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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1908-01-03 · 1 (3.1.1908) · page 10

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
25 (1908)
Issue
1 (3.1.1908)
Date
1908-01-03
Page
– (sequence 10)
Language
German
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Seite 8 Dr. Llocv's MocvenscvrttL, Nr. 1 der Kommunal-Sparkaffen, zu denen sie nichts beigestenert hat, sondern wo sie für die Einlagen nur die Haftung übernimmt, sich selbst nicht nur eine große Einnahme geschaffen, sondern auch die Möglichkeit, Subventionen zu leisten, wie z. B. an die Kindergärten der Klöster. So sollten auch wir eine jüdische Gemeindesparkassa gründen, von Juden für Juden, wo jeder Einleger weiß, daß der Nutzen, den sein Sparpfennig schafft, den edelsten jüdischen Zwecken zufließt, jenen Zwecken, von denen er, wenn er Unglück hat, vielleicht selbst einmal Gebrauch machen kann. Und ich glaube, daß dann auch die großen jüdischen Wohlfahrtsvereine, wie die „Jca" und „Allianz", schließlich auch wir selbst die Persolvierung der Ausgaben durch unser Institut führen könnten. In unserem Hause, von unseren Beamten verwaltet, von uns garantiert, dies allein läßt einen Erfolg fast mit Sicherheit annchmen und so soll nach Dotierung des Reservefonds die Hälfte eines eventuellen Reingewinnes der Knltnsgemeinde für deren Woblsahrtszwkcke zusiießen. Dieses Geld soll dazu dienen, unser Kranken- und Versorgungshaus möglichst ausgiebig zu unterstützen und unsere Gemeinde von den so schwer zu tragenden Erhaltnugssorgen dieser Institutionen teilweise zu entlasten oder es ihr ermöglichen, beruhigt an die Ausgestaltung derselben schreiten zu können. Die andere Hälfte aber möge zur Erlangung eines Fonds verwendet werden, dazu bestimmt, jüdischen Gewerbetreibenden mit relativ billigem Kredit hilfreich im Kampf ums Dasein unter die Arme zu greifen. Ungezählte jüdische Existenzen können durch zu richtiger Zeit gewährte Darlehen von dem sicheren Untergang gerettet werden, und jeder einzelne der Einleger kann dann das Bewußtsein haben, an diesem Doppelwerk der Wohltätigkeit mitgewirkt zu haben, Mitarbeiter zu sein, an dem Segenswerke, das von diesem Hause seinen Ausgang genommen. Und mir diesem Ausblick aut eine frohe Zukunft, meine sehr verehrten Herren, lassen Sie mich schließen. (Lebhafter Beifall. Redner wird beglückwünscht.) Da» „8<w» der Karrrcherpgkert". Von Rabbiner Dr. D. Feuchtwang Kann es einen schöneren Titel für ein Krankenhaus geben, in dem Unheilbare Zuflucht sinden. Solch' ein Haus gibt es in Wien. Es ist ein prächtiges Gebäude, in welchem barmherzige Brüder und Schwestern ihres entbehrungsreichen, liebevollen Amtes walten. Große Wohltäter der Menschheit, Christen und Juden, haben es aufgebaut. In hunderten Betten liegen die Beklagenswerten, die keine Hoffnung auf irdische Auferstehung beglückt; die nur auf ein besseres Leben im Jenseits harren. Still und sachte gehen die Pflegeschwestern umher; die Brüder vom Orden, angetan mit schneeweißen Gewändern, die das große rote Kreuz ziert, schleichen überhaupt durch die Hallen. Alles ist blank und rein. Nur die Seufzer der Schmerzgebeugten unterbrechen zuweilen die heimliche Stille. In der Dämmerstunde zumal wirk! der Anblick ergreifend. Die weiten, hallenden Gänge sind dunkel und gewähren den Einblick in die Säle der Verlorenen. Jetzt durchschreitet man eine Halle, von der Spitzbogenfitnster in die Kapelle blicken lassen. Alles ist ruhig. Nur aus dem Chore sitzt vor der Orgel eine Schwester; ringsum ist's finster: nur sie ist von grellem Lichte bestrahlt; sie und die Notenhefte vor ihr. Auf Schritt und Tritt begegnet man einem Bild des Gekreuzigten. Zahllose Bilder. Auch in den Krankensälen steht zwischen Bett und Bett ein schönes „Madonnenbild". Heiliger Friede scheint über dem Ganzen zu lagern. Alle Engel des Guten und der Liebe scheinen hier ihre Stätten aufgeschlagen zu haben. Und doch wird hier mancher Kamps gekämpft. Die Kirche ist immer gerüstet und streitbar; selbst in der heiligsten Friedensstille. Seelenkämpfe und Kampfe um Seelen werden hier gekämpft. Das „Haus der Barmherzigkeit" ist