Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 25 (1908)
- Issue
- 1 (3.1.1908)
- Date
- 1908-01-03
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 1 Sette 3 Vr. Lloch's Wochrnjchrifl Pariser Kkizzen. Der religiöse Liberalismus (,.Le liberalisme religieux“) von Rosa Feigenbaum. Die Trennung der Kirche vom Staate, die Frankreich so furchtbar aufgewühlt hat, war. wie es wohl selbstverständlich ist, nicht von so einschneidender Wirkung für den jüdischen Kultus. Die reichen jüdischen Gemeindemitglieder haben den Ausfall der staatlichen Subvention durch freiwillige Jahresbeiträge behoben und die französischen Rabbiner, die jetzt keine Staatsbeamten mehr sind, sondern nur Beamte einer religiösen Genossenschaft, werden, deshalb in ihren Einkünften sicherlich nicht geschmälert sein. Der Eintritt in die französischen Tempel, namentlich an den hohen Feiertagen, ist nach Maßgabe der vorhandenen Plätze noch immer unentgeltlich, wie sonst, und es herrscht daselbst die größte Freizügigkeit. Es ist da ein fortwährendes Kommen und Gehen, zum Schaden des Gottesdienstes, und es kann keine rechte Erbauung aufkommen. Freilich wäre es auch mm Konsistorium sehr gewagt, diese Freizügigkeit einschrauken zu wollen, die Tempel würden leer bleiben, denn die wenigsten Gemeindemitglieder, die ihren ständigen bezahlten Sitz haben, benützen denselben, und es sind zumeist die russischen, rumänischen und anderen fremden Juden, welche die Tempel halbwegs füllen. Der französische Jude hat sich assimiliert, gibt sich zumindest die größte Mühe, in der Assimilation aufzugehen, er steht seiner Religion indifferent gegenüber. Religion wird in den französischen Schulen bekanntlich überhaupt nicht gelehrt und die wenigsten jüdischen Kinder besuchen den Religionsunterricht in der konsistorialen Schule. Ich habe in vielen französischen Familien Umschau und Nachfrage gehalten: keines der Kinder genießt Religionsunterricht. So fragte ich unlängst eine 13 jährige Pariserin, ob sie die Religionsschule besuche. Als sie es verneinte, sagte ich ihr: ..Aber sie wisse doch gewiß, wer Adam und Eva waren." Sie schüttelte zuerst verneinend den Kopf, dann aber kam es wie eine Erleuchtung über sie und sie gab mir folgende krasse Antwort: »mais si, c’dtait un Dieu, qui est mort, et qui a 6tä enterrö au Pere Lachaise!« (Das ist ein Gott, der schon tot ist, und den man am Pere Laebaise begraben bat.) Die Väter, die vom Elsaß, von Holland und Deutschland eingewandert sind, waren noch Juden, die Söhne aber hielten sich schon für Franzosen, fingen an, sich zu assimilieren, und die Enkel wollen vom Judentum nichts mehr wifien; sie sind nur noch Franzosen und schütteln ungläubig die Köpfe, wenn man ihnen sagt, daß Paris ebenso antisemitisch denkt und fühlt, wie die anderen antisemitisch verseuchten Städte Europas. Es grbt hier zwar keinen aggressiven Antisemitismus, aber er zieht sich dennoch wie ein roter Faden durch das Pariser Leben. Ich will hier nicht von Drumonts »Libre Parole« sprechen, die den echten einträglichen Geschäftsantisemitismus betreibt, der feinen Mann nährt, und auch wie bei uns in Wien einen „Antisemitenhos" eintragen kann; ich will von so manchem sogenannten liberalen Blatt erzählen, das es auch gerne rot anstreicht, wenn zufällig einmal ein Jude etwas Schlechtes begangen hat; dann wird es immer heißen: »KL N. est israölite.