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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1907-12-27 · 52 (27.12.1907) · page 4

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
24 (1907)
Issue
52 (27.12.1907)
Date
1907-12-27
Page
– (sequence 4)
Language
German
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Seite 864 zvr. Wiocv s MociöerrscvrtrL. Nr. 62 der gesetzgeb.«den Körperschaft, an wissenschaftlichen' und Kunst- Instituten, an staatlichen und kommunalen, freilich meist nicht leitenden Verwaltungsstellen — überall finden sich Juden in verhältnismäßig erheblicher Anzahl. Nur die Komitatsverwaltung hat sich ziemlich judenrein zu erhalten gewußt. Diese Stellung unserer Glaubensgenossen in den Werkstätten des Staats- und Volkslebens ist aber zugleich ein Ruhmeszeugnis für ihr unablässiges und erfolgreiches Kulturstreben, ein eben solches Zeugnis, wie ihr hervorragender Anteil an der freien Betätigung und Entwicklung von Kunst und Wissenschaft. Handel und Gewerbe, Volks- und selbst Landwirtschaft. Dieser Anteil müßte aber noch viel bedeutender sein, wenn eben nicht mit Verleugnung des Gleichstellungs-Prinz'Ps ihr Streben nach Betätigung im öffentlichen Leben vielfach gehemmt und erdrückt würde, nach der Ansicht der Herren Klerikal- Antisemiten zu Nutz und Frommen, unserem bescheidenen Dafürhalten nach aber zu großem Schaden von Volk und Land. Jndeß wäre daran etwa durch unkluges, antinationales Verhalten am wenigsten zu ändern, vielmehr ist eine Besserung solcher Zustände wie überall, so auch bei uns nur von unabläffigcr Kulturarbeit an uns selbst, wie von Seiten der Allgemeinheit zu erhoffen. Die sehr erfreuliche allgemeine Kulturentwicklung inmitten unserer Stammesgenossenschaft hat, wie nicht anders zu erwarten, auch mannigfache schlimme Folgen zur Erscheinung gebracht. Dahin gehört vor allem andern die charakter- und gedankenlose Fahnenflucht vieler jüngerer und meist sogenannter gebildeter Leute. Jndeß ist dies jedenfalls keine Eigentümlichkeit ungarischer Juden, vielmehr hier wie überall eine Erscheinung, hauptsächlich erzeugt durch den Druck von Oben, durch Nichtbeachtung des Gleichberechtigungs-Gesetzes und -Prinzips. Was aber dankbar anerkannt werden muß, ist die trotz alledem unleugbare Vertiefung jüdischen Lebens in Gemeinde und Schule, welche in weiten Kreisen unseres ungarischen Judentums platzgegriffen hat und sich nicht bloß in einer Reihe heilsamer Schöpfungen auf allgemein jüdischem Gebiete, sondern auch selbst im religiösen und ethischen Verhalten des Einzelnen vielfach zeigt und erprobt. Allerdings ist dies nicht ein Judentum nach dem Geschmacke unserer Trotz-Orthodoxen — und s i e, die zumeist an den Peripherien des Landes verstreut still und verträumt dahin leben, sind nebst ihren in der Hauptstadt agierenden Führern ausdrücklich dem Rahmen des eben flüchtig entworfenen Bildes enthoben. Aber auch wir, die wir ein Judentum voll kräftig pulsierenden Lebens auf allen Gebieten erwünschen, die wir ein Judentum der Verinnerlichung und der Erleuchtung, ein Judentum der Vergeistigung und Beseelung, ein Judentum des Fortschritts und der Erkenntnis, der Lebenswahrheit und Lebenserhöhung ersehnen und für notwendig erachten — auch wir vermiffen an dem Bilde manch kräftigen Pinselstrich und mannigfache farbensatte Töne, deren Fehlen es uns als einen Torso erscheinen läßt. Aber sie fehlen darin, eben weil sie nicht vorhanden sind. An uns ist es nun, mit dem weiteren Ausbau unserer politischen und bürgerlichen Gleichberechtigung die innere und verinnerlichte Ausgestaltung unseres Judentums in rüstigem Kampfe mit den Mächten der Unduldsamkeit im Verein mit allen Edelgesinnten uns zu erringen und zu erzwingen. Kolozsvar (Klausenburg), 20. Dezember 1907. Rabbiner Dr. M. Eisler. vom Zabrmarlrt des Lebens. Die Ernennung eines jüdischen Oberlandesgerichtsrates. Der Landesgerichtsrat Salamon Sachs wurde zum Oberlandesgerichtsrate ernannt. Oberlandesgerichtsrat Sachs, der