Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 25 (1908)
- Issue
- 1 (3.1.1908)
- Date
- 1908-01-03
- Page
- – (sequence 16)
- Language
- German
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Seite 14 Dr. Llocb's MocbenscbrLN. Nr. 1 ausschusse der Stadt Kaschau, der aber die Beschwerde als in die Kompetenz des 15. israelitischen Gemeindedistriktes gehörig abwies. Die Beschwerdeführer richteten nun ihre Appellation an den Präsidenten des genannten Distriktes Dr. Bernhard Sichermann. Der Gerichtshof konstituierte sich unter Vorsitz des Oberrabbiners Dr. Josef Klein, der jedoch aus persönlichen Gründen den Vorsitz an den Vizepräsidenten Oberrabbiner Dr. Weißkopf aus Rosenau abtrat. Nach formell durchgeführter Verhandlung verkündete der Präsident das Urteil, wonach der Beschluß der Gemeinderepräsentanz annulliert und die Gemeinde angewiesen wird, die fragliche Pensionsangelegenheit von neuem zu verhandeln. Das Urteil, gegen welches eine Berufung unzulässig ist, erwuchs in Rechtskraft. Bo» de» Juden in Kroatien. Die politischen Vorgänge in Kroatien lenken die Aufmerksamkeit auf die Lage der Juden in diesem Lande. Die politische Lage von Kroatien, Slavonien und Dalmatien hatte sich hauptsächlich deshalb so kritisch gestaltet, weil die Kroaten unter sich auch im höchsten Sinne uneinig sind. Sie teilen sich hauptsächlich in zwei Lager: „bie kroatisch-serbische Koalition" und die „Starcsevics-Partei". Der Führer der letztgenannten Partei ist der getaufte Jude Dr. Josef Frank. Ihr Programm ist die allmälige Herbeiführung der vollständigen politischen und kulturellen Autonomie Kroatiens und Dalmatiens. Die Starcsevics-Partei ist die radikalere, ihr haben sich auch fast sämtliche Juden augeschlossen. Bei den letzten Wahlen siegte die „Koalition", deren Führer der jetzt vielgenannte Abgeordnete Supilo ist. Bei dieser Wahl wurde kein einziger Jude gewählt. Trotzdem die Juden zu deu politischen Gegnern Supilos zählen, ist dieser nichts weniger als antisemitisch gesinnt. In seinem Parteiorgane „Prirednik" schrieb er vor nicht langer Zeit: „Der Antisemitismus wird vollständig verschwinden, sobald die; "wisch-nationale Idee in der jüdischen Bevölkerung tiefe Wurzel gefaßt haben wird und die Juden überall als selbständige Nation hervortreteu werden. Ich bin überzeugt, daß alle Völker mit den jüdischen Nationalisten eher in Frieden und Einigkeit leben werden als mit jüdischen internationalen Kosmopoliten. Ich habe die Empfindung, daß viele Fehler des jüdischen Charakters ihrem Mangel an nationalem Bewußtsein entsprungen sind. Schon diese Tatsache allein, daß die gemäßigte Partei Supilos sich in dieser Weile zu den Juden verhält, beweist, daß die Lage der Juden in Kroatien-Slavonien im Allgemeinen keine schlechte ist. Die Juden spielen in politischer und gesellschaftlicher Beziehung eine bedeutende Rolle. Es gibt jüdische Richter, Professoren und auch einige jüdische Landesbeamte. Die ökonomische Lage der jüdischen Bevölkerung, welche ungefähr 25.000 Seelen zählt, ist keine schlechte. Sie beschäftigen sich zum großen Teile mit Handel. Es wurde wohl der Versuch gemacht, durch Gründung von antisemitischen Handelsgenossenschaften die Juden zu schädigen, doch sind alle diese Versuche bisher an dem gesunden Sinne der kroatischen Bevölkerung vollständig gescheitert. Die Juden Kroatiens besitzen einige eigene konfessionelle Schulen, die von der Regierung subventioniert werden. In Agram und Essegg existieren je eine jüdische Mittelschule, welche von 400 jüdischen Schülern besucht werden. In diese Schulen werden auch christliche Schüler .in unbeschränkter Zahl ausgenommen und tatsächlich machen auch viele Christen von diesem ihnen eingeräumten Rechte mit Freuden Gebrauch. Die Juden erhalten auch viele philanthropische Vereine. So besteht in Agram ein bedeutender Wohlfahrtsverein „Gemilus Chassidim", der „Jüdisch-Literarische Fraueuvereiu", der „Israelitische