« Die französische Bourgeosie hat auch für die Juden das verächtliche: II est zuik, und die vielen russischen und rumänischen jungen Leute, die das Elend in ihrer Heimat nach Paris getrieben und die liier Arbeit gefunden, wissen auch viel davon zu erzählen, wie wohl sich der Patron fühlt, wenn er ihnen ein verächtliches sale juif ins Gesicht schleudern kann. Die französische Aristokratie, obwohl stark zersetzt durch die jüdischen Elemente, mit denen man sich nm ihrer Millionen willen verschwägert hat, ist durch und durch antisemitisch und duldet in ihren Salons nach dem bekannten: Geld — non ölet nur solche Juden, die sich auf die Höhe ihrer Millionen stützen können. Ein hervorragendes französisches Blatt veröffentlichte vor einiger Zeit die Memoiren eines jungen Aristokraten, vom höchsten französischen Avel, des Prinzen von Broglie, der es sich in den Kopf gesetzt hatte, als zweite Frau erne junge Amerikanerin von niedriger Abkunft heiraten zu wollen. Das junge Paar brennt nach Italien durch und ein Bruder des Prinzen trifft daselbst ein, um den verlorenen Sohn ins elterliche Nest zuruckzubringen. Zwischen den Brüdern entspinnt sich folgender hübsche Dialog: Der Bruder: Du willst also wieder heiraten, das ist unerhört, und noch dazu wen! Der Prinz: Ah. nimm dich in Acht! Der Bruder: Eine Frau, die du nicht kennst, die du zufällig rn emem Theater getroffen hast! Der Prinz: Ich liebe sie! Der Bruder: Eine Sängerin! Der Prinz: Ich liebe sie! Der Bruder: Eine Jüdin! Eine Jüdin willst du den Broglie zur Schwiegertochter geben! ,.w . Der Prinz (in lautes Gelächter ausbrechend): Aber du selbst, bist du nicht im Begriffe zu heiraten . . . „ .Der Bruder (heftig unterbrechend): Eine Wagram!- Urenkelin eines Marschalls von Frankreich, vom Generalstabe Napoleons I. Der Prinz:-und Enkelin von Rothschild. Der Bruder: Das ist nicht mehr dasselbe! Der Prinz: Ja, ich weiß, sobald die Mitgift eine gewiffe Höhe erreicht, so verschwindet der Makel der jüdischen Abkunft. Der Prinz von Broglie hat dennoch seine Jüdin geheiratet, aber sie ist eine arme Jüdin und sie wird deshalb niemals in die prinzliche Familie ausgenommen werden, obgleich diese Ehre der millionenreichen ersten Frau des Prinzen zuteil wurde, die eine Enkelin des reichen frommen Kölner Banquiers Oppenheim war. DaS ist der aristokratische Geschäftsautisemitismus. Die Hochzeiten und Leichenbegängnisse der französischen Inden lehnen sich an das katholische Zeremoniell an, selbst die Rabbiner unterscheiden sich in ihrer Kleidung durch nichts vom katholischen Geistlichen, und Zadoc Kahns Leichenfeierlichkeiten entwickelten sich unter einem Prunk, der nichts gemein hatte mit der Einfachheit, die das jüdische Gesetz ivorschreibt. Vor einiger Zeit starb hier der 30 Millionen reiche Jude Osiris; er war Architekt und hatte auch den sephardffchen Tempel in der rue Buffault gebaut. Ter Mann hinterließ das ganze kolossale Vermögen, mit Ausnahme einer geringen Summe für Verwandte und Diener, verschiedenen öffintlichen Zwecken, aber er hinterließ nickt einen Sou für Juden oder für jüdische Wohlrätigkeitsanstaltcn. Das Institut Pasteur erbte ‘25 Millionen, die Stadt Paris erbte Häuser und Kunstsammlungen; den verschiedenen Provinzen Fraukreichs, wo Osiris zeitweilig gewohnt, hinterließ er cbenfalls die prachtvollen Schlösser und die Kunffsckäse die si? enthielten. Ter Stadt Narcy h ruerließ er noch u. a. 100.000 Frcs., damit das Monument der Jeanne d'Arc, das er seinerzeit dort errichtet hatte, aus einen günstigeren P atz sestellt und alljährlich an seinem Sterbetage in seinem N?men en; Kianz zu Füßen des Monumentes niedergelegt werde. Ter