Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 24 (1907)
- Issue
- 51 (20.12.1907)
- Date
- 1907-12-20
- Page
- – (sequence 15)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr . 51 Dr. Biocb’s Mocdenscdrttt. Seite 866 Gleich nach seiner Gründung etablierte sich der Volksverband in einem äußerst günstig gelegenen Kaffeehause, das bald die Brutstätte des antisemitischen Geistes und der Rendezvousort aller „Schwarzen Hundertschafter" wurde. In diesem Kaffeelokale wurden die Hilfstruppen des Volksverbandes geworben und eingereiht und mit Knütteln, Messern und Revolvern versehen. So ausgestattet, verteilte sich die Horde bei Einbruch der Dämmerung in den von Juden bewohnten Straßen und ermordete jeden Studenten oder Juden, der ihr in den Weg kam. Besonders die Universität war die Zielscheibe der Angriffe der Hooligans. Zu verschiedenen Malen wurde sie direkt gestürmt und die Studierenden, die gegen Abend die Universität verließen, wurden überfallen und erschlagen oder schwer verletzt. Alle Klagen der Bevölkerung waren vergeblich. Der Stadthauptmann von Odessa war trotz seiner über alle Zweifel erhabenen guten Absichten machtlos, da die „Schwarzen Hundert" unter dem offenkundigen Protektorate des Truppenkommandanten, General Kaulbars standen. Wie wir später sehen werden, verfolgte die reaktionäre Presse den „judenfreundlichen" Stadthauptmann, während dessen Vorgesetzter, Generalgouverneur Glagolieff jeden, der die Mitglieder des Verbandes mit Worten beleidigte, mit drei Monaten Gefängnis bestrafte, mit der Begründung, daß die Agents provocateurs des Verbandes „unter Spezialschutz stehende Beamte" seien. Offizielle türkische Studienkommission für Syrien und Mesopotamien. Das türkische Amtsblatt veröffentlichte vor einigen Tagen ein Jradö des Sultans, durch welches die Entsendung einer Studienkommission nach Syrien und Mesopotamien angeordnet wird. Zum Führer und Präsidenten der Kommission wurde der Gouverneur von Castamoni, Nazim Pascha, ernannt. Die Aufgabe der Kommission ist nach dem erwähnten Erlasse des Sultans das Studium der ökonomischen Verhältnisse Syriens und Mesopotamiens und die Feststellung der Maßnahmen, durch welche den genannten Gebieten die alte Fruchtbarkeit, mit einem Worte, das alte, einst so berühmt gewesene wirtschaftliche Leben wiedergegeben werden könnte. Die Studienkommission hat ihre Reise bereits angetreten. Die türkische Presse hat von diesem Entschlüsse des Sultans mit großer Genugtuung Notiz genommen und stimmt in dem Urteil überein, daß wenn auch zur Durchführung dieses Projektes große Opfer erforderlich sein werden, die Erfolge aber zweifellos so glänzend zu sein versprechen, daß auch noch so große Investitionen im Verlaufe weniger Jahre hereingebracht sein werden. Und je größere Opfer gebracht würden, desto rascher und reichlicher würde sich auch der Gewinn einstellen. Das „Journal de Salonique“, dem wir übrigens diese auch für die Juden wichtige Nachricht entnehmen, fügte an dieselbe folgende Bemerkung: Es ist jetzt nicht das erste Mal, daß die Aufmerksamkeit der hohen Regierungskreise auf diese Gebiete gelenkt wird. Vor ungefähr zwölf Jahren haben englische Ingenieure Mesopotamien bereist und die dortigen Verhältnisse eingehend studiert. Diese Ingenieure, Hydrographen von Ruf, arbeiteten einen genauen und vollständig verläßlichen Plan über das bereiste Gebiet, das ungefähr so groß ist wie Frankreich, aus. Ich hatte Gelegenheit, in das Elaborat Einblick zu nehmen, schreibt der Berichterstatter des „Journal de Salonique“. Es ist ein großes und in jeder Beziehung vollkommenes Werk. Obgleich im Verlaufe der vielen Jahre die genauen Details meinem Gedächtnisse entschwunden find, so erinnere ich mich .doch ganz genau, daß die englischen Fachleute in ihrem Berichte die Berieselung des großen, zwischen dem Euphrat und dem Tigris sich erstreckenden Talgebietes ins Auge gefaßt hatten. Die Kosten der Ausführung des Gesamtprojektes wurde damals von den Engländern mit Ql/2 Millionen Pfund Sterling veranschlagt. Es