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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1907-12-27 · 52 (27.12.1907) · page 17

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
24 (1907)
Issue
52 (27.12.1907)
Date
1907-12-27
Page
– (sequence 17)
Language
German
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Nr. 62 Sr. Lwcv s MocvenscbrLkr. Seite 877 Wirken dieses mit für die Armen, Witw n und Waisen warm fühlenden Herzen und Gemüt geleiteten Wohtlatigkeitsvereines. Vor allem wurden zn Chanucka 110 arme Schulkinder und Studenten mit Winterkleidern versehen. Bei dieser Gelegenheit hielt Ehrwürden Herr Oberrabbiner Dr. Moriz Schwarz zu guten Sitten. Fleiß und Ausdauer aneifernde herrliche Worte an die Beteiligten. Das Vereinspräsidium, bestehend aus der Präsidentin Frau Johanna Herzl-Keppich, der Vize-Präsidentin Frau Johanna Schmidl und der Kassierin Frau Isidor Neubauer, gemeinschaftlich mit dem Vereinsansschuß bedachte die Kinder auch mit einer opulenten Jause. Ferner wurde an zirka 170 arme Familien Winterholz verteilt. Schließlich erhalten 35 arme Schulkinder mehrere Monate hindurch tätlich ein aus Semmeln und warmer Milch bestehendes Frühstück. Vägujhely. Herr Jakob Itmann, Direktor der israelitischen Realschule in Vägujhely, verlobte seine Tochter Jolän mit Herrn Berthold Neufeld, königl. Bezirks- Veterinärarzt in Räczkeve. ff^Grajewski verschwunden. Bekanntlich hat ein Herr Grajewski in Vertretung eines palästinensischen Reisebureaus „Tabor" in den letzte- Jahren mehrere Gesellschaftsreisen nach Palästina veranstaltet, deren erste unter dem Protektorate und zum Teile zugunsten der zionistischen Organisation Oesterreichs vor ungefähr drei Jahren stattfand. Nun veröffentlicht Herr Jsaac Cohn aus Berlin im Krakauer „Hamizpe" eine Warnung vor diesem Herrn Grajewski, die folgenden Wortlaut hat: „Im Oktober dieses Jahres reiste ich in Gesellschaft meiner Frau und mehrerer Mit' reisender aus Ungarn und Galizien nach dem Heiligen Lande. Unser Reiseführer war der Inhaber der Firma „Tabor" in Jerusalem, A. Grajewski. Dieser Mann hat das Reiseprogramm, das er seinerzeit in den Zeitungen veröffentlicht hat, nicht eingehalten. Zum Schluffe entfloh er in Alexandrien und ist spurlos verschwunden. Deshalb erachte ich es als eine Ehrenpflicht, auf diesem Wege alle diejenigen, welche die Absicht haben, eine Reise nach Palästina zu unternehmen, zu warnen, auf daß sie sich diesem Manne, der vollständig unverläßlich erscheint, nicht anvertrauen. Feuilleton. Mordche. Ein Stück Ghetto-Tragik. Wieder stand ich an den alten Gräbern, während Todesschlummer über die Natur kam. . . . Die Blätter fielen, und wie von verhallenden Seufzern wehte es durch die Lüfte. Von drüben leuchteten die Mauern eines weißen Hauses; es ist die Irrenanstalt, die das Land neu errichtet. Man hat sie gegenüber den alten Gräbern erbaut, ist sie doch selbst ein großes Grab. Und dies Grab ist schon überfüllt. . . . Doch hinweg von der Unruhe dieses Lebens zum Frieden des Todes. Da steht er vor mir der alte, schier verwitterte Grabstein. „Gawriel", diesen Namen lese ich, die Buchstaben haben in frischer Jugend sich erhalten. Dieser Grabstein deckt die Ruhestätte meines ersten Lehrers. „Und was ist mit Mordche geschehen"? frage ich meinen Begleiter. Der will nicht recht mit der Sprache heraus. „Daß Esther gestorben, wissen Sie ja"? Mir scheint diese Frage eine Ausflucht, ein hartnäckiger Versuch, der Antwort zu entgehen. „Nach Esther frage ich nicht, von der weiß ich, daß sie schon lange unterm grünen Rasen ruht und die Gassenbuben sie nicht mehr ärgern können; aber, was ist's mit Mordche"? „Ins Irrenhaus haben sie ihn gesteckt, nicht in das unsrige, das Sie herüberschimmern sehen durch's grüne Laubgehölz, sondern iw die zweite Anstalt des Landes." „Ist er denn irrsinnig geworden, der arme Mordche"? „Man behauptete es; er selbst hat sich dagegen gesträubt, unter die Irren zu kommen, und dort „Trepha" essen zu müssen. Das Geschick Mordches ging mir zu Herzen, war er doch der Sohn meines ersten Lehrers, der mich, den damals Fünfjährigen, in die Geheimniffe des Aleph-Beth einst eingeweiht. zu dessen Füßen ick. in des Wortes eigentlichster