Mann war ganz in der A'similierung untergegangen und obwohl er als Jude starb, statte er olle Zniammengehörigkeit'mit seinem Namen verloren, das jüdische Elens kannte er i-icht mehr. Er liegt am Montmartre Friedhof begraben und seine Kruft ziert eine Abbildung der Kolossalstatue des Moses von Michel Angela. Nun ereignet sich jetzt in Paris etwas sehr Interessantes. Diesen französischen Inden, die nichts wollen als sich assimilieren, die dem Judentum ganz indifferent gegenüberstehen, ist in den jüngsten Tagen ein Retter erstanden, ein Reformator, vielleicht ein Sadbathei Zcwi. Er glaubt das Mittel gefunden zu haben, um die französischen Juden wieder zur Religion zurückmsühren und die Tempel mit Andächtigen zu füllen. Der grobe Reformator heißt Louis Levy. war Rabbiner in Dijon und ist jetzt im Begriffe, den Parisern die jüdische Religion mundgerecht zu machen. Am 19. September a. c. veröffentlichte der „TempS" unter dem Titel: Le liberalisme religieux, ein Interview eines seiner Mitarbeiter mit Herrn Rabbiner Levy. dem französischen Reformator der jüdischen Religion. Die Reformtätigkeit des Herrn Rabbiners steht unter der Patronanz eines bekannten Herren- und Damenkomitees und in der Rue Copernic wurde ein Tempel adaptiert, der die Reformgläubigen aufnehmen soll. Die Reformen des Herrn Rabbiners Levy, wie er sie seinem Interviewer mitteilt, sind: 1. Einführung des Sonntags-Gottesdienstes. Der Herr Rabbiner will zwar den Freitag- und Sonntag-Gottesdienst nicht adschaffen, aber — man ist nur am Sonntag frei, meint der Herr Rabbiner, und deshalb soll am Sonntag ein großer feierlicher Gottesdienst mit Chorgesang abgehalten werden, denn ein Gottesdienst kann nie schön genug sein, das zieht die Menge an. 2. Die G'bete sollen hauptsächlich in französischer Sprache rezitiert werden, nur einige hebräische Gebete sollen erhalten bleiben. 3. Die Vereinfachung und Abkürzung des Gottesdienstes. Alles Ueberflüffige, alles Weitschweifige soll gestrichen werden, wir werden alles ausmerzen. was unseren Ideen, unseren Anforderungen nicht mehr entspricht: Di; Opfer, die Rückkehr nach Jerusalem, Strafe und Belohnung. Wir wollen einen Kultus ohne Aberglauben, ohne Furcht, ohne Berechnung. 4. Die Dauer der Festtage wird abgekürzt, eS soll nur je einen Festtag geben. 5. Im Tempel wird man unbedeckten Hauptes sitzen. 6 Die Geschlechter werden nicht separiert, es gibt keinen Unterschied der Geschlechter. 7. Der Religionsunterricht wird in Uebereinstimmung mit den Lehren der Wissenschaft erteilt werden. Die Legende wird Legende heißen, und die Wunder werden auf ihren wahren Wert zurückgeführt werden. 8. Der Rabbiner, der nach dem jetzigen Kultus fast keine Rolle in der Grmeinde spielt, soll in der reformierten Gemeinde der beständige Wortführer fein. Das sind in Kürze die Reformen, von deren Ausführung der Herr Rabbiner hofft, daß sie Wunder wirk-n werden, daß der Gläubige nach diesem höchstens drei- oder vierviertelstmidigen Gottesdienst den Tempel verlassen wird, beseelt und getragen von den besten Absichten, mit dem Blick in eine leuchtende Zukunft und einem reinen Ideal im Herzen. Herr Rabbiner Levy! ich fürckte, Sie erleben eine Enttäuschung! Dieser herrlicher Gottesdienst, von dem Sie träumen und der die Menge anziehen soll, er besteht ja schon und dennoch vermag er nicht die Menge zu fesseln. Haben Sie noch nie zu den hohen Feiertagen den Gottesdienst beispielsweise im Tempel der Rue de la Victoire gesehen? Das Zeremoniell ist erhebend und dazu