Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 25 (1908)
- Issue
- 1 (3.1.1908)
- Date
- 1908-01-03
- Page
- – (sequence 20)
- Language
- German
- Belongs to
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Gerte 18 Dr. Dlocb's MocbenscDrM. Nr. das Aussehen eines Kaufmannes. Nicht so wie ihr Kohan, der winzig war wie ein Hühnchen und ein so dünnes SLimmchen hatte. . . . „Ich höre euch wie meinen Vater," ewidcrte sie sanft, indem sie sich setzte und Mehl und Kartoffeln auf den Tisch legte. „Warum seid ihr nicht mit euerer Rose gekommen?" „Sieh' nur," unterbrach Kohau das Gespräch und knüpfte seine Weste zu, Symcha läßt Niemandem zu Worte kommen. Sag' ihm doch, Chawa, daß er still sein soll. Den ganzen Abend flunmert er Einem vor den Angern . . ." „Symcha!" rief Chawa streng; bald jedoch besann sie sich und nahm das Kind auf den Arm. „Nu, ruhe ein bischen aus bei deiner Mutter. . . . Ist dir gut so? Still jetzt, sei still — und höre, was der Onkel sagt." „Wenn ihr nach meiner Rose fragt," antwortete Lejsor nach einer Weile, „so werde ich euch sagen, daß sie nicht kommen konnte. Seid ihr nun zufrieden, Chawa? Nein, wie ich sehe, seid ihr nicht zrrfrieden, und darum werde ich euch sagen, daß sie ein wenig krank ist." „Sprecht doch, Lejsor," riet Kohau aufspringend und mit einer einzigen Bewegung seines Fingers alle Knöpfe an seiner Weste aufreiß'ud, „ihr habt doch augefangen, von Rußland zu sprechen." ,,Ja, das ist interessant," fügte Weiß hinzu, ein dunkelhaariger, düsterer, in einer Ecke des Zimmers sitzender Mann. „Wir werden auch zn Rußland kommen," beschwichtigte lejsor seine Zuhörer und glitt auf seinem Sessel hinunter, daß er auf demselben fast zu liegen kam, „erst muß ich noch mit meiner lieben Rose fertig werden. ... Steine! was sind Steine? Sind sie auch. eine Krankheit? Aber, wenn sie in der Leber sind, ist es etwas anderes. Also, die Steine sind in der Leber. Nn. und jetzt ist die Sache klar. ..." Er bemerkte, daß er das allgemeine Interesse erweckt hatte, und begann sich langsam zu ereifern. Es machte den Eindruck, als ob er mit den Worten spiele, wie eine Katze mit einer Maus „Also hört! Ißt meine Rose etwa delikate Speisen, weil in delikaten Speisen keine Steine sind? Davon ist doch nicht die Rede? Was also noch? Roses Herz beginnt stärker zu schlagen. Mag es doch! Warum soll es nicht schlagen, frage ich euch? Und euere Herzen schlagen nicht? Und gibt es bei uns — Gott sei es gedankt — keine Pogroms? Und wenn ihr dumm sein und mich fragen werdet, ob meine Rose gesunde Füße hat, und ich werde euch darauf auch antworten, so werdet ihr besser wissen als ich, wie sich meine Rose besindct. Die Füße sind ihr geschwollen. . . Warum? Das verstehe ich nicht. Der Mensch muß gehen — warum also schwellen ihm die Füße? Soll er wiederum liegen — wozu gab man ihm die Füße? Die ganze Frage läßt sich in zwei Worte zusammensassen: ja oder nein," „Ich sehe nicht, daß ihr heiter sein sollt", bemerkte Chawa traurig. „Und wenn ich euch schon sagen werde," erwiderte Lejsor mit Ironie, „daß' ich heiter bin, oder nicht heiter, so wird euch schon gut sein? . . . Alle Krankheiten werden geheilt sein, alle Herzen werden aushören, stärker zu schlagen, und unser kleines jüdisches Elend wird verschwinden ..." „Ja, das habt ihr gut gesagt" erklang wieder die Stimme von Weiß, der beide Fäuste drohend in die Luft erhob. „Ich werde noch besser sagen," unterbrach ihn Lejsor mit Schärfe. „Hier wird unser jüdisches Elend nie verschwinden und darum müssen wir fliehen." „So sprecht doch, — sprecht, mein teurer Lejsor," bat Kohan, der, indem