Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 25 (1908)
- Issue
- 2 (10.1.1908)
- Date
- 1908-01-10
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
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Ur. 2 Dr. Bioch’s Jahrgang XXV Zentralorgan für die gesamten Unteressen des Judentums. Wim, 10. Jämcr 1S08. — Erscheint jeden Freitag, -rr Brief-Adresse: Mtten, IX/s, JSerggasse 39. Telegramm-Adresse: Llocb's Mlocdenscdrift. MUen. M -G Vexugsprrks für Vrsterreich: Halbjährig 8 Kronen. Einzelexemplare SO Heller. Für'» Ausland: Halbjährig 10 Kronen. Ganzjährig 20 „ Anzeigen: Die 4mal gespaltene Pelrtzetle 24 Heller. »n— - -» A. kr. Po stsparkra ssen-Nrnt 2 l e S r l n g - v e r k e b r Ur. 810.976. Srdairtion und Administration: wir» IX/i, Werggasse Ur. 39. Telefon Nr. 14.847. «-N Inhalt: Leitartikel: Die angeblichen Wurzeln des Judenhasses historisch beleuchtet. — Die Kadimah. — Der Gottesgedanke in der Geschichte. — Hebräisch in der Mittelschule. — Erzherzogin Maria Dorothea und Rabbiner Lazar Horwitz. — Korrespondenzen: Oeffentliche Plenarsitzung des Wiener israelitischen Kultusvorstandes. 41. Generalversammlung des israelitischen Bethausvereines „Ehewra-Beth-Hatsilah". Eine jüdische Gemeinde an Ernesto Nathan. Regelung der konfessionellen Streitfragen. Hofrat Sigmund Kohner gestorben. Ein Schwager des Londoner Rothschild — Oderstuhlrichter in Ungarn. Rabbinerversammlung in Budapest. Ein jüdischer Bürgerverein in Lemberg. Ein Judentag für Galizien und die Bukowina. Berlin. Otfienll'che Harprvkiscn mli-ng der „Freien Bereinigung für die Interessen des orthodoxen Judentums". Die Rechtlosigkeit der rumänischen Juden. Der Sultan und Palästina. Professor Salomon Schechter. Johannesburg. — Vermischtes: Kranzablösungsspenden rc. Verein zur Abwehr des Antisemitismus, Wien. Verein zur Hebung der Gewerbe. Wien. Beth-Hamidrasch »Mor.Nfiore". Kranken-, Wilwrn- und Waisen- Unterstützungsverein Ldeseä Level Eines Allgemeiner jüdischer Arbeiterverein „Poale Z>on" in Wnp. Akademischer Verein „Jüdische Kultur". Szempcz. Bisenz. Nikolsburg. Eger. Wessely a. d. March. Ein jüdischer Friedensrichter in Südafrika. — Feuilleton: Zwischen Hammer und Ambos. — Literatur. — Neue Bücher. — Briefkasten. — Inserate. Die angeblichen Murjetrr des Indenhaffes historisch beleuchtet. Bortrag gehalten im Verein zur Abwehr des Antisemitismus. Erweitert und mit Anmerkungen versehen von Dr. I. Taglicht, Rabbiner in Wien. Der vom Vorstande des Vereines zur Abwehr des Antisemitismus an mich ergangenen Einladung, hier zu sprechen, bin ich mit Vergnügen gefolgt. Es leitete mich hiebei das Gefühl des Dankes und der Hochachtung für die außerhalb des Judentums stehenden Männer, die sich vor Jahren trotz allseitiger Indolenz, trotz Spott und Anfeindung zusammengetan, um für die Ehre des Judentums und das Recht der Juden einzutreten. Schon der bloße Bestand dieses Vereines gereicht unfern Feinden zur Schande, seinen Gründern und Leitern aber zur größten Ehre. Unser Dank und unsere Hochschätzung gebühren ihnen in vollstem Maße für das unentwegte Bemühen, ihre Tendenzen sowohl durch die Theorie als durch die Praxis zur Geltung zu bringen. Gilt es doch hier, gegen Theorie und Praxis den Kampf zu führen. Das Aufleben des alten Judenhasses vollzieht sich immer in derselben Reihenfolge. So war der Antisemitismus vor fünfundzwanzig Jahren noch verschämt. Wohl war er in vielen lebendig, aber man suchte ihn zu verbrämen, zu verhüllen. Man schämte sich, ihn einzugestehen. Einige Jahre später war er schon unverschämt. Mau trug ihn öffentlich zur Schau, man brüstete sich mit ihm. Heute ist er ein Rechtstitel und, wie die Erfahrung lehrt, ein sehr lohnender. So war es immer. Die Führer und die von ihnen in Bewegung gesetzten Massen sind gewöhnlich praktische Leute, die sich ihre natürlichen Instinkte durch Nachdenken und Bücherlesen nicht beeinträchtigen lassen. Sie folgen der Devise des Patriarchen in Lessings „Nathan": „Tut nichts, der Jude wird verbrannt." Erft nachdem der Jude verbrannt ist, kommen die Gelehrten, die nach den letzten Ursachen alles Geschehens forschen, die auch für ihr eigenes Verhalten die Begründung und Rechtfertigung suchen, und umhüllen die nackte Ungerechtigkeit um Roheit mit einem wissenschaftlichen Mäntelchen zum Schutz gegen den Sturm, der von allen rechtlich denkenden Menschen gegen sie erregt wird. Sie stellen nun eine Theorie auf, den Versuch einer wissenschaftlichen Begründung des in den Völkern lebenden Hasses gegen die Inden. Zwei Momente sollen es sein, die den Judenhaß Hervorrufen und begreiflich machen. Die einen sagen, die jüdische Relig'vn sei eine partckularistlsche, eine völkerfcindliche Lehre, sie erkläre ihre Bekenner für das auserwählte Volk, die übrigen Menschen seien minderwertig, gegen sie müßten Gesetz und Recht nicht gehandhabt werden. Die anderen behaupten, die Jaden seien ein Handelsvolk, im Materiellen aufgehend, hehrer Ideale unfähig, verschlagen, schlau, nur auf ihren Vorteil bedacht und führten so den Ruin der sie umgebenden Völkerschaften herbei. Wir fragen nun: Welches ist die wirkliche Ursache? Sind die Wurzeln des Judenhasses religiöser oder wirtschaftlicher Natur? Ist er in der Religion oder in der Erwerbsart der Juden begründet? Ich nehme die Antwort vorweg und erkläre: Keines von beiden. Weder das relig'öse noch das wirtschaftliche Moment bildet die wirkliche Ursache. Ohne es zu beabsichtigen, hat hier ein nichtjüdischer Gelehrter das Richtige getroffen, wenn er sagt: „Der Antisemitismus hat sich je nach den Strömungen und dem Bildungsgrad der verschiedenen Jahrhunderte als wirtschaftlicher, religiöser oder nationaler gezeigt."') Ich unterstreiche das Wort „gezeigt". Es wechselte. eben nur die wesenlose Form. Die Grundursache jedoch, die ich erst weiter unten nennen will, blieb immer dieselbe. Bei dsr Formulierung meines Thrmas habe ich das Wort „Antisemitismus" vermieden, weil es den Anstrich des Wissenschaftlichen, des Gedanklichen hat, als würde es auf etwas in seinem Wesen Tiefbegründetes Hinweisen und besagen wollen, daß in der arischen Natur- und Lebensanschauung von vornherein ein Gegensatz zur semitischen liege. In Wirklichkeit ist christlicher Antisemitismus in sich selbst ‘) Bludan, Juden und Judenverfolgungen im alten Alexandria, Seite 44.