Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 25 (1908)
- Issue
- 2 (10.1.1908)
- Date
- 1908-01-10
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
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Seite SS Dr. JBiocD'ö Mocvenscvrirr, Nr. S eilte Unwahrheit. Das Christentum kann doch unmöglich antisemitisch sein. Was ist die christliche Kultur, wenn ihr das semitische Element entzogen wird? Es ist daher richtiger, wenn wir klipp und klar vom Judenhaß sprechen. Dieser ist nun so alt wie das Judentum selbst. Ein christlicher Gelehrter, der wohl im Judenhaß „die Schmach der Jahrhunderte" sieht, sucht diese Schmach vom Christentum abzuwälzeu, durch den Nachweis, daß das Christentum nicht Ursache des Judenhasses sein könne, da dieser älter, um Jahrhunderte älter sei als das Christentum?) Wenn cs nicht gar zu paradox klänge, würde ich noch weiter gehen und sagen, daß der Judenhaß älter sei als das Judentun'. Auch die Formen des Judenhasses, seine Begründmrge«, seine Redensarten sind uralt und haben sich bis zum heutigen Täge kaum geändert. Wenn wir die in Versammlungen und in den gesetzgebenden Körperschaften unserer Tage vorgebrachten Anklagen gegen die Juden mit ähnlichen Berichten in der Bibel aus längst vergangener Zeit vergleichen, muß uns die fast wörtliche Uebereinstimmung in höchstes Erstaunen versetzen. Ich will nur einiges ansühren: Bei einem Anlasse, der Ihnen wohl aus der biblischen Geschichte bekannt ist, sprechen die Männer von Sodom auf Lot hinweisend: „Seht doch diesen Fremden! Bor kurzem erst hat er sich bei uns niedergelassen und da wir ihn in unserer Mitte dulden, will er sich schsn zu unserem Lehrmeister aufwerfen und unsere alten nationalen Sitten kritisieren. Er wird ja bald Anspruch erheben, an unserer Rechtsprechung und Gesetzgebung teilzunehmen"?) Jsak wohnt im Lande der Philister. Er ist Landwirt und erwirbt Vermöge«. Eines Tages verweisen ihn die Philister des Landes, indem sie sagen: „Geh von uns, denn du wirst uns zu mächtig. Du beutest den Reichtum des Landes und die Kraft des Volkes aus"?) Die Grundlosigkeit dieses Vorwurfs erhellt daraus, daß sie kurz nachher ihn wieder aussucheu, um ein Bündnis mit ihm zu schließen. In Egypten sagte man: „Diese Hebräer bilden einen Staat im Staate, sie sind keine Patrioten. Wenn einmal eine Verwicklung eintritt, werden sie auf seiten unserer Feinde stehen"?) Haman, die Jdealgestalt der Judenhasser, kann bereits auf Originalität keinen Anspruch machen. Die einflußreichen Männer am babylonischer?), wie Haman am persischen Hofe erheben die damals schon alte Anklage, die Juden seien inmitten des Volkes eine abgeschlossene Körperschaft/) sie ehrten nicht die Götter, respektierten auch nicht die Gesetze des Königs. Es wird heute den Juden Mangel an Patriotismus zum Vorwurf gemacht. Die Juden seien die Anstifter der Revolution, sagt man in Rußland und läßt sie erbarmungslos hinmordeu. Im zweiten vorchristlichen Jahrhundert wurden in Alexandrien Judenmetzeleien vorbereitet, indem man beim König Ptolemäus Philopator gegen die Juden die Anklage erhob, sie seien dem König und der Obrigkeit abgeneigt, von einem bösen Geist beseelt, sie machten Opposition und hegten eine feindliche Gesinnung gegen alle anderen Nationen?) Selbst der in Rußland so häufig praktizierte Witz, daß man die Juden beschuldigt, sie hätten selbst die Metzeleien provoziert, um die braven Russen ins Unrecht zu setzen, ist nicht neu. Die alexandrinischen Abgesandten *) Stähelin, d« Antisemitismus des Altertums in seiner Entstehung, Seite 64. *) Gen. 19. 9. 4) Gen. 26. 16. 6) Exod. 1. 10. «) Daniel S. 12. 7) Ester 3. 8. b) III. Makk. 3. 