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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1907-12-27 · 52 (27.12.1907) · page 9

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
24 (1907)
Issue
52 (27.12.1907)
Date
1907-12-27
Page
– (sequence 9)
Language
German
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Nr. 52 Dr. Llocb's Mocöenscdrm. Sie haben durch die Notierung einer namhaften Summe und die Überweisung der Zinsen der von Wohltätern dazu gespendeten Kapitalien dem im Beginne seiner Tätigkeit stehenden Vereine die Gründung des Pflegerinnenheims ermöglicht. Es ist im Wesentlichen fertig; drei Schülerinnen, sorgfältig ausgewählt, mit denen sowohl die Direktion, als die Primarärzte ganz zufrieden sind, genießen bereits den Unterricht und der Verein ist jetzt in voller Tätigkeit begriffen, um durch Anwerbung von Mitgliedern und Spendern, die einen erfreulichen Fortgang nimmt, den weiteren Ausbau der Anstalt zu sichern. Umgekehrt ließ sich die Sache eben nicht' machen, die Anstalt mußte erst da sein, ehe man für sie Propaganda machen konnte. Dieser Vorgang ist der richtige und ich bitte, sich nicht durch Stimmen irre machen zu lassen, welche gegen ihre Notwendigkeit sprechen. Sie ist notwendig fürs Krankenhaus selbst, sie ist notwendig für die jüdischen Familien und für eine große Anzahl von wohlerzogenen, aber unbemittelten Mädchen und Frauen, die so eine Stellung fürs Leben gewinnen. Dasselbe gilt von den Kinderhorten, die Sie subventionieren. Und nun, meine Herren, 1u8t not Ieu8t die kulturellen und Uuterrichtsangelegenheitev. Vom Unterrichte will ich nicht sprechen, da für alle drei Kategorien neue Pläne vorbereitet sind, die wir in der zweiten Kommission noch beraten, und es wird sich wohl da die Gelegenheit finden, Wünsche und Beschwerden vorzubringen. Einen wichtigen Fortschritt wird — oder besser gesagt kann — die Einrichtung der Lehrerbildungsanstalt begründen. Im Lehrplan ist, wie ich das eingestehen muß, den Wünschen, die ich bei der Beratung bezüglich der naturwissenschaftlich-mathematischen Fächer desselben vorgebracht habe, ausgiebigst Rechnung getragen worden. Die Anstalt kann aber nur dann vvll wirken, wenn bei der Aufnahme des Schülermaterials rigoros Vorlegungen wird und die Bedingungen, welche an die Vorbildung und die sonstigen Eigenschaften der Petenten zu stellen sind, voll eingehalten werden. Ob das bis sitzt geschehen ist, wage ich nicht zu entscheiden. Eine zweite Einrichtung, über die ich sprechen möchte, sind die von der Kultusgemeinde eiugeführten Vorträge aus der Geschichte der Juden für das große Publikum. Ich habe mir erlaubt, von meinem Rechte Gebrauch zu machen und in einer der letzten' Plenarsitzungen Wünsche betreffs der Abgrenzung der Themen ausznsprechen. Ich habe vor allem gewünscht, daß der Rahmen nicht zu eng gezogen werde und Persönlichkeiten wie Heine und Spinoza mit eingeschlossen werden. Darauf erhielt ich in der Presse eine Anfrage von jemandem, der sich als Religionslehrer bezeichnet und vorgibt, im Namen der Juden zu sprechen und mich um Belehrung augeht, wie das Leben dieser zwei „Apostaten" im Religionsunterricht zu tradieren sei. Nun, meine Herren, es ist nicht meine Aufgabe, einem Religionslehrer und namentlich einem anonymen Belehrungen zu erteilen, dies tue ich nur Medizinern gegenüber, zu öffentlich-theologischen Disputationen gebe ich mich absolut nicht her. Wohl habe ich aber das Recht und die Pflicht, bezüglich jener Einrichtungen, die von der Kultusgemeinde ausgehen, das zu sagen, was ich nach meinerUeberzeugnng für recht halte, und achte dabei jede andere Ueberzeugnng, wenn sie wirklich offen und ehrlich vertreten wird. Und da habe ich mm folgendes zu sagen:' Es handelt sich gar nicht um die Vorträge für die Heranwachsende Jugend, sondern um solche für Erwachsene und Mündige, die nun einmal keine Verpflichtung haben, sich nur daran zu halten, was irgend ein Lehrer sagt, die sogar das Recht besitzen, alles zu lesen, sich über alles zu informieren und von