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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1908-01-10 · 2 (10.1.1908) · page 4

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
25 (1908)
Issue
2 (10.1.1908)
Date
1908-01-10
Page
– (sequence 4)
Language
German
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«Seite 24 Gr. Mocb s MlocbenscvrtN. Nr. S aber jeder weiß es, welch ein Segen das Heim für ihn wäre. Es wäre eine hohe Ehre für die Wiener Judenschaft, wenn der Grundstein zu diesem Hause an demselben Abendgelegt würde, wie der Grundstein zum hundertsten Semester der ruhmvollen Kadimah. Der Gottesgedanke in der Geschichte. (Zum diesjährigen Religwnskongretz in Oxford). Von Luigi Luzatti in Rom. Zwischen dem 15. und 18. September d. I. wird in Oxford der dritte Kongreß für Geschichte der Religionen abgehalteu werden. Der erste religionsgeschichtliche Kongreß fand im Jahre 1900 in Paris, der zweite unter dem Vorsitze des berühmten Theologen Conrad C. von O r e l l i im Jahre 1904 in Basel statt. Der dritte Kongreß wird von jener Oxforder Universität das Licht und die Wärme der Wissenschaft empfangen, welcher die Geschichte der Religionen das unsterbliche Werk über „die heiligen Bücher des Orients", Uebersetzung und zugleich Kommentar sämtlicher asiatischer Religionen, zu verdanken hat. In Paris hatten die Freunde der Religionsgeschichte Gelegenheit, in den gastlichen Räumen des „Museums der Religionen" auszuruhen, das von Gnimet, einem jener Kaufleute und Reisenden gegründet wurde, die, gleich unseren Kaufleuten des Mittelalters, von ihren Reisen in ferne unbekannte Länder »nicht nur gewinureiche Geschäfte, sondern auch die Kulten jener Gegenden in ihre Heimat mitbringen. In Oxford findet man gleichsam die ganze religiöse Seele Asiens in der Universität untergebracht. Die Arbeiten dieser Kongresse tragen durchwegs den Charakter ernster Forschung in des Wortes wissenschaftlicher Bedeutung und schließen jede Polemik konfessioneller oder dogmatischer Intoleranz von voruehereiu aus. Es mag wohl hier zum ersten Male sein, daß die Religion ihre Bekenner nicht trennt, sondern in Frieden vereinigt. Die Religionen werden hier als ein Produkt der Naturgeschichte der Menschheit betrachtet, die selbst in ihren Dogmen, ihren Moralideen und äußeren Formen in steter Entwicklung sich befinden. Es handelt sich hier darum, die Religionen Faser um Faser zu untersuchen und aufzudecken, wie man eine Blumenfamilie untersucht, denn auch sie sind nichts anderes als die einfachsten und natürlichsten Blumen der menschlichen Seele. Die Vergleichung der Religionen und der äußeren Kulte, unter denen sie sich kundtun, geht von dem liefen Studium ihrer besonderen Vorbedingungen aus und die verschiedene Gottes Auffassung selbst läuft parallel mit dem Faden der allgemeinen.Geschichte der Menschheit... Die Untersuchungen in Oxford werden in folgende acht Gruppen geteilt sein: „Die Religionen der aussterbenden Kulturen, einschließlich derjenigen von Mexiko und Peru. Die Religionen, in China und Japan. Die Religionen in Egypten. Die Religionen der Semiten. Die indischen und iranischen Religionen. Die Religionen der Griechen und Römer. Die Religionen der Germanen, Kelten und Slaven. Die christliche Religion!" Einige dieser Religionen leben nicht mehr, sie gehören bereits der Geschichte au. In voller Blüte stehen nur noch die christliche Religion, der Buddhismus, die übrigen japanischen und indischen Kulte, der Mohammedanismus, und der Jsraelitismus der Juden. Woher kommt es nun, daß diese letztgenannten Kulte noch leben, und unverwüstlich, unsterblich zu sein scheinen, indem sie die übrigen überleben? Bringen die großen deutschen, englischen und französischen Studien über den Ursprung und Wechsel der Religionen nicht täglich neues Licht in die Erzählungen und Berichte, durch welche die Legenden unterstützt werden, und sind durch sie nicht manche alte