Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 24 (1907)
- Issue
- 52 (27.12.1907)
- Date
- 1907-12-27
- Page
- – (sequence 8)
- Language
- German
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Seite 868 Dr. Lloeb's MocbenscbriN. Nr. 52 dem Damenkomitee, insbesondere der Präsidentin Frau Jda Diamand für ihr hingebungsvolles Wirken den Dank auszusprechen. Das Kapitel Armen- und Wohltätigkeitswesen ergibt einen Mehrbedarf von K 10.228, — davon entfallen K 6000 für das Krankenpflegeriunen-Jnstitut, welches in Gemeinschaft mit dem Vereine „Eintracht" Bnai Brith aus sozial-politischer Fürsorge für die breiteren Schichten unserer Bevölkerung geschaffen wird, mit dem Plane, unbemittelten Kranken eine Pflegerin unentgeltlich zuzuweisen. Abschnitt Gemeindeverwaltung ergibt ein Mehrerforderuis von L 34.487, eingeschlossen ein Plus bei Gehalten an Personale infolge durchgeführter Gehaltsrcgulierung im Betrage von K 34.000.—, was sich bn der eingetretenen allgemeinen Teuerung als Gebot der Menschlichkeit nicht mehr abweisen ließ. Referent verhehlt sich nicht, daß seine Darstellung nicht geeignet ist, ein erfreuliches Bild der Finanzen zu bieten, trotzdem kann er nicht umhin, auf neue Aufgaben zu verweisen, die unser harren. Die Gemeinde bedarf eines würdigen Heims mit würdigen Amtslokalitäten für den Parteienverkehr, eines Heims, entsprechend dem Range und der Größe der Wiener israelitischen Kultusgemeinde. Und die Wiener jüdische Bevölkerung bedarf dringend eines guten Kinderspitals. Es gibt nicht leicht eine Aufgabe, die dem jüdischen Herzen näher liegt, als die Sorge für arme kranke Kinder. (Lebhafter Beifall.) Nachdem Referent noch die Anregung bietet, um Ersparnisse zu erzielen, die Medikamente für Spital, Siechenhaus und Chewra-Kadischa in eigener Regie zu erzeugen, schließt er mit folgendem Appell: „Unsere Gemeinde umfaßt zirka 170.000 Seelen, also die Bevölkerung einer respektablen großen Stadt. Und dieser fleißigen, schwer erwerbenden Bevölkerung, die ihre wenigen Ersparnisse gerne sicher verwaltet sieht, ist es unsere Pflicht, diese Möglichkeit zu schaffen. Die Kommune Wien hat durch die Errichtung der Kommunalsparkasseu, zu denen sie nichts beigesteuert hat, sondern wo sie für die Einlagen nur die Haftung übernimmt, sich selbst nicht nur eine große Einnahme geschaffen, sondern auch die Möglichkeit, Subventionen zu leisten, wie z. B. an die Kindergärten der Klöster. So sollten auch wir eine jüdische Gemeindesparkaffe begründen, von Juden für Juden, wo jeder Einleger weiß, daß der Nutzen, den sein Sparpfennig schafft, den edelsten jüdischen Zwecken zufließt, jenen Zwecken, von denen er. wenn er Unglück hat, vielleicht selbst einmal Gebrauch machen kann. Und ich glaube, daß dann auch die großen jüdischen Wohlfahrtsvereine, wie die „Jca" und „Allianz", schließlich auch wir selbst die Persolvieruug der Ausgaben durch unser Institut führen könnten. In unserem Hause, von unseren Beamten verwaltet, von uns garantiert, dies allein läßt einen Erfolg fast mit Sicherheit annehmen, und so soll nach Dotierung des Reservefonds die Hälfte eines eventuellen Reingewinnes der Kultusgemeinde für deren Wohlfahrtszwccke zufließen. Dieses Geld soll dazu dienen, unser Kranken- und Versorgungshaus möglichst ausgiebig zu unterstützen und unsere Gemeinde von den so schwer zu tragenden Erhaltungssorgen dieser Institutionen teilweise zu entlasten oder es ihr ermöglichen, beruhigt an die Ausgestaltung derselben schreiten zu können. Die andere Hälfte aber möge zur Erlangung eines Fondes verwendet werden, dazu bestimmt, jüdischen Gewerbetreibenden mit relativ billigem Kredit hilfreich im Kampfe ums Dasein unter die Arme zu greifen. Ungezählte jüdische Existenzen können durch zu richtiger Zeit gewährte Darlehen von dem sicheren Untergänge gerettet werden, und jeder einzelne der Einleger kann