Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 24 (1907)
- Issue
- 51 (20.12.1907)
- Date
- 1907-12-20
- Page
- – (sequence 14)
- Language
- German
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Dr. Dlocd s MocdenscbrM. Nr. 51 Sette 854 der aufeinander geratenen Parteiintereffen die zarte Stimme des Gewissens und des Rechtes echolos zu verhallen pflegt; auch dort finden sich nunmehr Männer, welche entschlossen sind und fich bereitfinden, auf Mittel und Wege zu sinnen, um dem schuldlos seit so vielen Jahren im Kerker schmachtenden Hilsner zu seinem Rechte und seiner Freiheit zu verhelfen. Der Reichsratsabgeordnete Breiter hat bei allen fortschrütlichen Abgeordneten ohne Unterschied der Nation eine Aktion zugunsten des zu lebenslänglichem Kerker verurteilten Leopold Hilsner angeregt. Beretts in den allernächsten Tagen soll die Zusammenkunft der bezeichneten Abgeordneten stattfindeu. Alle diejenigen Männer und Frauen ohne Unterschied des Standes, Nationalität und Konfession, welche gewillt sind^ der Sache des Rechtes und der Gerechtigkeit mit ihrem Namen und ihrer Unterschrift zu dienen, wollen an den Hof- und Gerichtsadvokaten Dr. Friedrich Elbogen, Wien I., Graben 29, brieflich die Ermächtigung erteilen, ihren Namen dem Majestätsgesuch beizufügen. Maßregelung unparteiischer Richter. Aus Lemberg wird uns telegraphiert: Vor einem Disziplinarsenat des Lemberger Oberlandesgerichtes wird am 21. d. M. eine Verhandlung stattfinden, die ein bezeichnendes Nachspiel zu der Wahl des Vize-Präsidenten Starzynski bildet. Während der Wahlen hatte nämlich der Advokaturskandidat Dr. Ebersohn in Sokal gegen den Bezirkshauptmann Szwedzicki und mehrere Bezirkskommissäre die Anzeige wegen Wahlschwindels erstattet und die Richter Dr. Knopf, Dr. Krzyzanowski und Dr. Pellech hatten auf Grund von Vorerhebungen die Unter-- suchung gegen den Bezirkshauptmann, die Bezirkskommissäre und mehrere andere Personen eingeleitet. Die Untersuchung wurde daun im Aufträge des Landesgerichtes eingestellt und die Displiaaruntersuchung gegen die drei genannten Richter eingeleitet. ES" Wird chnen vorgeworfen, daß sie durch die Einleitung der Untersuchung gegen den Bezirkshauptmann „Mangel an Objektivität" bewiesen, sowie dadurch, daß sie den Antrag auf Delegierung eines nichtgalizischen Oberlandesgerichtes als Disziplinargericht stellten, ihre Vorgesetzte Behörde beleidigt hätten. Der Delegierungsantrag wurde verworfen und am 21. d. M. wird die Verhandlung in Lemberg stattfinden. Budapest. (Fe st Versammlung des Israelitischen Handwerks- und Ackerbauvereines.) Die diesjährige Chanuckafeier des ungarischen Israelitischen Handwerks- und Ackerbauvereines, welche am 8. 8. M. im Festsaale der Pester israelitischen Kultusgemeinde abgehalten wurde, nahm einen besonders solennen Verlauf. Außer dem Präsidium waren der Vereinsausschuß und das Damenkomits mit den Präsidentinnen Frau Jwkob Fürst de Maroth und Frau Jakob Schwarz, sowie zahlreiche Festgäste erschienen. Den ersten Punkt der Feier bildete die Verabschiedung der jüngst freigesprochenen 36 Handwerkszöglinge, an die der Präsident Hofrat Dr. Armin N e um a n rk herzliche Abschiedsworte richtete. Im Namen der freigesprochenen Handwerkszöglinge dankte der Maschinenschlosser Josef Polacsek, worauf an die Freigesprochenen Prämien (Taschenuhren, Werkzeuge und Sparkasfebücher) verteilt wurden. Sodann erfolgte die feierliche Aufnahme der Stipendistenzöglinge (33 Schüler der höheren Gewerbefachschulen), an die Rabbiner Dr. Julius Fischer eine Ansprache richtete. Hierauf wurden die aus den Meisterstistungen weil. Markus und Babette Pollak und weil. Emilie Singer prämiierten angehenden Meister vorgestellt. Nunmehr erschien vor der Präsidentenestrade eine aus 50 Meistern bestehende Deputation, als deren Sprecher der Baumeister Edmund M i k l o s den Verein begrüßte, worauf der Maurermeister Benjamin Reti eine Stistungsurkunde vorlas, laut welcher die ehemaligen Vereinszöglinge aus Anlaß des 60jährigen