kroatische Verein", dessen Präsident Oberrabbiner Dr. Jacobi ist. Dieser Verein, der sich über ganz Kroatien erstreckt, zählt an 4000 Mitglieder. Außerdem gibt es einige zionistische Vereine. Die politische Unsicherheit in Kroatien hat auch unter den Juden eine gewisse Unruhe hervorgerufen. Sie fürchten nicht so sehr eine Aenderung in der Gesinnung der Kroaten, als vielmehr ihre Niederlage bei den nächsten Wahlen und deu steigenden Einfluß der ungarischen klerikalen Koalition, die auch dem Liberalismus in Ungarn den Garaus gemacht hat und die Gründung einer christlichsozialen Partei in Kroatien für die nächste Zeit plant. Zum Judentag in Rußland. Aus Petersburg wird berichtet: Das vorbereitende Komitee zur Veranstaltung eines Jndentages in Rußland hat bereits die Tagesordnung für den Kongreß festgesetzt und zwar: 1. Die allgemeine politische Lage der Juden. 2. Feststellung der Mittel zur Erreichung der Gleichberechtigung und zur Bekämpfung des Antisemitismus. 3. Direktiven für die jüdischen Abgeordneten. Auf Vorschlag der „Volkspartei" und der Zionisten wurde beschlossen 4. Schaffung einer jüdischen Organisation für innere Angelegenheiten und 5. Schaffung einer allgemeinen jüdischen Organisation. Eine Debatte über die Glaubensfreiheit. Petersburg den 25. Dezember. Gestern wurde in der Duma eine ganz regelrechte Debatte über die Glaubensfreiheit geführt. Wohl nicht im Plenum des russischen Parlaments, sondern in der Kommission für konfessionelle Angelegenheiten, aber schließlich werden ja alle künftigen Gesetzentwürfe, welche die einzelnen Konfessionen und Nationalitäten betreffen, durch dieses kommissionelle Sieb gehen müssen, und so ist es jedenfalls wichtig, zu erfahren, wie solche Angelegenheiten in der besagten Kommission behandelt werden. Ausgegangen ist die Debatte von einem Antrag, den die katholischen Abgeordneten eingebracht haben und die Vermehrung der Kommissionsmitglieder durch zwei Katholiken verlangt. Im Namen der Oktobristen tritt der Deputierte Kamenski für den Antrag ein. Der „Oktober-Verein", sagt der Redner, habe das Gesetz über die Glaubensfreiheit, das durch das kaiserliche Manifest proklamiert wurde, mit Freuden begrüßt. Schon Peter der Große sagte, -daß man in Glaubenssachen Niemanden einen Zwang auferlegen dürfe. Diese Auffassung stimme auch mit dem slavischen Geiste Rußlands überein. Wenn jedoch die russisch-orthodoxe Kirche oft gegen diesen Grundsatz handle, so sei der Grund hiefür nicht in der Kirche selbst, sondern in Einflüssen von Außen zu suchen. Der wirkliche Russe hege im Allgemeinen die weitestgehende Toleranz gegenüber anderen Religionen und zwar nicht aus Apathie oder Gleichgiltigkeit, sondern infolge seiner breiten Weltanschauung. Von einem sehr richtigen Standpunkte aus beurteilte der sozialdemokratische Deputierte Geidarow die Frage. Er sagte u. A. Bei Beurteilung des vorliegenden Antrages komme ich zu folgendem Ergebnisse: Die Forderung der Katholiken ist zweifellos eine gerechte. Die sozialdemokratische Fraktion steht auf dem Standpunkte, daß in der Kommission für konfessionelle Angelegenheiten jede Konstssion eine entsprechende Vertretung finden müsse. Besonders aber müsse diese Forderung im Interesse derjenigen Konfessionen verlangt werden, die unter der jetzigen Rechtsordnung am meisten bedrückt werden. Die Versicherungen der Regierung, welche in den Manifesten vom 17. April und 17. Oktober gemacht wurden, sind nur Zugeständnisse auf dem Papier geblieben. Die Glaubensfreiheit ist wohl proklamiert worden, aber in der Praxis ist sie nirgends vorzufinden. Bei uns in Rußland ist es verboten, das zu glauben oder nicht zu glauben, was man für seine Ueberzengung hält. In Rußland ist es noch immer verboten, vom orthodoxen Glauben zum jüdischen oder mohammedanischen überzutreten. (Unruhe rechts.) Gegenüber verschiedenen Religionen bestehen Rechtsbeschränkungen, wie z. B. gegenüber Katholiken, Juden und