Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 25 (1908)
- Issue
- 1 (3.1.1908)
- Date
- 1908-01-03
- Page
- – (sequence 15)
- Language
- German
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Nr. 1 2>t. Slocd Z MlocdenscdrM Seite 13 Die christlrchsoziaie Rassenpolrtrk. Die Sonntagsnnmmer der „Neuen Freien Presse" enthält folgende Zuschrift: „Sehr geehrter Herr Redakteur! Gestatten Sie mir freundlichst. dem sehr lesenswerten Artikel des Geheimen Medizinalrates Professor Lr. Schweninger: „Die christlichsoziale Rassenpolitik" in der Weihnachtsnummer der „Neuen Freien Presse" ein Wort der Ergänzung anzufügerr. Professor Schweninger charakterisiert die christlichsoziale Rassenpolitik dahin, daß ihr „der schöne christliche Spruch: „Liebe deinen Nächsten wie dich selbst" eben nur für den Nächsten, den Christen, gelt?, da der Nichtchrift. der Jude, doch nur „Aug' um Aug', Zahn um Zahn" denkt". Diesen Ausführungen wäre nun hinzuzusügeu, daß jene christlichsoziale Rassenpoliüt eine um so widerspruchsvollere ist, als der zitierte schöne christliche Spruch seine Quelle in der Bibel findet. Daselbst heißt es (Iil. Buch, Mosis, Kap. 19. Vers 18) wörtlich: „Du sollst lieben deinen Nächsten wie dich selbst." — Und daß hier unter dem „Nächsten" auch b:r in Palästina wohnende Nichtjude, auch der Bmsiaß und der Fremde gemeint sind, ergibt sich unzweifelhaft aus der m jenem Kapitel ausgeführten Pflrchtenlehre. Un^ zur Bekräftigung dessen wird in demselben Kapitel (Vers 33 und 31: dm Spruch wiederholt und innerlich motiviert w'e folgt: „So sich aufhält bei dir ein Fremdling in eurem Lande, sollst du ilm nicht drücken. Wie der Einheimische unter euch soll euch der Fremdling sein, der sich der euch aushält. Du rollst ihn lieben wie dich selbst; denn ihr selbst wäret Fremdlinge im Land Egypten. Ich, der Ewige, euer Gott!". Und die oben den Juden unterlegte Denkweise „Aue/ um Aug', Zahn um Zahn"?! Wobl findet sich der Satz im Pentateuch, aber nirgends findet sich die konkrete Anwendung dieser Lehrmeinung, nicht in der Theorie, nicht im Gesetz? und auch nicht in facto, nicht zur Zeit dejüdischen Staates uub nicht in der Zeit der jüdischen D'asdora AusoAproAnwird eben nichts anderes als das Prinzip --er Talion als euerer Rechtfertigungsarund für ein Strafrecht überhaupt, wie sich dies auch in europäischen Strafgesetzen und Sirnfgesetzkonnnentaren allein oder als koinzidierend mit anderen Momenten dis aus die neueste Zeit vorfindet. Nur einen Fall der praktischen Geltung jenes Prinzips kannte das altjüdsiche Recht, den der absichtlichen Tötung eines Menschen — gegen Mord — d'e Todesstrafe. Mit alleiniger Ausnahme dieses Falles war im Judentum das „Aug' um Aug'" nichts anderes als eine weder theoretisch im Gesetze ausgestaltete, noch in praxi je zur Anweduna gebrachte Lehrmeinung, der rein theoretische Ausdruck eines aw-Anien Rechtsprinzips. (Dr. A. S.) Bndapesi. Kurialrichter Eduard S z e y f s e r t, der seinerzeit als Staatsanwalt im TiFza-Eszlarer Prozeß fungiert hat, ist gestorben. Eduard S z e y f f e r t war ein überaus befähigtes Mitglied der ungarischen Magistratur. Einen großen Teil seiner Laufbahn legte er bei der Oberstaatsanwaltschaft zurück, bei welcher unter der Leitung des Oberstaatsanwaltes Alexander v. Kazma eine ganz ausgezeichnete Garde der ungarischen Juristengeneration diente, darunter Tobias Löw und Eduard Szeyffert. Im Tisza-Eszlarer Prozeß machte der Oberstaatsanwalt, dessen Amtskreis sich damals auf ganz Ungarn mit Ausnahme des Gebietes jenseits des Königssteigs erstreckte, von seinem Rechte Gebrauch, jeden Prozeß an sich zu ziehen. Mit der Vertretung der Oberstaatsanwaltschaft betraute Herr v. Kazma seinen Stellvertreter Szeyffert, der sich durch große Klarheit des Denkens wie durch Nüchternheit der Auffassung und der Beredsamkeit auszeichnete. In der Folge wurde Eduard Szeyffert als Richter an die königliche Kurie berufen. Von den Personen, welche an der Führung des Monstreprozesses hervorragend beteiligt waren, lebt noch der Verteidiger Karl Eötvös, „der alte Wojwode", wie er im Kreise seiner Freunde und Verehrer heißt, die sich allnächtlich um ihn im Caf6 Abvazia in der Andrassystraße versammeln. Er hat das Material des Prozesses in einem dreibändigen interessanten Werke verarbeitet. Ein Hauptakteur des Prozesses, der berüchtigte Sich-erheitskommissär Recsky, ist vor einigen Monaten gestorben. BierzigjährrgeS DiÄte-ojrrbilänm. Ein jüdischer Dichter Joseph Kiß wurde vorige Woche als der größte, lebenoe Dichlor Ungarns gefeiert. Ans allen Richrungen dos Landes murdw: dem greistn Dichter die größuu Ehren zuteil. Eine Unm.ff? silberner Lvebeeckränze wurden dem Verfasser der „Judith-Sunon", de!