seine richterliche Karriere im Bezirksgerichte Jofefstadt begann, genießt den Ruf eines hervorragenden Juristen, der sowohl unter seinen Kollegen und Vorgesetzten, wie auch in Advokatenkreiseu sich der größten Sympathien erfreut. Oberlandesgerichtsrat Salamon Sachs ist der dritte jüdische Oberlandesgerichtsrat in Wien. Außer ihm gibt es nur noch zwei Oberlandesgerichtsräte: Kahn und Löwner. „Antisemitische Süßigkeiten." In der letzten Nummer unseres Blattes haben wir einen Brief publiziert, durch welchen die bekannte Schokoladenfabrik Brüder Stollwerck in Köln a. Rh. einem jüdischen Bewerber die Nachricht zukommen ließ, „daß sie jüdische Reisende prinzipiell nicht anstelle." Nun haben sich in unserer Redaktion eine Anzahl jüdischer Reisender eingefunden, welche seit länger als ein Jahrzehnt im Dienste der Filiale dieser Firma in Wien stehen. Diese erklären auf das Bestimmteste, daß die Leiter der Firma und ihre Chefs gegen die jüdischen Angestellten stets gerecht und human vorzugehen pflegen. Der zitierte Brief aus Köln a. Rh. mag von einem Angestellten der Firma geschrieben sein ohne Kenntnis d.'r Chefs und beruht zweifellos auf einem Mißverständnis. Die jüdischen Angestellten dieser Firma erachten es als eine Schädigung ihrer Stellung, wenn die Firma oder deren Chefs in den Verruf des Antisemitismus gebracht würden. Wir erfüllen somit ein Gebot der Gerechtigkeit, diesen Sachverhalt, wie er uns glaubwürdig dargestellt worden, zur öffentlichen Kenntnis zu bringen. _ König Oskar von Schweden Um den Heimgang des Königs Oskar li von Schweden trauern auch die Juden in Schweden. Er hat ihnen während seiner ganzen Regierungszeit herzliches Wohlwollen und warme Teilnahme entgegengebracht. Sie waren noch bis in die Sechziger- Jahre des vorigen Jahrhunderts mannigfachen Beschränkungen unterworfen. Erst seit dem Regierungsantritt König Oskars fielen auch diese Schranken in dem Staate» der früher die äußerste Unduldsamkeit gegen die Juden gezeigt hatte. Die Gleichstellung, die König Oskar ihnen gewährte, war eine vollständige; sie blieb auch nicht bloß auf dem Papier. Ein besonderes warmes Interesse brachte der königliche Poet der Geschichte und Literatur der Juden entgegen; namentlich die biblische Dichtung und Religionsphilosophie erregten sein lebhaftes Interesse. Ueber diese und verwandte Themata ließ er sich von dem gelehrten Rabbiner Professor Dr. Klein in Stockholm besondere Vorträge halten. Zu seinem Biographen, zugleich auch zum Uebersetzer seiner Gedichte und Prosaschriften, hatte er selbst den greisen Kammerrat Emil Jonas in Berlin ausgewählt, der diese schwierige Ausgabe zur vollen Zufriedenheit des Monarchen und mit großem Geschick ausführte. Auch andere jüdische Gelehrte, Dichter und Künstler erfreuten sich der Huld des Königs. Zur Lage der Juden in Tunis. Die eigentümliche Lage, in welcher sich die Juden von Tunis befinden, hat dieser Tage eine recht bezeichnende Illustration erfahren. Eiu tunesischer Jude, der in Frankreich um die Zulassung zur Advokatur angesucht hatte, wurde mit diesem Gesuche in allen Instanzen abgewiesen. Es gehört mit zur Anomalie des französischen Regimes in Tunis, daß das ältere Verhältnis der Juden aufgehoben würde, ohne daß ihnen das französische Bürgerrecht zugebilligt worden wäre. Ein tunesischer Jude kann in Frankreich selbst dann nicht naturalisiert werden, wenn er jahrelang in Frankreich lebt und dort seine Universitätsstudien absolviert. In dem vorliegenden Falle wurde dem tunesischen Untertan und absolvierten Juristen Moise Attal von den kompetenten Behörden das Recht verweigert, die Advokatur auszuüben. Während nun Attal den Standpunkt vertrat, daß die Untertanen des unter dem Protektorate Frankreichs stehenden Bey als Franzosen anzusehen seien, erklärten die Behörden, daß die Tunesier als Ausländer zu betrachten seien und in Frankreich jedoch nur französische Staatsangehörige dieAdvokatur ausüben dürften.

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