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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1907-12-27 · 52 (27.12.1907) · page 18

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
24 (1907)
Issue
52 (27.12.1907)
Date
1907-12-27
Page
– (sequence 18)
Language
German
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Sette 878 Dr. Mocb's MocbenscdrLN. kt, 62 ausgcdrückt, in der Beletage, wahrend der dritte Teil des Hauses, das Parterre, von einer anderen Familie bewohnt wu' de. Dieses „Drcihäusersysiem", wie ich cs analog dem „Dreifeldersystem", das Jmmcrmann so köstlich in seiner berühmten Dorfnovelle „Der Oberhof" schildert, nennen möchte, war fast im ganzen Ghetto durchgeführt. Gemeinsam aber waren den Nachbarn im Hinter- und Vorderhäuser 1. Die Sukkah. 2. Der Dachboden. Und ich erinnere mich noch, wie eine weise Zeiteinteilung getroffen wurde, auf daß alle Parteien in der Sukkah ihre Mahlzeiten verrichten und auf dem Dachboden ihre Wäsche lrocknen konnten. Man verzeihe übrigens diese etwas blasphemische Zusammenstellung von Heiligem und Unheiligem, von Kaudcsch u. Chol. Mordche also flickte alte Hosen und Röcke, sagte Kaddisch sür^das Seelenheil derer, die sich diesen frommen Brauch bezahlten, schlachtete Rindvieh und Geflügel und betete auch hie und da vor, wenn unvorhergesehene Hindernisse den bezahlten Vorbetcr abhielten, seiner Pflicht zu genügen; und solche Hinderniffe pflegten und pflegen einzutreten. . . . Natürlich gedachte man auch in der Killah Mordches und Esthers bei allen Geldverteilungen, welche das Rachmomüh bei verschiedenen Gelegenheiten vornimmt, als da sind: Trauungen und Begräbnisse, Fest- und Fastenzeiten. Lange blieb Mordche unvermählt. Eines Tages überraschte er, von einer längeren Reise zurückgekehrt, die Gemeinde damit, daß auch er, nach dem alten Satze „es ist nicht gut, daß der Mensch allein sei", eine Gefährtin aus der Fremde sich heimbrachte. ... Ec flickte weiter alte Kleider, „lernte" für Verstorbene, schlachtete die Hühner und Gänse und Ochsen der Gemeinde, betete für verhinderte Vorbeter und lebte derart ruhig, niemand kränkend, niemand etwas in den Weg legend das Leben eines frommen, armen Ghettome'.'.schen. Und jetzt war dieser Mordche „in seinen alten Tagen" irrsinnig geworden? Mir wollte dies nicht in den Sinn. Langsam wandelte ich zwischen den Gräbern dahin, auf dem „guten Orte", der, wohlgepflegt wie es die neue Zeit verlangt, gar nicht vermuten läßt, daß fast ein Jahrhundert auf ihn niederblickt. ... In ein Irrenhaus hatte man Mordche gebracht. Sah dies nicht wie das Bestreben aus, sich eines Menschen zu entledigen, der vielleicht irgend einem unangenehm geworden oder im Wege gestanden. Ich aber konnte mir gar nicht denken, daß diese fromme Menscheuseele je Anlaß dazu hätte geben können, sie aus der Welt des Lebens in das Grab zu bringen, so man Irrenanstalt nennt. Da muß etwas faul sein, dachte ich in meinem Herzen. Mein Rundgang auf der Gräbeistätre war beendet. Noch einmal grüßte ich die Gemeinde, die hier versammelt ist, die dahingeschiedenen Eltern und Verwandten, die Bekannten und Freunde, die Lehrer und Gelehrten. Alte und Junge. Männer und Frauen. Ich grüßte sie und kehrte wieder ins lärmende Leben zurück. . . . Und nun wird mir eine Nachricht, die mich tief erschüttert und mächtig ergreift. Mordche ist in der Irrenanstalt, allwo nran ihn interniert hatte, gestorben. Aber nicht auf dem „guten Orte" der Heimat wurde er bestattet, er ruht nicht neben Gawriel und Zippora und Esther. . . . Man kümmerte sich nicht um den toten Mordche und ließ ihn von nichtjüdischen Händen auf dem nichtjüdifchen Friedhofe begraben. „Keinen Kadosch" sagte man für ihn. Vielleicht beteten sie ein „Vater Unser", als sie dies unglückselige Menschenkind dem Staube Wiedergaben, von dem er genommen wurde. . . . Und nun fragen wir: Schafft nicht das Leben die tragischesten Gegensätze? Mordche, der jüdische Flickschneider, Talmudlerner, Schächter. Vorbeter und Kaddischsager. Mordche, Reb Gawriels des Lehrers Sohn, auf dem nichtjüdischen Friedhöfe begraben! Wer über manche Dinge den Verstand nicht verliert, hat keinen zu verlieren, sagt Lessing. Und er hat tausendmal recht. Aber dieser „Fall Mordche" schreit förmlich nach einer gründlichen Revision unserer Gemeindeverhältniffe. Vielleicht findet sich eine milde Seele, die, was sterblich war au Mordche, zu den Vätern heimwärts bringt und mit den Vätern und Müttern vereinigt. Und eine andere milde S.ele errichtet auf seinem