er seine Weste mit blitzartiger Geschwindigkeit auf- und zuknöpfelte, vor Erregung ersticken zu wollen schien. „Sprecht," bat Chawa, „von euch kann man lernen. Ihr seid nicht so, wie mein Narr. Er spricht nicht klar, nicht gleichmäßig und . . . schrecklich." „Mag sein," antwortete Kohan traurig, „aber das Geld, das ich verdiene, bringe ich dir? Ein guter Mann bin ich? Ich trinke nicht, spiele nicht Karten. Und kann ich nicht ebenso fliehen wie alle, zusammen mit allen? Vielleicht würde ich der erste zu fliehen verstehen, wenn es notwendig wäre." „Sprich lieber nicht," bat Chawa, die Ohren mit den Händen zuhaltend, „wozu sprichst du? Sagt doch, Lejsor, muß man also wirklich fliehen? Sagt die Wahrheit: alle behaupten cs, alle fahren fort . . . Aber ihr sagt!" „Aha!" rief Lejsor, „das lockr alle: dort und hier! Hört ihrs? Dort und hier! Was sind wir?" Und rasch begann er, die Finger einbiegend, an denselben herzuzählen: „Arm sind wir, kraftlos, hungrig, verflucht und . . . liegen in der Erde! Das sind schon fünf Kennzeichen! Gehen wir weiter . . . Was haben wir? Millionen Kinder, Millione Krankt)eiren, Millionen Sorgen, Millionen Pogroms und . . . Rußland! Wieder fünf Kennzeichen! Könnte ich nicht noch fünftausend mal zu fünf auftählen?" „Nein, nein, erzählt uns keine Wuudermühren, daß, wenn man angefangcu hat, die Juden zu morden, dies der Vorbote einer besseren Zukunft für die Allgemeinheit ist. Sie haben uns gemordet, morden uns und werden uns weiter hinschlachten wie die Schafe! Ihr werdet vielleicht fragen: wen? Die Juden! Und vielleicht denkt ihr: nur die kleinen und elenden Juden! So antworte ich euch mit einem Worte: Alle! Nun, kommt die Frage: was sollen die Juden tun? Das wissen wir. Aber was soll Einer sagen, der aussieht, wir ihr, Kohau, oder wie ihr, Weiß, oder wie ich Lejsor? Nu, was? was? „Ich weiß," antwortete Weiß. „Ihr wißt alles," zürnte Lejsor. „Aber ich werde euch > sagen, was. Ich also brauche zu sagen: Lejsor, nimm deine kranke Frau und deine kleinen Kinder und zeige, wie du wirst mit ihnen fliehen aus Rußland!" „Herrlich!" rief Kohan. „Nu, dann mach' du es ebenso herrlich wie Lejsor," ereiferte sich Chawa. „Du bist dumm! Setz' dich! Wozu rennst du im Zimmer umher? Und lass' die Weste in Ruh'! Alle Knöpfe hast du schon abgerissen . . . Und wohin fahrt ihr, Lejsor?" „Was heißt das: wohin?" fragte Lejsor erstaunt, „Gibt es zwei Orte, wohin man kann fahren? Grad' aus nach Amerika. Steht still, macht keinen Lärm . . . Fragt nun einmal: .Wer bin ich, Lejsor, hier zu Lande?' Antwort: ,Lejsor und ein Hund; zwei Hunde!' Und was noch bin ich? Ein räudiger Jude, den alle können schlagen, berauben und dergleichen mehr, wie euch übrigens bekannt. Und dort? Wißt ihr, was ich dort bin? Nu, sagt mirs doch, wenn ihr es wißt." „Ich weiß es," sagte Weiß. „Laßt geh'n, Weiß!" flüsterte Chawa. „Dort," begann Lejsor feierlich, „bin ich ein Janker! Nicht der verfolgte Lejsor, sondern der Iankee Eleasar. Ja, der bin ich dort! Der Iankee Eleasar! Ich gehe die Straße entlang mit meiner Frau und meinen Kindern, nun, und ... Es geht in Amerika der Janker Eleazar mit seiner Frau und seinen Kindern und .... fürchtet Niemand, Niemand! . . ." „Wenn ich Geld hätte," rief Kohan, '„morgen schon wäre mein Fuß nicht in diesem Lande . . ." „Nein, nein!" wehrte die ob seiner Begeisterung erschreckte Chawa. „Ich werde schon selbst daran denken. Du misch' dich nicht hinein. Du machst einem Angst. O, du loderst auf und verlöschest sofort. Plötzlich wolltest du ein Schneider werden . . . Denkst du es? Ein andermal wieder mit Pferden handeln. .