Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 24 (1907)
- Issue
- 51 (20.12.1907)
- Date
- 1907-12-20
- Page
- – (sequence 11)
- Language
- German
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Rr. 61 M MoövetÄcDrl^ «ette m schließt, fö führt er — wie ich dies im ersten Manifeste der „Jto" schon ausführte — auch vieles mit sich, was nur störend und hinderlich sein kann. Unter den ersten, von uns behandelten 300 Emigranten waren nur 30 Schneider. Was hätten wir in Jtoland mit einer solchen Proportion von Schneidern ansangen können? Man kann neun Schneider zum Ersätze für einen Mann nehmen, aber nicht um eines Mannes Kleider zu verfertigen. Dr. Gaster begnügte sich nicht damit, von Texas ein abschreckendes Bild zu entwerfen, das des phantasiereichsten Juden des Jahrhunderts würdig ist, sondern bekrittelte es auch, daß wir die Emigration nicht nach dem Heiligen Lande dirigieren. Wahrhaftig die Hungersnot, die jetzt in Palästina herrscht, ist die schlagendste Antwort auf diese Kritik. Selbst wenn es den Bemühungen des Herrn Wolfsohn und seiner Kollegen gelingen sollte, Palästina den Juden zu sichern, so'könnte dieser junge Staat anfangs von unserer Emigration nicht mehr aufnehmen, als jede andere Farm eines Jtolandes und die „Jto" würde dem Zionismus den denkbar besten Dienst leisten, wenn sie auch fernerhin die Emigration von Palästina so lange ablenken würde, bis der neue Staat seine ökonomischen Schwierigkeiten überwunden hat. In dieser Beziehung ist Herr Doktor W e i tz m a n n, ein ehrenwerter Zionist, sicherlich eine verläßliche Quelle. Welchen Bericht bringt nun er von seiner Palästinareise zurück? Nun denn, daß die jüdische Arbeit nicht imstande ist, mit der billigen arabischen Arbeitskraft zu konkurrieren, daß in den meisten sogenannten jüdischen Kolonien 60—80% der Bewohner überhaupt keine Juden sind. Bon 1000 Feldarbeitern in Petach-Tikwah sind nicht weniger als 800 Araber. Ich kann Ihnen eine noch schwerwiegendere ^Tatsache Mitteilen. Eine zionistische Gruppe russischer Landwirte, von denen jeder über 3—400 Pfund Sterling verfügte und sich darnach sehnte, Rußland so bald als möglich zu verlassen, suchte in Palästina vergeblich, ihren Mitteln entsprechenden Boden anzukaufen, bis sie sich schließlich entschloß, die 'Führung der „Jto" anzurufen. Sprechen Sie daher nicht mehr von Palästina als von einem Feld für Einwanderer. Außer Sie meinen Palästina in den Bereinigten Staaten. Denn in Texas befindet sich ein Ort mit dem Namen Palästina, nicht weit von Galveston. In diesem Palästina wohnen gegenwärtig im ganzen zwei jüdische Familien mit einer eigenen Synagoge; nach diesem Palästina würde ich unsere Emigration mit Vergnügen dirigieren. Man könnte nun sagend Wenn Euer Galvestonprojekt nicht nur das Emigrationsproblem löst, sondern auch die Zukunft der Juden in Amerika sichert, wozu dann weiter - gehen? Ich gebe gerne zu, daß nach dem Territorialismus (der den Zionismus einschließt) Amerika sicherlich die beste Lösung der Judenfrage wäre, und wenn die „Jto" nichts anderes getan hätte, als diese Form der Lösung gefunden zu haben, so wäre ihre Existenz hiemit schon berechtigt. Aber welcher gewaltige Unterschied besteht zwischen der allerbesten und zweitbesten Lösung! Abgesehen von der Sabbathfrage oder der Kulturfrage nimmt der Antisemitismus in Amerika in erschreckendem Maße zu, obgleich auf dem Papiere Gleichberechtigung herrscht. Die Juden haben hier noch sehr viel durchzukämpfen, wie in jedem Lande, das sie nicht für sich selbst gegründet haben. Andere Kritiker wieder können uns Vorhalten: Wenn die Durchführung Ihres Planes so viel Zeit in Anspruch nehmen soll, werden die Juden in Rußland nicht früher die Gleichberechtigung erlangen, ehe Sie mit Ihrem Plane fertig sind? Wenn nun die Juden auch auf dem Papier Rechte erhalten sollten, so wird doch niemand glauben wollen, daß Rußland praktisch weiter gehen werde als Amerika, oder daß die ökonomische Auswanderung aus Rußland in absehbarer Zeit aufhören werde, oder schließlich, daß diese Gleichberechtigung jetzt so nahe bevorsteht als zur Zeit der ersten Duma angenommen wurde. Man vergißt, daß selbst in England die vollständige