armseligen Grabe einen Stein, der uns sagt: Hier liegt der unglückliche Proletarier des Ghettos, Mordechai, Sohn Reb Gawriels, der einst der Lehrer der Ghettojugend gewesen. ... So gehen sie dahin, die alten Familien, Ruinen und Gräber, wohin wir blicken. Das ist Menschenschicksal, und kein Hiob wird dies, und donnerte er noch so sehr und. spräche seine Verzweiflung mit grimmigstem Hohn und erschrecklichster Lästerung. anders machen. Aber gehen mit den alten Geschlechtern auch die Pietät dahin und das Rachmonuth, auf das wir einst so stolz waren? Eine neue Zeit spricht das freche Wort: Mitleid sei eine Schwäche, gründet Tierschutzvereiue und verfolgt Menschen. Erinnern wir uns in solcher Zeit de» alten Judentums, wie es ehrenvolle Bestattung der Toten neben Krankenpflege und wirkender Wohltätigkeit zu jenen Taten rechnete, die uns ein ehrenvolles, bleibendes Angedenken in einer „kommenden Welt" sichern. Daran scheint mir dies neue Judentum zu kranken: Der Schein wird über das Sein gesetzt, die äußere Hülle höher geachtet, als der innere Kern. Und so möge denn das, was hier vou Mordches tragischem Geschicke mitgeteilt wurde, jene aufrütteln, die sich vielleicht an dem armen Manne vergingen. Sühne man nach seinem Tode, was man an dem L benden sündigte. Viel Lehrreiches erzählt das Leben dieses schlichten, frommen Menschen, aber noch beredter spricht zu uns der Tod und — das Grab Mordches. Im Marcheschwan, 5668. Moscheh ben Ahron Jsch Kremsier. Literatur. Ein neues Judenstück im Pariser „Oeuvre". „Die Taufe" ist ein Thema, so wird uns ans Paris berichtet, von dem sich Paris momentan unterhält. Die Soeists äs l’Oeuvre, v irektor Lugns-Pos, der Gatte der Suzanne Deprss, hat dies Ten-' denzstück von Savoir und Noziöre vor die Rampe gebracht; es gehörte Mut dazu. Denn, wenn auch alles mit viel Humor und Takt gesagt ist, bleibt ein geistreiches Sittenstück über die Judenfrage immer ein gefährliches Experiment. Max Nordaus Drama „Dr. Kohn" konnte nur im Buch, nicht au der Szene bekannt werden. Die französischen Autoren schildern in ihrer Weise das Unbehagliche in der Situation reichqewordener Juden, die in die große und adelige Gesellschaft hinein wollen. Der Bankier Bloch-Sulzbacher stammt aus Frankfurt, seine Frau schreibt moderne Romane, sein ältester Sohn treibt allerlei teuren Sport, eine Tochter, träumerisch veranlagt, ist mit einem kassenschwachen Aristokraten verlobt. Ihr Salon wird vom Besuch eines Kardinals beehrt, der in die Akademie Frantzaise gewählt werden will und dazu die Stimme eines gelehrten Vetters derBtochs, der auch Jude ist, erlangen möchte. Im Vorübergehen bekehrt der Kardinal die Tochter; die ganze Familie läßt sich taufen und zwar in der Kapelle eines historischen Schlosses, das sie in der Touraine gekauft. Die Tochter ist sogar derartig für die neue Religion entflammt, daß sie sich auf einer Pilgerfahrt nach Lourdes entschließt, statt die Braut des Vicomte zu werden, den Schleier zu nehmen und Nonne zu werden. Wut des alten Bloch, der Jude bis in die Knochen ist, aber nachgegeben hat und mit zur Taufe ging; endlich seine Einwilligung — eine Heilige in der Familie — die Bank Bloch-Salzbacher wird die Bank des französischen Katholizismus werden. Nur die Urahne, die noch den Frankfurter Judendialekt spricht, und der süngste Sohn ein mißgestalteter Junge, dem die Gassenbuben „Jude" Nachrufen, sind mit der „Kanonisierung" nicht einverstanden, und während der Junge weint, schüttet der Alte sein Herz aus. Warum er nicht in Frankfurt geblieben? Weil auch dort nicht die Heimat der Söhne Israels ist und weil auch dort die Gassenbuben ihm einst „Jude" nachgeschrieen. „Jude fern, das ist keine Frage der Religion, keine Frage der Rasse es ist ein Unglück." Die französischen Zuhörer wußten nicht, daß die Autoren diese etwa pyrotechnische Phrase nicht selbst erfunden, sondern Heinrich Heine entlehnt haben. Sie wurden mitunter sehr grausam mit ihrem israelitischen Auditorium, aber da ihr Stück die Geschichte einer bekannten Familie der Finanzaristokratie schildert und weder antisemitisch noch pro genannt werden kann, da es bestrebt ist, gerecht Lob und Hiebe nach rechts und links auszuteilen, schienen sämtliche Parteien im Zuschauerraume befriedigt. Eine sogenannte Lösung der Judenfrage wird in dem Stücke gar nicht . versucht. Reue Bücher. Dr. Ch. Bogratschoff. Entstehung, Entwicklung und Prinzipien desChassidismus. Verlag von Louis Lamm, Berlin 1908.

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