Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 25 (1908)
- Issue
- 1 (3.1.1908)
- Date
- 1908-01-03
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite L Wt. Mscb's Mocbenscdrm. Nr. 1 Verbindung Herstellen, weil dieses Proletariat-. Es gibt eben große Herren unter uns. die gegen das jüdische Proletariat haargenau, mit genau denselben Worten und Gedanken antisemitisch austreten, wie die Antisemiten diesen großen Herren gegenüber. Diese ungerechte Abneigungelaune ist wohl eines rechten Mannes unwürdig, der jüdische Antisemitismus schlägt sich durch seinen eigenen Blödsinn. Zu dieser Erkenntnis haben sich in unseren großen Organisationen schon viele gute Elemente durchgerungen. Der beginnende Auftrieb des zum Leben erwachenden Judentums wird diese Elemente wohl sehr bald an die Oberfläche spülen. Ob sie mit den Radikalen verständige Verständigung fir-den werden oder nicht, das hängt von den Radikalen ab. Das Märchen von der jüdischen Zukunft hat einen zweifachen Schluß. Der eine lautet Schönerer, der andere Derschatta. Wir haben den Ruf nach Einigkeit oft schon hören lassen; er wurde überschrieen. Nur das eiserne Pflichtbewußtem, nur die Heiligkeit unserer lleberzeugung kann uns dazu veranlassen, den Kampf gegen den Kampf nicht aufzugeben. Bei anderen bedrängten Völkern werden die Rufer zur Einigkeit gefeiert, bei uns riskieren sie den Ucberfall der Dummen und Schlechten von beiden Seiten. Sei es drum und sei der Trost vielleicht nur die heimliche Anerkennung im stillen Volke, vielleicht in späteren Zeiten ein lobendes Wort. Hoch die Fahne Einigkeit! Vielleicht wird den Christlich-Sozialen das feiste Lächeln doch vergehen, wenn die geeinten Juden sich kraftvoll für ihre Rechte erheben werden, wenn es nötig ist. Aus all den geistigen, moralischen, materiellen Gründen, die ein Zusammengehen der Juden als erste Bedingung des Erfolges voraussctzen. Jeder Kampfruf unter wirklichen Juden heißt eigentlich: Hoch Lueger! Das ist das Programm der „Österreichischen Wochenschrift" in Vergangenheit und Zukunft. Sie ist nicht das Blatt der Parteien, sondern des Judentums. Sie ist dem jüdischen Volke gewidmet, ist der Rufer in seiner Not, die so viel Stufen hat als es Länder gibt, sie ist der Herold seiner inneren Schönheit. Vor allem aber will die „Oesterreichische Wochenschrift" der erste Diener sein für die Juden in unserer Monarchie, an denen wohl bald die antisemitische Negierungskunst ihre Kraft erproben dürfte. Unser Organ stand bereits an der Wiege des politischen Judentums, das von Schönerer und Lueger geboren wurde, und seine Vorschläge sind von der Erfahrung des Erlebnistes eingegeben. Diese Erfahrung hat vor allem ein Gebot, das ist der kategorische Imperativ zur Einigkeit. Wenn man will, ist unser Blatt das Organ einer Zentralpartei, der Partei des geeinigten Judentums, die noch gar nicht gegründet ist, aber sicherlich die Majorität aller Juden besitzt. Der Zustimmung aller ihrer Parteigenossen gewiß, wird st-' vor allem nicht aufhören, alljüdisch zu sein und bei all den Aktionen für die Opfer des jüdischen Elends im Auslande, wie zur jüdischen Politik in unserer Monarchie wird sie in diesem Sinne wie in alten so auch in neuen Jahren unverblümt uni unerschrocken das Wort ergreifen. Dieser Vorsatz berechtigt sie wohl, die Hilfe ihrer geschätzten Freunde weiterhin zu erbitten. Mesopotamien rmd wieder Mesopotamien! In der vorletzten Nummer dieser Zeitschrift wird anläßlich der von der türkischen Regierung nach Syrien und Mesopotamien entsandten Studienkomm'ssion hervorgchoben, daß ich schon längst für das mesopotamische Projekt eingelreten und in wiederholten Artikeln die Aufmerksamkeit der Zionisten und Territorialisten auf dies herrliche Gebiet lenkte. Seit ich zur Erkenntnis gekommen bin, daß die zionistische Bewegung fast unüberwindliche Hindern sse zu bewältigen habe und sich nur schwer zurWirklichkeit verdichten könne, wies ich unermüdlich auf Syrien, auf das Delta zwischen Euphrat und Tigris hin, wo große, zusammenhängende, weit umfassende jüdische Kolonien errichtet und die alte, §ast märchenhafte