7 erzählt, daß die von Ptolemäus durch Weihrauchdüfte und Wein berauschten Elephanten, die gegen die in der Rennbahn eingesperrten Juden losgelassen wurden, durch eine Engelserscheinung verwirrt, sich auf die Griechen anstatt auf die Juden gestürzt batten. Nach Josephus c. Ap. II. 5 hat sich dies unter Ptolemäus Physkon zugetragen. Vgl. hierüber: Büchler, die Tobiaden und Oniaden LOS ff. behaupten vor Trajan, die Hellenen, die unter Claudius wegen Verfolgung der Juden bestraft wurden, seien schuldlos gewesen. Die Juden selbst hätten die Unruhen hervorgerufen, ihre Glaubensgenossen selbst verwundet, um die Hellenen zu verdächtigen?) (Fortsetzung folgt.) Die Kadimah. Die akademische Verbindung Kadimah verschickt jetzt die künstlerisch au-gestattete Einladung zur Feier ihres fünfzigsten Semesters. Sie hat ein Recht auf dieses Fest, auf diese Kriegerfeier nach einem Vierteljahrhnndert tapferen Kampfes um hohe jüdische Ideale. Und kein Jude unserer Monarchie, vielleicht keiner in der weiten Welt wird herzliche Grüße weigern an die reisige Schar der Akademiker, die sich unter dem Panier und Titel Kadimah einen und die nun so lange Jahre treu und stark ihres Volkes erste Diener waren. Schlicht und bescheiden für ihre Person werben diese jüdischen Vorkämpfer um Dank für ihre Sache und für ihre Verbindung und sie dürfen wohl hoffen, die Anerkennung, die sie vom Feinde ertrotzten, vom willfährigen Freunde mit Freuden zu bekommen. Denn die Verbindung Kadimah war es, welche d>'n großen Gedanken der jüdischen Assimilation zur Ausführung gebracht hat. Die Assimilation nämlich des Sklaven au den Herrn, des innerlich verkrümmten Ghettojuden an den stolzen, breit und fest im Hause sitzenden Staatsbürger. Denn die Gesetze der Freiheit waren gekommen, aber nicht die Gefühle. Die Juden blieben Schutzjuden der Deutschen, der Liberalen, der Demokraten und der Regierung. In fremden Diensten ging es ihnen, wie es Polen und Deutsche und Demokraten eben wollten. Warum aber soll es den Juden nicht gehen, wie es da- Schicksal und die Juden wollen? Welcher andere Volksstamm darf sich freche Herrscherrechte über uns anmaßen, die wir für Staat und Kunst und Wissenschaft dasselbe bringen wie die anderen? Das ist das Lapidarprogramm der Kadimah, das sind die Grundsätze ihres alten Kampfes nach doppelter Front: gegen antisemitische Gewalt und assimilatorische Erniedrigung, das sind die Grundsätze ihrer angestrengten Arbeit, um das anrüchige, schäbige Wort „Gleichberechtigung" in das Wort „Recht" zu übersetzen. Auf zweierlei Weise ging die Verbindung vor. Den Inden gegenüber mit der Geduld und der Leidenschaft eines liebenden Herzens. Unermüdlich zogen die Kadimahner als Apostel der jüdischen Ehre durch Stadt und Land und fast jeder von ihnen verwendete Hundertemal seine armen Groschen dazu, um den Zusammenkünften des kleinen und des großen Mannes beizuwohnen und dort wie ein Mann zu sagen, daß man in anderen nationalen Lagern listig und betrügerisch den Juden als Heloten gebrauche, um ihn auszunützen und dann auszulachen. Dem Feinde aber, der zur Zeit von Schönerers Blüte eine Gewaltherrschaft auf der Universität einzurichten begann, um sie dann im Leben fortzusetzen, dem zeigten die Kadimahner, daß eine alte jüdische Eigenschaft bis jetzt vergessen, aber jetzt nicht mehr verloren sei, daß die Juden nicht nur einen guten Kopf besitzen, sondern was ihnen jetzt ebenso wichtig ist, eine harte Faust! Man soll davon nicht sprechen und man braucht davon nicht zu sprechen. Keine größere Ehre für die Kadimah, als daß man glaubte, sie bestünde aus hunderten von Studenten, während sie nicht dreißig zählte, Mit stolzem Hochgefühl darf der wehrhafte Kadimahner das rot-viol-goldene Band um die Brust schlingen, in das ihm nach dem langen Streite gegen fanatische Ghettoassimilation und antisemitische Gewalt, 9) Wilcken. Ein Aktenstück zum jüdischen Kriege Drajans in Hermes, 1892, S. 464 ff.