Gleichberechtigung erst 50 Jahre alt ist. Und England ist ein freier protestantischer Staat, der schon im Jahre 1215 seine magna. Charta erhielt und im Jahre 1649 ein monarchischer Staat wurde und nicht ein griechischer Kirchenstaat mit einem antisemitischen Autokraten ist. Ich besitze eine englische Broschüre aus dem Jahre 1753. in welcher behauptet wird, daß die Naturalisierung der Juden den britischen Handel schädigen und die christliche Religion entehren würde. Aber Rußland ist beiweitem nicht unser einziger Kampfplatz. Lesen Sie doch ihren jüdischen Kalender und nehmen Sie nur die ersten vierzehn Tage des vorigen Jahre-, nach den Darstellungen des American Year-Book für das Jahr 5667: 16. August. Ruhestörungen zwischen jüdischen Streikenden und christlichen Arbeitern. 19. August. Stolypin erklärt dem Dr. Paul Nathan, die Gewährung der gleichen Rechte an die Juden sei unmöglich. 19. August. Der national-antisemitische Kongreß von Bulgarien tritt in Philadelphia zusammen. 20. August. Palästinensische und ruffische Rabbiner fordern die Juden auf, diesen Tag, mit Rücksicht auf die rusiischen Juden, als Festtag zu bestimmen. 23. August. Erstes Maffakre in Siedler, Rusiisch-Polen. Sieben Juden getötet, viele verwundet und 33 verhafte!. 25. August. 34 russische» infolge der Ausschreitungen vom letzten November verwaiste Kinder kommen in Amerika an. 29. August. Der Verband echter Russen veröffentlicht sein Programm, fordert, daß die Juden als Fremde behandelt werden, jedoch ohne die anderen Fremden gewährten Privilegien. 30. August. Mohammedanische Soldaten stürmen die Hara (Judenviertel) von Tunis. 30. August. Arabische Aufständische bestürmen Mogador und Marokko und bestehen darauf, daß die reichen Juden in die Mellah zurückkehren. 150 —200 jüdische Familien unterstandslos. 30. August. Eine galizische Stadt durch Feuer zum Teile zerstört. (Möglicherweise Brandlegung.) 1800 Juden obdachlos. 1. September. Das neue französische Gesetz über die Sonntagsruhe lastet schwer auf den Juden. Frankreich, Galizien, Marokko, Polen, Rußland, Bulgarien, Amerika! Welch großes Gebiet hier verteidigt werden soll! Und das alles innerhalb 14 Tage. Wie Sie sehen, leben wir überall im Kriegszustände. Und die Verhaltungsmaßregeln für Kriegszeiten sind andere als im Frieden. Was haben wir nunmehr zu tnn? Erinnern Sie sich noch daran, wie vor einigen Jahren junge, edle, reiche Männer ihr Leben für England hinwarfen, wie da die besten Häuser jenen egyptischen Häusern glichen, über welche der Todesengel schritt, so daß es kein Haus gab, in dem nicht ein Toter war? Aber wo ist der junge, reiche, edle Jude, der fähig wäre, für sein Volt sein Leben zu lassen? Im japanischen Kriege haben die höchstgestellten japanischen Damen ihre ganze Zeit mit der Anfertigung antiseptischer Verbände für die Verwundeten verbracht. Wo ist die edle jüdische Dame, die bereit wäre, ihre Zeit der Anfertigung von Bandagen für die Wunden des jüdischen Volkes zu widmen? Jagden und Wettrennen, Bälle, Diners und Opernvorstellungen find in Friedenszeiten sicherlich gerechtfertigt, wenn aber von dem ruffischen Schlamme bis zu den Mellahs von Marokko, von der Hara in Tunis bis zu den zerstörten rumänischen Dörfern ein herzzereißender Schrei der Agonie unseres Volkes zu uns dringt, dann sage ich, wenn unsere höheren Klaffen nicht die Jagd nach Vergnügungen aufgeben und alle ihre Kräfte der Errettung unseres Volkes zuwenden, so wird das Blut ihrer Brüder aus der Unterwelt sich gegen sie richten. Aber nicht nur gegen sie, sondern gegen jeden Juden, mag er noch so nieder stehen, wenn er nicht alles tut, was in seinen Kräften steht. Judäa erwartet, daß jedermann seine Pflicht tue! Gibt es denn heute in der ganzen Welt hundert Juden, die von sich sagen können, daß sie wirklich so gelebt, wie es der Kriegszustand erheischt, jener Zustand, der von uns den letzten Heller, ja selbst unser Herzblut zum Opfer fordert, jener Zustand, der gebieterisch fordert, daß alle Fraktionen und Parteiungen ihre Streitigkeiten einstellen und angesichts des gemeinsamen Feindes gemeinsam zu Rate zu gehen? Und gibt es etwa tausend Juden, die so gelebt, wie es die Friedenszeit