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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1907-12-27 · 52 (27.12.1907) · page 3

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
24 (1907)
Issue
52 (27.12.1907)
Date
1907-12-27
Page
– (sequence 3)
Language
German
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Nr. 52 Dr. Klocv s MocvenscbrM. Seite 863 über die sie aussagen. Die Zeugin Friederike Broz muß sich in der Piseker Verhandlung von dem Vorsitzenden sagen lassen: „Das ist eine sehr zweifelhafte Aussage. Ihre frühere Aussage war ganz verschieden von der heutigen." Der Philomena Broz muß der Präsident Vorhalten : „Sie haben früher etwas weniger angegeben wie heute." Die Zeugin Marie Chmel (Pisek) ist so liebenswürdig, dem Verteidiger auf eine Frage zu antworten: „Ich habe mir diesem Herrn nichts zu reden." Die Zeugin Franziska Cermak darf allen Ernstes erzählen, sie habe gehört, daß, seitdem die Hruza ermordet wurde, aus dem Wasser Blut fließe und daß sich die Juden mit dem Wasser die Hände waschen. Die Marie Hruza, die zweimal in der Voruntersuchung, sodann bei den Verhandlungen in Kuttenberg und Pisek einvernommen wurde, ist ein wahres Phänomen, von einer Einvernahme zur anderen weiß sie immer mehr. Als sie bei der Piseker Verhandlung gefragt wird, warum sie einen bestimmten Umstand nicht schon früher erzählt habe, antwortet sie naiv : „In Kuttenberg war mir so schlecht." Marie Huber ist eine Prophetin. Sie will Hilsner mit zwei Leuten gesehen haben. „Es sah so aus. als ob ein Schächter zum Schächten geht. Ich dachte mir auch, da hier keine Schlachtbank ist, sie gingen jemanden totschlagen." Dem Angeklagten wünscht diese ehrenwerte Zeugin, es solle ihn der Donner treffen. Der Zeuge Anton Lang muß krasse Widersprüche in seiner Aussage zugeben. Der Kronzeuge der Anklage Peter Pesak hat eine besondere Gewohnheit. „Ich pflegte immer zum Brezinawalde zu schauen, weil ich dort vor Jahren billiges Holz gekauft und ein hübsches Geld verdient habe." Der Mann hat überhaupt merkwürdige Erlebnisse. Er berichtet:. „Und tatsächlich weicht mir seit der Zeit (damit ist seine erste Aussage gemeint) jeder Israelit aus und sieht mich traurig an." Auf die Frage des Verteidigers, für welche Juden Zeuge Arbeiten verrichte, antwortet Pesak: „Gehen Sie hin, sie werden es Ihnen sagen." Auf den Vorhalt des Präsidenten, woran er (Zeuge) erkannt habe, daß die Leute, die er gesehen habe, Juden seien, erwidert Pesak: „Da habe ich mich versprochen. Leute, nicht Juden." Der Zeuge wußte auch seit jeher, daß die Judenrache fürchterlich ist. Karl Prohaska will gehört haben, daß man bei Hilsner Kleider verbrannt habe, hat aber von diesem Gerüchte ausfallend spät Mitteilung gemacht. Der Zeugin Josefa Strnad wird vom Verteidiger eine direkte Unwahrheit in ihrer Aussage nachgewiesen. Der Aktenauszug bringt weiter die bei der Piseker Verhandlung gehaltenen Schlußreden. Dr. Baxa gab wieder eine Hetzrede ärgster Sorte zum Besten. Er spricht von einem Komplott gegen alle diejenigen, die sich erlauben, Hilsner für den Mörder zu halten, von einer sozialen Erscheinung. „Eine ganze Reihe junger christlicher Mädchen verschwindet, und wenn sie gefunden werden, so zeigt es sich, daß sie alle auf dieselbe Art vom Leben zum Tode gebracht wurden, und jede den charakteristischen Schnitt am Halse aufwies, daß bei jeder und jeder der Verdacht der Täterschaft auf Juden fällt." Das Fakultätsgutachten nennt er ein phantastisches Gebilde. „Es gibt Menschen, die das Blut unserer Christenmädchen brauchen." Zum Schluffe ein Dank an den Herrn Vorsitzenden, „daß er mich von der Sachereden ließ, die sich eigentlich nur als ein Glied in der Kette der großen sozialen Erscheinung darstellt". Der Vertreter der Familie Klima Dr. Pevny sekundiert seinem Kollegen in würdiger Weise. Das Plaidoyer des Verteidigers Dr. Aurednicek zeichnet sich durch strenge Sachlichkeit aus. In seiner Replik anerkennt der Staatsanwalt gerne die Unterstützung, die ihm durch die Vertreter der Privatbeteiligten zuteil wurde (diese Vertreter hätten eine andere Abfertigung seitens des Vertreters der Staatsbehörde verdient!) und fügt nur hinzu, daß er bezüglich des Motives des Mordes mit ihnen nicht