ist jedoch selbstredend, daß zur Durchführung der Amelioriationsarbeiten nicht die ganze immense Summe disponibel sein muß. Erforderlich find zwei Millionen Pfund Sterling, da ja mit dem Fortschreiten der Arbeiten, die eine rationelle Besiedlung des fruchtbar gemachten Landes zur Folge haben müßten, das anfangs investierte Kapital sich immer bester und beffer verzinsen würde, so daß es nach fachmännischer Beurteilung im Verlaufe von 15 Jahren den Wert von 6 V2 Millionen Pfund Sterling erreichen würde. Sind einmal auf diesem Gebiete die modernen ökonomischen Zustände hergestellt, so können dort mit Leichtigkeit ohne eine Ueberfüllung herbeizusühren, Millionen von Menschen angefiedelt werden, die ein gutes, bequemes Leben finden würden. Die beiden englischen Ingenieure entwarfen ein förmlich entzückendes Bild von diesem mit herrlichem, gesundem Klima und mit einem an Fruchtbarkeit unübertrefflichen Boden gesegneten Lande für den Fall, daß die Bewäfferungsanlagen ausgeführt würden. Bei dieser Gelegenheit wollen wir daran erinnern, daß auch von jüdischer Seite wiederholt auf Mesopotamien als ein vortreffliches jüdisches Anfiedlungsgebiet — vorausgesetzt natürlich, daß die notwendigen Einrichtungen geschaffen werden — hingewiesen wurde. Zu den eifrigsten Verfechtern des mesopotamischen Projektes gehört der bekannte jüdische Schriftsteller Dr. Leo Herzberg-Fränkel, der zu wiederholtenmalen in der „Oesterr. Wochenschrift" die Aufmerksamkeit der Zionisten und Territorialisten auf dieses herrliche Gebiet lenkte, und es dürfte vielleicht interessieren, daß der Historiker Profestor Doktor M. Philippsohn erst während seines jüngsten Aufenthaltes in Wien dem Schreiber dieser Zeilen gegenüber sich dahin aussprach, daß Mesopotamien ein geradezu ideales Land sür die Juden wäre, wenn es mit dem modernen ökonomischen und verkehrstechnischen Einrichtungen versehen wäre. — d — sz. Heldenmütige Inden in Casablanca. Erst nach und nach erfährt man, welch heldenmütige Kämpfe die Juden von Casablanca anläßlich der großen Maffakres bestanden haben. Pariser Blätter erzählen, daß zwei Stunden nach der Ermordung der neun Europäer, welche die Intervention Frankreichs herbeiführte, der Chef des französischen Konsulates M. Neuville, sich die Hilfe einiger Männer aus der französischen Kolonie erbat, um die Leichen der Ermordeten in Sicherheit zu bringen. Es hatten sich zehn Männer freiwillig gemeldet, unter ihnen befanden sich die fünf Juden: Bän Elie, Moise Alexandre, Elias Gutta, Zebul Levy und Bensadon. Am Tage der Maffakres haben sich zahlreiche Juden heldenmütig verteidigt. Eine Gruppe von dreißig Juden verteidigte einen ganzen Tag hindurch den Eingang zur Bhira (einen Teil der Mellah) gegenüber der Bevölkerung und schlugen mehrere Anstürme erfolgreich zurück. Simon Thima kämpfte volle 48 Stunden ganz allein auf der Terraffe seines Hauses und ergab sich erst, als ihm die Munition ausgegangen war. Jakob Zagury, Dolmetsch beim französischen Konsulate, wagte mit bewunderungswürdiger Kaltblütigkeit sein Leben. Joseph Renchetrit hat allein eine Anzahl gefangener Frauen und Kinder vor sicherem Tode und schmählicher Schändung befreit und gerettet und David Amar gab sein ganzes bescheidenes Vermögen her, um diese Befreiten in Sicherheit zu bringen. Unter den Frauen ragt die Gestalt der Hanna Amar hervor, die, in Gefangenschaft geraten, sich vor der gewaltsamen Schändung dadurch errettete, daß sie ihren Angreifer mit seinem eigenen Dolch erstach und dann sich selbst das Leben nahm. Die Tragik dieser echt jüdischen Frau ist um so größer, als sie erst zwei Wochen mit einem geliebten Manne verheiratet war. Aehnlich erging es auch der jungen Seti Parienti, die stundenlang mit ihrem Ergreifer kämpfte, bis der wütende Araber die Unbezwingbare niederstach und die Märtyrerin mit einem herzzerreißenden „Schema Israel" tot zu Boden sank. Nach diesen authentischen Berichten wird man das in Europa angenommene Urteil, die Juden Marokkos seien eine minderwertige Raffe, doch etwas einschränken.