unbarmherzig, wenn es sich um „verlorene" Judenseelen handelt. Denn Judenseelen sind immer „verloren". Sie finden nach der Meinung der Kirche nicht Ruh' noch Rast. Sie finden keine Seeligkeit und sind und öleiben verdammt bis in alle Ewigkeit. Deshalb ist eine Judenseele ein kostbares Gut, sobald der sonst zur Unseligkeit verurteilte Jude gebessert und bekehrt ist. Denn diese Judenseele hat bereits im Diesseits den Länterungsweg beschritten. Sie war im gottungeliebten Leibe des jüdischen Menschen eingekerkert. Jetzt ist sie rein. Deshalb ist die Taus-Annahme ein köstliches Werk, Scelenrertung. Vater und Mutter, Brüder und Schwestern bis zurück in das tausendste Geschlecht haben im Wahne und in der Torheit, im Unheil und Irrtum gelebt. Der Täusiing m u ß sie verwerfen, verdammen. Er wird allmälig lernen, sie zu hassen. Er lernt es sicher. Des Enkelkindes Seele sucht und findet nicht die Seele der Ahnen im Gefilde der Unsterblichkeit. Vor vier Jahren war es. Da lag ein Nachfahre des hochseligen und weltberühmten Rabbi Mordechai Benet im „Haus der Barmherzigkeit". Er lag auf seinem Bette an Leib und Seele krank. Der erlösende Tod näherte sich dem Jüngling. Fromme Eltern kamen ab und zu; und als die letzten Stunden kamen, standen sie am Sterbelager und lispelten leise nach alter Weise: Schema Jisroel. Und verließen das „Haus der Barmherzigkeit". An der Pforte jedoch meldete die fromme Oberin: „Ihr Sohn ist vor seinem Tode Christ geworden; er hat die heilige Taufe verlangt und erhalten." Zur Kenntnis des Lesers sei gebracht, daß der Jüngling schwach im Geiste und als solcher im Aufnahmsscheine deutlich bezeichnet war. Weinend kamen die Anverwandten des „selig in dem Herrn Entschlafenen" zum Erzähler dieser erbaulichen Begebenheit. Benediktus Benedikt; so hieß jetzt der arme Jüngling, er sollte den Eltern wiedergegeben werden, die ihr jüdisches Kind, ihr totes jüdisches Kind begraben wollten. Braucht erst geschildert zu werden, welche Gefühle mich beschlichen? Von Rabbi Mordechai Benet bis Benediktus Benedikt! Welch' ein Leidensweg? Der Kampf war nicht leicht. Er soll nicht geschildert werden. Staatliche und geistliche Behörden wurden angerufen. Die Behörde des Staates verfügte rasch und stark. Der würdige Oberrabbiner der Gemeinde, von mir zur Mithilfe gerufen, mußte mit mir — sit venia verbo — nach Canossa gehen. Der nunmehr entschlafene, edle Weihbischof und Generalvikar der Wiener Erzdiözese stellte „aus christlicher Liebe" und nicht aus Pflicht eine Urkunde aus, daß Benediktus Benedikt — Samuel war sein Name gewesen — als Jude bestattet werden dürfe. Von der Kranichburg mußte die Gnade des Erzbischofs die Lizenz erteilen und nur Tags und Nachts geführte Unterhandlungen vermochten es, daß der erbarmenswerte Jüngling endlich seine Ruhe fand — in jüdischer Erde. Wir begleiteten ihn hinaus und riefen ihm Abschiedsgrüße zu. Es ward ab-'r dazumal bemerkt, daß Blutsverwandte des Verewigten keinerlei Empfinden für die Würde und den Ernst der Stunde besaßen, ja, daß sie nicht fühlten, was alles auf dem Wege lag, der von Rabbi Mordechai Benet bis „Benediktus Benedikt" im „Haus der Barmherzigkeit" führte. Vier Jahre verstrichen. Und wieder mußten wir unsere Schritte in das Haus lenken. Einige totkranke Juden baten um Hilfe gegen allzugroße Beweise der christlichen Liebe, die ihnen zuteil geworden waren. Man hätte doch glauben sollen, daß der eine Fall, der in dem ungleichen Kampfe zwischen kirchlicher und synagogaler Gewalt letztere zum Siege geführt hatte, hätte genügen sollen. O nein. Ungebrochen bleibt die Kraft des Glauöenseisers. Sie geht so weit, daß Wärter und Wächter der armen Seele des Verlorenen dadurch Beförderung zum Heile spenden, daß sie den Leib des Siechen stoßen und quälen — Askese fördert das Seelenheil. Die ästhetische und fromme Form inbrünstiger Vorlesung über Leiden und Werke des Glgubenssiistcrs, vereint mit dem mystischen Gemurmel endloser Rosenkranzgebcte tun das Ihrige. Die „christliche Liebe" breitet ihren Fittig über Seele und Gemüt des Totkranken und traumumfangen gleitet sie in den alleinseligmachenden Schoß.

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