übereinstimme. Dr. Baxa spricht wieder von dem charakteristischen Schnitt am Halse, was diesmal eine Unterbrechung durch den Vorsitzenden zur Folge hat. Dr. Pevvy verbreitet sich ausführlich über den Ritualmord, so daß ihm mit der Wortentziehung gedroht werden muß. Hierauf spricht der zweite Verteidiger Dr. Vodieka. Die Publikation schließt mit dem Abdrucke des oberstgerichtlichen Erkenntnisses vom 23. April 1901, womit die gegen das Piseker Urteil eingebrachte Nichtigkeitsbeschwerde zurückgewiesen wurde. Wenn die hier erörterte Schrift jedermann die Möglichkeit bieten will, sich eine Meinung über das Beweismaterial und das Verfahren zu bilden, so glaube ich, daß jeder Unbefangene sich diese Meinung längst gebildet hat. Am 24. September 1899 schrieben die „Juristischen Blätter": „Hilsner wurde ohne Beweise angeklagt und ohne Beweise verurteilt, und das ist für den Juristen ein Justizmord. Die Gründe der Anklageschrift dürfen nicht schwächer sein, als die eines richterlichen Anklagebeschlusses, wenn nicht an die Stelle der Rechtspflege, dort, wo Volksrichter ohne Angabe von Gründen urteilen, ein Würfelspiel treten soll. Auch beim Würfeln kann das Richtige herauskommen. aber nur die blutige Satire Rabelais' hat das Würfeln um den Spruch als den verläßlichsten Weg zur Gerechtigkeit bezeichnet." Seitdem sind hervorragende Rechtsgelehrte des Jn- und Auslandes für die Unschuld Hilsners eingetreten. Mögen endlich in dieser traurigen Affaire (traurig für die Juden, vielleicht aber noch trauriger für die österreichische Justiz) Wahrheit und Gerechtigkeit siegen! Brünn, 10. Dezember 1907. Dr. Richard F i a l l a. Vierzig Jahre Emanzipation. Ein für das ungarische Judentum hochwichtiges Ereignis jährt sich in den nächsten Tagen: Am 27. Dezember werden vier Jahrzehnte vergangen sein seit dem Tage, an welchem der ungarische Gesetzartikel 17 vom Jahre 1867 die allerhöchste Genehmigung erhielt. Ein denkwürdiges Gesetz, denn es handelt von der bürgerlichen und politischen Gleichstellung der Israeliten unseres Landes. Wohl klingt es heute mehr denn je seit jenen blütenreichen Tagen hoffnungsvoller Freude fast wie ein Hohn, von Gleichstellung der Juden zu reden, wenigstens im idealen Sinne des Wortes. Denn obwohl dem Buchstaben und dem Geiste nach eigentlich nie in vollem Umfange verwirklicht, war dennoch das Prinzip selbst kaum je derart in Frage gestellt, wie in unseren Tagen der Mitregierung der klerikalen Volkspartei. Darum ist es ein hoher Trost, rückschauend auf die vierzig Jahre Emanzipation die Pfade zu schauen, die die Entwicklung des Judentums in diesem früher liberal regierten Lande seit jenem folgenschweren Ereignis trotz vieler Schwierigkeiten und Hemmnisse dennoch durchmeffen hat. Der Trost aber aus der Rückschau in die Vergangenheit soll uns zur Aufmunterung dienen im unablässigen Streben zu den Zielen der Zukunft. Was uns bei einem auch nur flüchtigen Vergleich zwischen damals und Jetzt zunächst ins Auge fällt, ist der hohe kulturelle Fortschritt, dessen sich das ungarische Judentum in den letzten vier Dezennien zu erfreuen hat. Dieser Fortschritt hängt enge zusammen mit dem ausrichtigen und wahrhaft hingebungsvollen Anschluß der Juden an die ungarische Sprache und Kultur, deren hohe Entwicklung seit einem halben Jahrhundert freilich wieder nur als Ausfluß des allgemeinen Kulturfortschrittes in Verbindung mit dem nationalen und polnischen Aufschwung des ungarischen Staates seit der Wiederherstellung seiner Verfassung in eben dem Jahre 1867 anzusehen ist. Vielleicht ist sogar die im Auslande oft verurteilte Hingabe unserer Stammesgenossen für das Ungartum gerade aus diesem Zusammenfallen der Emanzipation mit dem Wiederaufleben der Verfaffung zu erklären. Sie ist aber auch wohl berechtigt, denn es wäre undankbar, die Segnungen leugnen zu wollen, die aus diesem Sich-Verweben mit dem nationalen Leben der Ungarn dem Judentum und seinen Bekennern in diesem Lande in reichem Maße erwachsen find. Es sei nur auf die immerhin hervorragenden Stellungen hingewiesen, die Juden auf den verschiedensten Gebieten nationaler Lebensbetätigung, in unserer Heimat stets eingenommen haben. In beiden Häusern

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