Erzählungen erschüttert worden? Geben die Publikationen Neumanns über den Buddhismus dem Buddha und seiner Religiousphilosophie nicht eine ganz neue Physiognomie? Haben die mehr als vierzig Bände der Oxforder Uebersetzung der „Heiligen Bücher des Orients" für die Geschichte der Religionen etwa nicht dieselbe Bedeutung, wie die Werke Darwins und seiner Nachfolger für die Geschicht des Ursprungs der Arten? Und was sollen wir zu den unerschöpstichen Arbeiten über den Ursprung des Christentums und-der ersten Jahrhunderte der christlichen Kirche von Christian Bauer, dem Begründer der Thübingischen Schule bis herunter'zu Harnack, sagen? Man kann sich keine idealere und gleichzeitig anziehendere Versammlung denken, als diese Zusammenkunft so vieler Gelehrter aus allen Weltteilen mit dem einzigen Zwecke, gemeinsam das ganze Licht ihres göttlichen Geistes ausströmen zu lassen, stets von der Freude erfüllt, die religiösen Gedanken immer mehr vertiefen zu können, die einen so großen Teil der Geschichte der Nationen und der Menschheit überhaupt ausmachen. Die Zahl derjenigen, welche diese Sozialstudien pflegen, wächst von^Tag zu Tag. Am Baseler^Kongreß imIJahre 1904 waren bloß 222 Religionshistoriker anwesend. In Oxford dürfte diese Zahl stark überschritten werden, da England allein über hundert, in dem großen Reiche, in dem die Sonne der Religionsfreiheit niemals untergeht, zerstreut lebende Gelehrte dieses Faches zählt. Die Förderer des Oxforder Kongresses, lauter bekannte illustre Namen, sind selbst mehr als fünfzig. Diese hingebungsvolle Wärme, mit welcher das Studium der Religionen hier getrieben wird, steht zu dem historischen Materialismus, der jetzt alleinherrschend ist, im woltuenden Kontraste und beweist mit intuitiver Erleuchtung, daß über den materiellen Interessen es noch ideale unsichtbare und unausrottbare Kräfte gibt, die ihren erlösenden Einfluß ausüben, die Genußsucht und die Wollust zügeln und einschränken, und je nach dem Charakter der verschiedenen Zeitalter die wahre Geschichte der Menschheit ausmachen, die niemals nur von Brot gelebt, sondern sich stets auch mit seelischer Aspiration genährt und immer die süße Freude eines moralischen Imperativs empfunden hat, der die traurige Wirklichkeit des Lebens durch die erhabenen Freuden der Ideale erhellt. Und je mehr man sich in die aufeinander folgenden Epochen vertieft, je mehr die Wesenheit der verschiedenen Religionen ans Tageslicht gerückt wird, desto ehrlicher, reiner und verwandter fühlen wir uns mit ihnen, im Gegensätze zu den oberflächlichen Doktrinen aus dem Ende des XVIII. Jahrhunderts, welche den Ursprung der Religionen auf Unwissenheit, Furcht und Aberglauben zurückführten, nach deren Auffassung das menschliche Geschlecht ununterbrochen als das Opfer der Lüge, der Begierde und der Tyrannei der Geistlichkeit erscheint. Alle großen Religionen entspringen der sublimsten Reinheit und wollen nicht mit den Schacherern verwechselt werden, die sie vielfach geschändet haben. Die historischen Studien des XIX. Jahrhunderts, die im XX. fortgesetzt werden, haben den Religionen wieder dasjenige zurückgegeben, was ihnen ihrer Natur und ihrem Wesen nach zukommt, und wie sie manche abergläubische Legende zerstört haben, haben sie auch dazu beigetragen, die Legende von dem unfruchtbaren Aberglauben und von jenem verdächtigen Nationalismus zu zerstören, der in allem und jedem nur frommblinde, von ruchlosen, habgierigen Priestern ausgebeutete Seelen erblicken will. Die Zusammenkunft so vieler auserlesener Geister in Oxford, die es unternehmen, dem Ursprünge des Gottesbegriffes in den verschiedenen Religionen nachzufyrschen, wird die Anhänger , dieser Kulte die Bescheidenheit und die gegenseitige Achtung und Wertschätzung lehren; denn die Freiheit des Glaubens ist das letzte Wort, das aus der Geschichte und der Philosophie der Religionen resultiert.

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