dann das Bewußtsein haben, an diesem Doppelwerk der Wohltätigkeit mitgewirkt zu haben, Mitarbeiter zu sein an dem Segeuswerke, das von diesem Hause seinen Ausgang genommen. Und mit diesem Ausblicke auf eine frohe Zukunft, meine sehr verehrten Herren, lassen Sie mich schließen." Das Referat wird mit lebhaftem Beifalle ausgenommen. Der Präsident spricht dem Redner den Dank der Versammlung aus. In der Generaldebatte erbittet sich das Wort Kultusvorsteher Professor Dr. E h r m a n n: Meine geehrten Herren! Seit Jahren begnügte ich mich in der Budgetdebatte damit, meine Wünsche bei der Vorbereitung des Budgets in den einzelnen Kommissionen, namentlich der Uuterrichtskommission, der Spitals- und Versorgungshauskommission, sowie Bibliothekskommission, bekannt zu geben. Deshalb glaube ich im heurigen Jahre Ihre Geduld für die Generaldebatte beanspruchen zu dürfen und bitte den Herrn Präsidenten, mich nicht zu unterbrechen, wenn ich scheinbar vom Gegenstand abschweifen sollte. Die Generaldebatte soll den Vorstandsmitgliedern dazu dienen, ihre Anschauungen und Wünsche über die Gemeindepolitik überhaupt, besonders über die Verteilung des Voranschlages auf die einzelnen der Gemeinde obliegenden Aufgaben und die Kritik, wie diesen Aufgaben gerecht worden ist, sowie endlich ihre Meinung auszusprecheu, in welcher Richtung diese sich bewegen sollen. Es sind im großen Ganzen drei Hauptgruppen von Aufgaben, auf die sich das Budget verteilt. In den alten Gemeinden wurden sie bezeichnet als Thora, Avada und Oswilutü edassuäim. In unseren Statuten hat sich nur die Reihenfolge etwas geändert, es ist Kultus, Religionsunterricht und Wohltätigkeit, richtiger sollte es an dritter Stelle heißen: Wohlfahrtseinrichtungen und soziale Fürsorge, also Zedakah statt Oemilutd chassudim. Die Fragen des Kultus zu besprechen, möchte ich Berufeneren überlassen. Ich kann nur meiner Freude hier Ausdruck geben, daß es endlich gelungen ist, eine, da unsere Statuten uns dazu verpflichten, dem Ritus und der Hygiene gleich genügende Mikwah in die Wege zu leiten. Wenn ich einen Wunsch aussprechen sollte, der mir von vielen Seiten geäußert wurde, so wäre es der, daß die Stunden des Gottesdienstes so geregelt werden, daß es auch jenen möglich wäre, ihr religiöses Bedürfnis oder Vas ihrer Pietät zu befriedigen, welche während der Stunden der beruflichen Tätigkeit absolut nicht abkommen können. In der Frage der sozialen Fürsorge leistet unsere Gemeinde ganz Hervorragendes, wenn es auch Meinungen gibt, die sagen, daß sie zu viel des Guten tue, und wiederum andere, denen noch alles nicht genügend ist. Gewiß ließe sich manches noch besser machen, namentlich in der Armenpflege, die ja die Kultusgemeinde nicht kraft der staatlichen, sondern kraft der religiösen Vorschriften übt, ließe sich durch zweckmäßige Organisation noch viel Ersprießlicheres leisten. Der Anlauf dazu ist genommen, es handelt sich darum, daß man nicht, wie es in unserer Gemeinde leider oft vorgekommen ist, bei dem bloßen Anlauf bleibe, sondern daß auch gesprungen werde. Das Krankenhaus der Kultusgemeinde, die Rothschild- Stiftung nimmt wohl einen beträchtlichen Teil unseres Budgets in Anspruch, wir können aber mit Stolz sagen, daß es zu den besteingerichteten Krankenhäusern Wiens gehört, wenn es nicht das beste ist. Es kommt fast weniger den Gemeindeangehörigen zu statten, als Kranken aus fremden Gemeinden, doch glaube ich nicht, daß dies bei der großen Mehrzahl unserer Gemeindegenossen irgendwie Anstoß erregen wird. Aber die Kosten werden immer steigen und die Eröffnung neuer Einnahmsquellen tut not. Einer großen Misere, mit der das Krankenhaus sowie die Krankenpflege besonders bei minder bemittelten Juden überhaupt zu kämpfen hat, nämlich dem Mangel an jüdischen Pflegerinnen soll auch mit der Gründung der Mischen Pflegerinnenanstalt abgeholfen werden,