Fruchtbarkeit durch Herstellung der verfallene:-. Wasserleitungen geweckt werden können. Ich bin nicht der Entdecker Mesopotamiens für die Juden, ich bin bloß der Nachbeter von Männern, die das Land kannten, seine Vergangenheit und seine gegenwärtigen Verhältnisse studierten und an deren Verläßlichkeit kein Zweifel aufkommen kann. Es gibt kein Gebiet auf Erden, das jenem gleichkäme, wo die beiden biblischen Flüsse ihre Wasser rollen und die ältesten Städte der Welt lagen. Lange bevor die genialen Erfindungen moderner Ackerbauwerkzeuge und die Wunder der Chemie dem Landmann zu Hilfe kamen, lange bevor die Menschen die Erde zur größten Leistung ihrer Abgaben zu zwingen wußten, als noch die Ernten fast freiwillige Spenden des reichen Bodens waren, ging schon eine Fülle von Reichtum über das Land nieder, allerdings auf die Köpfe des Adels¬ und Priesterstandes, während die Bauern bei allem Segen darbten. Dies herrliche Land der ersten Menschen, die die Natur verschwenderisch mit Allem versorgte, was das Leben erfordert, ist nicht durch veränderte klimatische Verhältnisse oder durch vulkanische Revolutionen zu Grunde gegangen, sondern bloß durch die Habgier der Herrscher, die die Flucht der ausgesogenen Arbeitskräfte bewirkte, und den Vandalismus der Feinde, welche nicht bloß raubten, sondern auch zerstörten. Es gab in Mesopotamien Städte, in denen sechsmalhunderttausend Menschen ein gückliches Dasein lebten, Tempel und Paläste von Gold strotzten und in fast unverwüstbaren Gewölben Schätze von fabelhaften Werte gehütet wurden und die nun gänzlich vom Erdboden verschwunden sind. Statt der prächtigen Bauten stehen elende Hütten, statt der reichen Bevölkerung führen einige hundert Moslems ein dürftiges Leben. Die Satrapenwirtschaft hat ein blühendes Land in eine Einöde verwandelt. Noch im sechsten Jahrhundert nach Christus standen 22 Millionen Hektar in voller Vegetation und lieferten der Regierung und ihren Vasallen eine jährliche Einnahme von 232 Millionen Mark. Alles gedieh dort in paradiesischer Ueppigkeit: die Rebe, der Dattel- und Kaffeebaum, Weizen, Gerste, Mais, - Reis, Hanf; man brauchte bloß die fruchtbare Erde ein wenig aufzukratzen und sie lieferte ihren glücklichen Bewohnern zweimal im Jahre ihre reichen Gaben, an denen sie sich gütlich taten. Nach und nach versumpften die Kanäle, vertrockneten die Wasserläufe, die Bauten zerfielen; die Tyrannei zügelloser Herrscher und unaufhörliche Kriege rieben die Bevölkerung auf und nun liegen nach vielhundertjähriger Brache mehr als zehn Millionen Hektar produktiven Bodens da, der Zauberrute harrend, die sie durch die Wiederherstellung der Wasserleitungen zu neuer Produktion wecken soll. Es braucht allerdings großer Kapitalien zum Ankauf der übrigens wohlfeilen Ländereien und zur Wiederherstellung der verfallenen Aquädukte, aber sie würden glänzend zinsen. Und genügend Raum ist vorhanden, um darin die ganze Judenheit Europas bequem unterzubringen, die nirgends ein gastlicheres Heim fände, als auf jenem Erdteil, auf welchem schon vor Jahrtausenden unsere Vorfahren so glücklich lebten, daß sie zuletzt das babylonische Exil nicht mehr aufgeben wollten, um nach Palästina zurückzukehren. Aber ein Entschluß muß rasch gefaßt und mit der Erwerbung des gewaltigen Terrains energisch begonnen werden. Ein zweites so geeignetes Land bietet die Erde nirgends mehr einer so weitreichenden Kolonisation, wie sie uns not tut und immer dringender wird. Man bedenke, daß jetzt viele Augen auf Syrien und Babylonien gerichtet sind, daß die Bevölkerung Europas in steter Zunahme begriffen ist. Sie wird im Jahre 1910 vierhundertzwanzig, im Jahre 1920 fünfhundert und 1930 sechshundertzwanzig Millionen betragen — es wird immer enger und enger werden; Asien muß unbedingt die Tore einer Völkerwanderung öffnen — dann, wenn Deutschland oder England in Wettbewerb treten, ist es für uns vorbei—unwiederbringlich für immer vorbei! Eine gerechte, aber fruchtlose Reue wird jene ergreifen, die nun bedächtig zaudern und den letzten Moment versäumen. Die zwölfte Stunde schlägt! Teplitz. Leo Herzberg-Fränkel. .