Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 25 (1908)
- Issue
- 2 (10.1.1908)
- Date
- 1908-01-10
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
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Nr. S Dr. Llocb's MocbenscbrLN. Lette SS den er und seine Bors ihren geführt haben, die kleine weiße Hand einer Jüdin als Turnierpreis seinen Wahlspruch stickte: „Mit Wort und Wehr — Für Judas Ehr'". Als mit den ersten Judenaustreibungen das jüdische Mittelalter in Rußland begann, fanden sich einige Warmblüter des Judentums zu einem akademischen Hilfsverein in Wien zusammen. Zu keinem jener Vereine, welche die Not des Augenblickes bannen wollen. Der akademische Verein Kadimah — nach Osten! (den Namen schlug Perez Smolensky vor) wollte nicht ein Diener des großen Spediteurs sein, der jüdischen Wohltätigkeit, welche den jüdischen Bettler zu philanthropischen Hilfsvölkeru zu überall vorübergehendem Aufenthalte herumschickt. Er stellte sich ein cyklopisches Beginnen; nichts anderes lag diesen Studenten im Sinn, als das Ahasver- Problem zu lösen mit Hilfe des historischenJdeals, des geschichtlichen Rechtes der Juden auf Palästina. Man stelle sich vor, wie wenig ihrer waren und wie gering ihre Mittel. Da muß man es ihren Gegnern schon verzeihen, wenn die sanfteren von ihnen „historisches Ideal" als „schöne Utopie" aussprachen und die heftigen als „Heller Wahnsinn". Die Kadimahuer aber ließen sich von der Geschichte ihres Volkes trösten, sie sahen, wie Moses „Hellen Wahnsinn" von Pharao verlangte, und sie hielten mit allen ihren Kräften fest an ihrer schönen Utopie. So wuchs denn Don Quixote langsam heran. Was wurde nicht über den romantischen Ritter gelacht. „Diese Rosinante! sieht man ihren krummen Beinen nicht an, daß sie in einem Ghettostalle stand?" „Und dieser Sancho Pansa, der Anhang und Knappe. Auf einem Esel, ja er gebührt ihm, der Esel!" Don Quixote aber scherte sich um nichts, ritt hart und unbekümmert weiter wie der Manu auf Dürers Gemälde „Ritter, Tod und Teufel." Wohl mußte er Sträuße ausfechten mit Schafherden und mit Windmühlen, verlor und gewann, aber immer ritt er Kadimah — vorwärts! Mit der Zeit hörten die gutmütigen der Spötter mit dem Lachen auf und sagten wohl: „Der Mann glaubt an sich und an sein Ziel, das ist ein Idealist und gar ein schöner." Und ganz zum Schlüsse zweifelte niemand und spottete niemand. Don Quixote ritt mit blutiger Lanze auf einem nüsternsprühenden, stampfenden Streitroß, Rosinante, die jüdische Kraft glänzte in Schönheit und Kraft, Sancho Pansa, der Knappe und Anhang schritt zu Fuß daher, denn zum Reiten war er zu groß und zu stark geworden und nur der Esel war umgekehrt, suchte nach Kornblumen und mußte sich als frecher Eindringling von den Deutschfreisinnigen Fußtritte gefallen lassen. Die Zeitereignisse waren der Kadimah zu Hilfe gekommen und halfen ihren Ideen im Sturmschritt zum Siege. Was in Rußland und in Rumänien geschah und was in Oesterreich nicht geschah, fiel alles gegen die messianischen Missionäre aus. In Oesterreich ging Lueger nicht zugrunde und jenseits des Pruth und der Öder ließen die Großmächte ruhig den feigsten Mord und Raub geschehen. Da kamen die jüdische Vernunft und die jüdische Ehre langsam aus den Windmühlen hervorgekrochen und erinnerten sich an die ideale Utopie, welche diese Kadimahner und die mit ihnen im engsten Zusammenhang stehenden Chowewe Zionvereine, diese unverzagten praktischen Vorkämpfer, seit Jahren vertraten. Immer mehr wurden der Leute, welche Utopie aussprachen wie Wahrheit und Programm. Die Kadimah tat ihr Möglichstes, sie zu organisieren. Ihre alten Herren und ihre Aktiven waren ständig am Wege nach Nah und Ferne; während auf der Universität in bedeutenden Affären ihre ganze Kraft in Anspruch genommen wurde, fanden die Kadimahner noch Zeit, studentische und bürgerliche Gründungen ins Leben zu rufen, lange Zeit hindurch zu stützen und mit wuchtiger Kraft gegen den Antisemitismus und für