde Nahrung geben. Da heißt es schon bei der Fibel richtig beginnen. Stud. jur. Löhner erklärt, in der Schule nichts gelernt zu haben, dank dem lieblosen Entgegenkommen eines bekannten Religionslehrers. Erst auf der Universität, unter wirklichen Juden, wurde ihm Liebe und Achtung zu seiner Religion beigebracht. Herr Prof. Dr. Grünfeld erwähnt, daß bei uns der Mißbrauch besteht, alles Schlechte dem Lehrer zuzuschreiben. Wir sind eben Gegenwartsmenschen und fragen uns immer, was nützt uns die Sache — wir haben also einen praktischen Sinn. Wir müssen aber auch lernen, ohne das Gelernte auf die Wage des momentanen Gewinnes zu legen, müssen vielmehr das Wissen auf die Höhen des Idealismus emporzuheben. Der Vorsitzende, der in mustergiltiger, umsichtiger Weise die Verhandlungen leitete, konstatiert, daß die Versammlung mit den Beschlüssen des Verbandstages vollständig einverstanden ist. Er hofft, daß es kein Fehlgriff war, dieses Thema auf die Tagesordnung zu sitzen, und hebt rühmlich hervor, daß sich die öffentliche Diskussion auf derselben Höhe befunden habe wie der Vortrag selbst. Er wünscht nur, daß die Versammelten die Empfindung aus dem Saale tragen, daß die Lehrerschaft mit den Eltern die heilige Sache fördern will, und erklärt den 6. Verbandstag für geschlossen. X. X. Erzherzogin Maria Dorothea and Rabbiner Kazar Horwitz. Eine interessante historische Reminiszenz. Ein Buch des Rabbiners Josef N a t o n e k führt den weitläufigen Titel „Wissenschaftliche Religion". Eine pro- und eovtru-Beleuchtung des Materialismus, Darwin, Häckel, Büchner rc. nach naturwissenschaftlichen Grundsätzen der mosaischen Entstehungsgeschichte nebst historischer Beweisführung für eine waltende göttliche Vorsehung, Ende März 1876 in Budapest erschienen. Aus diesem Buche teilt das Literaturblatt der „Jüd. Rundschau" Folgendes mit: Der berühmte Gelehrte Rabbi Lazar Horwitz seligen Andenkens, weiland Rabbiner der israelitischen Kultusgemeinde in Wien, schrieb diese Notiz in Gegenwart des Verfassers nieder und gab sie ihm behufs Veröffentlichung. Die an historischen Daten reichhaltige Biographie des Gelehrten Horwitz ist in mehreren Zeitschriften erschienen, aber diese hier folgende hochinteressante Notiz war bisher unbekannt, da nur Verfasser im Besitze des betreffenden Autogramms war.