- „Jehovay" und anderer auch in fremde Sprachen überietza'r epi'cher und lyrischer Gedichte überreicht: nur di-ffe.-.-g-n wori Gesilsichasteu, welche gewissermaßen die offftiellen B r?-: -rer aor ,,'.u-garsicheu Wissen ichait und Kunst" sind, die Akademie Wiffenschniten und dst„Klsmludy- Gestllseh.ff?", -wnff wtzlor.- ein- 'o ww-ße Anzar,l von Beittolmäßigkeilen zu ihren Mirgl>edwu zählt, konnten sich nicht herbeilassen, dem größten, ungarischen -tiuV.-."-' der Jetztzeit die ihm wAwhrenden waren zu erweisen. Die Huaptsd.-e zu Ehren Jost' Kiff spielte sich in. der PAvfi"'Do;Sschaft ab. d'o sich zu Auw imposanter- Kundgebung der gemmten gebilderer- Gestllschast Ungarns gesialret-e. Daß Joief K!ß nicht nu.r ftid''.ber Di-chl-er At, der die sprödesten jüdischen Stoffe in mr-dernr ungarische lyrische Form zu kleiden versteht, wn'-'orn rurhr urcb ein nN'-aru.cher Dichrer, der die ungarische Sprache leere'tz^-rto, ihneue Richtung und neuen Inhalt gegeben, der in Ungarn eine neue, moderne Schule schuf, geht vielleicht am bester', aus dem Begrüßungsschreiben des g-'-aonwärrio/n Pr isidenten des ungarischen Abgeordnetenhauses hervor, das rv'" aus der Unzahl von Adressen, die dem greisen Dichter aus A:-mß seines Jubelftstes zugekommeu find, hier dem Wortlaute e>a-ch. wirdergeveu. Der interessante Brief lautet: Sehr geehrter H? r x ' Die unaari'che Nation friert H-. ute ein großes Fest, ind m es dankbaren Äerz?us, mit anf-ichtiger, warmer Liebe vor Ihnen, dem großen noonr'ichen Dichrer, die Fahne der Anerkennung neigr. Gestatten Sie, sehe geehrter Herr, daß auch ich bei dieser Gelegenheit mit Herz und Seele mich i jener zahllosen Menge anschließe, die am heutigen Tage Sie, den Stolz der ungarischen Nation, feiern, und meinen heiß empfundenen Wunsch an.sdrücke. daß der mächtige Herr des Himmels Ihr eolrs Leben noch viele, viele Jahre zu unserer F'-ude und unserem Ruhme erhalten möge. I u t i v. s v. I u st h. Von. dru von jüdisch-m Sri re v-rruustaltmeu Festlichkeiten heben wir hier diejenige des „Josts Kiß Selbstbildungsklub" der israelitische:: Landeslehrerpräparo.übte hervor, die im Prunksaale der istaelü sichen Bürgerschule in Budapest stattmnd. Der Dick-tm, der Ehrenpräsiden: des Klubs ist. wohnte der Feier bei. Bo! seinem Er'cheiuen wurde er von dom zahlreichen. Publikum mit begeisterten Ovationen begrüßt. AS die an ihn gerichtete Begrüßungsansprache des Präsiveuteu Arpad Szadolcs antwortete Josts Kiß mit einer schwuu-volleu, pvetisch-scbönen Rede, in welcher er an die Juden Ungarns den Appel! richtete, sich die Liebe ihrer Umgebung, ln der sie wohnen, zu erringen, Leun nur daun in erb*' Ungarn ein an.gen.'"ynms Heim, siir ff.e werden. (Lebhafte Eljo-nruse.'i Gin jüdischer <Her-'chtshof. Vorige Woche mzre i-.r Kaschau das Gericht des 15. israelirischen Gemeindedrstr-ktes m einer die Amonomie der Kazchauer israelitischen Krrliusgemeinde berührenden Angelegenheit. Drese Gerichtsverhandlung ist rncbt io sehr des verhandelten Gegenstandes wegen, als darum von Interesse, weil dies seit dem im Jahre 1867 entstandenen Kongreßgesetze der erste Fall ist, daß in einer ähnlichen Angelegenheir der Gericht-Hof des israelitischen Distriktes entschied. Gegenstand ‘«vr Verhandlung war die Pensionsangeisgenheir des g.-wA-mn.-u Sekretärs der Kaichauer israeliuschen Gemeinde, Advokaten Dr. Philipp Klein. Im Sommer dieses Jabres wurde Dr. Klein infolge eines Streites mit dem Präsidenten Dr. Bela Weisz seiner Stelle enthoben und ihm von der Gemeiuderepräsentanz eine Pension von jährlich 1600 Kronen zugesprochen. Gegen diesen Beschluß erbrachten mehrere Mitglieder der Repräsentanz eine Beschwerde beim Verwaltungs-