diesem Recht wohl ausgiebigen Gebrauch machen dürften. Vielen von Ihnen werden Heine und Spinoza nicht ganz unbekannte Persönlichkeiten sein, auch ohne diese Vorträge. Seite 669 Gehören aber Heine und Spinoza zur jüdischen Geschichte? Ich glaube, das ist eine Tatsache, die nicht aus der Welt zu schassen ist. In diesem Kreise wird Ihnen wohl bekannt sein, daß Heine die Hagada, dann unsere mittelalterliche Poesie, unsere Geistesheroen, unsere Kämpfer für Gewissensfreiheit und ihre Märtyrer, die Innigkeit unserer Sabbate und Feste; unser gesamtes Volkstum und Familienleben in seinen Schriften so verherrlichte und ihre Kenntnis so weiten Kreisen vermittelte, als es selbst ein Dutzend dazu amtlich Berufener und solcher, die sich dazu auswerfen, kaum zu tun vernröchte, wenn ihm auch hie und da ein Lapsus passierte, wie anderen auch. Und wie tief hat Heine seinen Ur vertritt öffentlich bedauert und mit welchem ätzenden Hohn überschüttete er die der Carriere halber übertretenen Ganse und Jtzigs. Ich wette, die betreffenden Stellen seiner Schriften wiegen sogar eine Exhorte des sogenannten Religiouslehrers auf. Aber Spinoza! Wer teilt heute noch alle sein philosophischen, historisch-politischen, rheolvgoschen und naturwisseuschaftlichen Ansichten? Namentlich seine religionsgeschichtlichen sind längst überholt und werden es umso mehr, je mehr die Wissenschaft ihre voraussetzungslose Kritik nach allen Seiten hin wird richten können und wollen. Er ist uns aber ein teures Bild eines unbeugsamen Denkers, der seine Ueberzeugung, — sie mag manchmal irrig gewesen sein, man niuß sie nicht teilen, — um materieller Vorteile willen, selbst in der größten Not nicht vreisgibt, solange bis er sie durch eine richtigere ersetzen kann. Er ist es, der das freie Denken und freie Forschen Niemand, m zu Liebe, Niemandem zu Leide, für das alle so feurig schwärmen, — viele freilich besonders dann, wenn es auf Kosten der anderen geht — bis in die allerletzten Tage in der europäischen Wissenschaft feftgelegt hat. Seine Theorien wären hurte nichtviel wirksamer, wenn man ihn nicht vor ein Ketzergericht gestellt, wenn man rhu nicht gegen seinen Willen ans der Gemeinde ausgestoßen Hütte. Es war ein Fehler — ein begreiflicher, ein verzeihlicher in der Bedrängnis durch die Inquisition vielleicht, denn die übrigen freien Konfessionen alle trieben es damals noch ärger (siehe De Witt) — aber immerhin ein Fehler und wir. die Erwachsenen wenigstens, wollen nicht nur aus veu Vorzügen unserer Vorfahren lernen, sondern auch ans ihren Fehlern. Beide sind uns gleich teuer, denn b.ide flössen aus reinen Quellen, beide wurden in der besten Absicht geübt. Uebrigens könnte selbst der Religionslchrer einem Kvnvertitenmacher nichts Besseres antworten, als es Spinoza seinem ehemaligen Schüler Bruck gegenüber getan, der ihn für den Katholizismus gewinnen wollte. (Siehe bei Auerbach, Brief 73). ' Spinoza gehört also nicht bloß in die Geschichte der Juden, sondern auch in die des Judentums — aus dem er selbst nicht ausgetreten ist, wie er auch keiner anderen Konfession angehörte. Er hatte, trotzdem er kein Aesthetiker war, doch Geschmack genug, sich in keinem seiner Werke — ungleich manchem seiner Epigonen — den Christen als Christ anfzndrängen. Er lehrt uns, daß jede Verfolgung anders Denkender nur Märtyrer scha fft und eines Tages auf die Verfolger zurückfällt. Das ist eine Lehre, welche wir Inden täglich, ja stündlich in die W'U hinaus tragen müssen. Dann allerdings verlangen, wir auch, daß die Kritiker der jeweilig herrschenden Form des Judentums ebenso frei von persönlicher Ranküne, Niemanden zu Liebe, aber auch Niemanden zu Leide, aus ebenso reinen Motiven und vor keiner wie immer Namen habenden Macht sich beugend, „lortiter in re, snayiter in modo14 ihre Tätigkeit ansüben wie Spinoza. Nur wenn die sachlichen Gegensätze ohne persönliche Spitzen ausgetragen werden, ist ein gedeihliches Znsammeuwüken aller.Richtungen ermöglicht; das ist eben-

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