das ehrenvolle freie Judentum aufzutreten, für das Judentum, das seit Moses und Halevi, seit Bar Kochba und den Kreuzzügen keine Ursache hat, bei anderen Volksstämmen um Gnade zu betteln. Woher aber sollte eine Studentenverbindung die Mittel nehmen, eine Weltpropaganda zu machen. An diesem Tage kam der große Herzl. Wenn die Not der Zeiten am größten ist, wird der richtige Mann vom Schicksal selbst geboren. Die Häupter der französischen Revolution sind gestorben, aber ein schrankenlos absolutistisches Herrschertum gibts nicht mehr. Auch Herzl ward uns genommen; aber das Schutzjudentum und die untätige Verzweiflung der Juden gibts nicht mehr. Es wäre Pygmäenarbeit, über den Mann zu schreiben, der seinen Namen in die erzerne Tafel der Geschichte schrieb. Die Keime, welche die Kadimah gesäet, flogen durch ihn über den ganzen Erdball, wuchsen zu mächtigen Bäumen empor, deren Grün die jüdische Hoffnung ist. Dieser Titane schmiedet die jüdische Welt an den vier Enden zusammen zu einer imposanten Organisation, welche unter ihm die ersten Schritte in der groß n Politik versuchte. Die Kadimah gab dem großen Führer feuereifrige Helfer, sie war in Leid und Freud an der Seite des Geschichtsheroeu, der auf ihrem Farbenkommerse seine erste Red' vor einem jubelnden Auditorium gehalten hat. Damals, als die Kadimahner ein Erkennungsabzeichen anlegteu. weil ihr guter Ruf von Jud und Christ sehr oft mißbraucht wurde. Seither ist die Kadimah wie ein Mann, der einen großen Betrieb gegründet hat, geri^ aber seinem größeren Nachfolger den Platz überläßt und sich in die Reihe der einfachen Arbeiter stellt, im Zionismus an die Seite ihrer tapferen Schwesterverbindungen und hinter die Organisation der bürgerlichen zionistischen Politiker getreten. Man weiß die Verbindung und die Menge ihrer glänzenden alten Herrn zu finden, wenn Arbeit zu leisten ist und diese wird ohne überflüssige Worte gemacht. Nur jetzt, anläßlich ihrer Jubiläumsfeier tritt sie auch wieder mit ihrem Namen in den Vordergrund, was sie sonst streng vermeidet, denn es ist nicht ihr geringstes Verdienst, daß sie auch die jüdische Disziplin erfunden hat und mit sich geschehen läßt, was die Majorität beschließt. Wer sie sehen und sprechen will, kann sie jetzt, wie immer, auf der Aula suchen, wenn es in der Luft liegt wie Pulverdampf, und bei allen Gelegenheiten, wo der Kampf der jüdischen Geister geführt wird. Die Kadimah ist stolz darauf, daß ihr Name nicht allein erwähnt wird wie so lange Jahre, wenn von der nationalen Bewegung der Juden die Rede ist. Denn nicht sie ist kleiner geworden, sondern die Idee, für welche die Verbindung so viele Opfer gebracht und so viel Wunden an Leib und Seele erlitten hat, ist nun um so viel größer und das ist eine Ehre für die Kadimah. Nun das Schlußwort an die Juden. Die Kadimah hat, was sie geschaffen, fast ganz aus eigener Kraft getan. Wenn sie den Terrorismus der Deutschnativnalen im Keime erstickte, wenn sie als ein anfeuerndes Beispiel dem Ta>mudjuden den kämpfenden Juden gegeigt hat, wenn sie den stolzen Typus des Nurjuden vor dem staunenden und achtungsvollen Antisemiten aufpflanzen half, so hat sie dafür nicht zum kleinsten Teil jene Unterstützung erhalten, welche andere Völker ihren akademischen Vorkämpfern mit Begeisterung angedeihen lassen. Nicht einmal Pfennige hat man für diejenigen gehabt, welche früher und in jüngster Zeit wegen der Abwehr antisemitischer Angriffe von der Wiener Universität relegiert wurden. Man konnte der Verbindung die politische Haltung durchaus nicht verzeihen. Nun aber ist Zeit der Versöhnung. Denn die Prinzipien, welche die Kadimah unentwegt verfocht, sind auf der ganzen Linie siegreich geblieben und werden überall ganz oder teilweise anerkannt. Heraus denn mit dem vorenthaltenen Lohne. Wie es heißt, ist die Kadimah bestrebt, als Monument ihres Jubiläums ein jüdisches Studentenheim zu errichten. In die Jubiläumsstimmung paßt das Leidlied des jüdischen Studenten nicht,