Bedeutung, vor nahezu einem halben Säkulum geseffen; denn auf kleinen, niedrigen Fußschemeln saßen wir und lauschten dem milden Worte Reb Gawriels, des Vaters Mordches und Esthers, des Gatten der ehrwürdigen Zippora. Gawriel und Zippora — Philemon und Banci», möchte ich das alte Gattenpaar vergleichen. Reb Gawriel glich nicht den strengen Melamdim, w'e sie ehemals, zum Schrecken der Jugend, das Ghetto auswies. Er huldigte der milderen Richtung und dem Grundsätze: „Erziehe den Knaben nach seiner Art". Unvergeßlich wird es mir bleiben, was er meinem seligen Vater, deffen Ruhestätte ich nun besuchte, sagte, als sich dieser darüber beklagte, daß ich gar zu geringe Fortschritte in der Kenntnis der heiligen Sprache mache. (Denn der Vater hätte den Fünfjährigen schon gerne als Gottesgelahrten gesehen.) Reb Gawriel aber sprach die geflügelten Worte: „Bezahlt man mir für Erdäppel (Kartoffel gemeiniglich genannt), so lerne ich (sprich: „lehre ich) für Erdäppel, bezahlt man mir für Krüppel, lerne ich für Krüppel (sprich: Krapfen.") „Lephum Zaaroh agroh" wie dies ein alter Weiser umgekehrt ausdrückte. Die Arbeit richtet sich nach dem Lohn, war dagegen der Grundsatz, der Reb Gawriel einen Ehrenplatz inmitten unserer modernen Sozialisten gesichert hätte. Was aber wußte Reb Gawriel vom Sozialismus? Desto mehr von der Armut. Sein Weib, das den Namen der Gattin unseres großen Moses führte, jene schon genannte Zippora, führte ein kleines Geschäftchen mit bunten Bändern und wertlosem Kram, und so ernährten sich Philemon und Bancis, will sagen, Gawriel und Zippora, sich und ihre Kinder, Mordche und Esther, sehr schlecht, aber sehr recht. . . Mordche hatte mit seinem großen Namensvetter, Mordechai, wenig gemein, noch weniger Esther mit der ehemaligen Gemahlin des Ahasveros, der regierte von Indien bis Äthiopien über 127 Satrapien. . . . Mordche fehlte es vor allem an Tatkraft, ohne die wir uns den Jsch Jehudi zu Schuschan gar schwer voMstellen vermögen. Ich sehe ihn noch vor mir. Als ich fünf Jahre alt war, mochte er etwa 19 bis 20 Jahre gezählt haben. Er saß auf einem Schemel, hatte vor sich auf einem anderen Schemel einen Talmud-Folianten liegen und flickte nebenbei alte Hosen. Thora und Arbeit verband er solchermaßen. Denn er verstand es, sich in den labyrinthisch-verschlungenen Pfaden des Traktates „Gittin" zu verlieren und dabei sein Handwerk zu pflegen. Mordche betrieb nämlich zur Stillung des Hungers das ehrsame Handwerk eines Flickschneiders. Esther strickte mit Todesverachtung Strümpfe, und war ansonsten von Mutter Natur mit Blödheit und einem organischen Sprachfehler geschlagen worden, als hätte der Herrgott dies Menschenkind in seiner schlechtesten Laune geschaffen. Man denke sich, wie dies mißratene Menschengebilde ein Objekt für den unbarmherzigen Spott der süßen Ghettojugend gewesen. Oft hörte man im Lärmen der Gasse einen schrillen Ton, den Aufschrei einer Kreatur, die zum Unglücke ins Leben gekommen. . . . Das war Esthers Schrei, die der hoffnungsvollen Gassenbubengesellschaft zum Gegenstände der Unterhaltung diente. Eine wohlgezielte Ohrfeige von der allerbesten Qualität, dem Führer des Ghettobubenmobs von irgend einer mit Esther Mitleid fühlenden Person appliziert, befreite dies unselige Menschenkind vor den Verfolgungen einer herzlosen Rotte. . . . Doch kehren wir zu Mordche zurück. Gawriel war langst tot und Zippora, sein Weib, war ihm gefolgt auf jenen Ort des Friedens, den wir so schön und so wahr als den „guten" bezeichnen. Es liegt ein Stück Lebensverneinung in dieser Bezeichnung, die vielleicht den Beifall Schopenhauers, des Frankfurter Weisen, gefunden hätte. Noch immer bewohnte das Geschwisterpaar, Mordche und Esther, wie man heute, im Zeitalter SudermannS sagen würde, das Hinterhaus. Es war dies aber eine Art Hühnersteige, zu der man auf einer unsäglich steilen Holztreppe emporklomm. AlS wir Kinder waren und uns zu Reb Gawriel begaben, um in seinem Cheder die ersten Lehren der Thora zu empfangen, da konnten wir das Bergsteigen, das manch Einer von uns später als Sport übte, in seinen Anfängen kennen lernen. ... Im Vorderhause wohnten aber wir, und zwar euphemistisch

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