Vereinsbestandes eine Erinnerungsmedaille stiften. Die ersten in Silber geprägten Exemplare dieser Erinnerungsmedaille überreichte die Deputation dem Vereinspräsidenten Dr. Armin N e u m a n n, der Präfidentin Frau Jakob Fürst de Maroth, dem Vereinsökonomen Moritz Lemberger und dem Vereinssekretär David Kemeny. Berlin. Der Bau einer neuen Synagoge in Berlin- Charlottenburg ist von der jüdischen Gemeinde beschlossen worden. Aus angestellten Erhebungen ging hervor, daß der äußerste Westen (Neu-Charlottenburg) mit Rücksicht auf die Zahl der dort wohnenden Gemeindemitglieder vor allem in Frage käme. Zum Zwecke des Synagogenbaues ist das Grundstück Fasanenstraße 78/79 für den Preis von rund 600.000 Mk. erworben worden. Ein Preisausschreiben ist geplant, und man hofft, daß das neue Gotteshaus schon in einigen Jahren seiner Bestimmung übergeben werden wird. Die Errichtung weiterer Synagogen soll alsdann, dem Bedürfnis entsprechend, in Angriff genommen werden. Augenblicklich besitzt die Gemeinde 6 Synagogen. Verfolgung der jüdischen Bolksuniversität in Warschau. Die jüdische Volksuniversitöt in Warschau, die für den kulturellen Fortschritt der jüdischen Volksmaffen sehr viel getan hat, tocr in letzter Zeit der konsequenten Verfolgung seitens der Administration ausgesetzt, so daß sie schließlich geschlossen werden mußte. Zuerst forderte die Polizeibehörde, daß als Lektoren in der Volksuniverfität nur solche Personen zugelassen werden sollen, die in Rußland und nicht im Auslande eine Hochschulbildung genossen haben. Infolge dieser Verordnung mußten die bekannten Schriftsteller I. L. Perez, David Frischmann und S. P. Rabinowitsch, die eine große Zuhörerschaft herangezogen hatten, ihre Vorlesungen einstellen. Später kam die Polizeiverordnung, daß jede einzelne Vorlesung jedesmal separat bei der Polizei angemeldet werden müsse. Auch das wurde ertragen. Nun kam der letzte Schlag. Die Polizei verbot die Abhaltung dieser volkstümlichen Universitätskurse in öffentlichen oder privaten Schullokalen. Da die Volksuniverfität jedoch nicht über die Mittel verfügt, um ein eigenes Haus ausschließlich für ihre Zwecke mieten zu können, so war sie gezwungen, die Kurse einzustellen. Die Rolle des General Kaulbars. Dieser selbe General wurde der absolute Herr von Odessa, als der Kriegszustand proklamiert wurde. Der Nachfolger Neidharts, General Grigorieff, wurde dem von Kaulbars ernannten Generalgouverneur Glagoleff subordiniert. General Grigorieff hat vom Momente seiner Ernennung untrügliche Beweise dafür geliefert, daß er den ehrlichen Wunsch habe, in der durch die Ausschreitungen in lebhafte Unruhe versetzte Stadt die Ruhe wiederherzustellen und das Leben und Vermögen der Bewohner ohne Rücksicht auf ihre Religion oder Nationalität zu beschützen. Seine Bemühungen blieben jedoch erfolglos. Im Februar 1906 wurde unter Mithilfe des General Kaulbars in Odessa ein Zweigverein des „Russischen Volksverbandes" (alias „Schwarze Hundertschaft") ins Leben gerufen. General Kaulbars war es auch, der die Gründung des reaktionären Blattes „Rußkaja Rjetsch" (Russische Sprache) möglich machte. Er selbst beteiligte sich an der Sammlung von Abonnenten und sicherte dem Blatte die gutbezahlten offiziellen Inserate. Kurze Zeit hierauf wurde ein zweites Organ der „Schwarzen Hundert" mit dem Titel „Für Zar und Vaterland" geschaffen, das hauptsächlich für die niederen Volksmaffen berechnet ist und mit Genehmigung des Kommandanten Kaulbars unter den Soldaten gratis verteilt wurde. Diese zwei Blätter eröffneten nun einen antisemitischen Feldzug in der zügellosesten Form; sie nahmen auch keinen Anstand, die Massen offen und klar zum Morden aufzuhetzen. Jeder gegen die Polizei gerichtete terroristische Akt ward von diesen beiden Blättern zum Vorwände benutzt, die friedfertigen jüdischen Bürger anzugreifen, indem sie Vorgaben, daß sie die Christen schützen müßten vor „den blutgierigen Juden", die, wie sie ihren Lesern versicherten, „die Absicht haben, alle Christen auszurotten".