Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 24 (1907)
- Issue
- 51 (20.12.1907)
- Date
- 1907-12-20
- Page
- – (sequence 10)
- Language
- German
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edfcsöo Dr^ Llocb's MoedensedrLN. Str. 61 wurde eir« Gruppe von gläubigen Juden zusammeugeftellt und am 1. Juli kamen 86 Pioniere in Galveston an, wo sie, anstatt zurückgeschickt zu werden, vom Mayor willkommen geheißen wurden, der jedem einzelnen die Hand reichte und ihm viel Glück im neuen Lande wünschte. Durch Zufall siel dieser erste Juli mit dem Tage zusammen, an welchem in den Bereinigten Staaten ein strengeres Restrcktiousgesetz und die doppelte Kopftaxe in Kraft traten; es war fast ein Symbol, daß wir nur sehr zur rechten Zeit mit unserer Arbeit begonnen haben. Und tatsächlich sandte uns die „National Liberal Immigration League of America", die gegen die weiteren Restriktionsversuche verzweifelte Kämpfe fiihrt, ein Dankschreiben für unsere Mithilfe, Amerika der Einwanderung offen zu Hallen. Am interessantesten ist wohl die Tatsache, daß einer der Immigrations-Kommissäre aus Washington mich aufsuchte und seine Befriedigung mit dem Galvestou-Projekt aussprach. Seit jenem ersten Juli, der heute schon von jedem russisch-jüdischen Blatte als ein epochemachendes Datum in der Geschichte der jüdischen Emigration anerkannt wird, sind noch weitere neun Partien von insgesamt tausend Seelen nach Galveston gefahren. Anfangs waren wir durch die unerträglichen Zustände in den deutschen Absteigequartieren und auf den deutschen Schiffen stark in unserer Arbeit behindert, aber Mr. Solomon und ich gingen nach Deutschland und heute wohnt der jüdische Emigrant, der durch den Norddeutschen Lloyd befördert wird, wie Sie wohl gelesen haben werden, in einem eigenen Hause in Bremen, das einen Lesesaal und eine Synagoge hat; auf deren Schiffe findet er einen reservierten Zwischenraum, seine Speise wird in einer besonderen Koscherküche bereitet, und er selbst wird durch einen speziellen „Jto"--Beamten während der ganzen Fahrt vor schlechter Behandlung geschützt. Und nicht nur unsere Galveston-Passagiere genießen diesen letzten Vorteil, denn es wurden auch auf den nach Newyork verkehrenden Schiffen Koscher küchen eingeführt, so daß selbst diejenigen Emigranten, die die Führung der „Jto" nicht in Anspruch nehmen, deren Wohltaten doch nicht eutraten. Es gehört nicht zu unserer Tätigkeit, sich mit unserem Problem in seinen Anfängen in den Ländern der Verfolgung zu befassen, aber ich glaube, daß Sie zugeben müssen, daß wir in seinem Verlaufe und seinem Ende eine Aenderung herbeigeführt haben. Und es gibt wohl kaum einen von unseren tausend Emigranten, der nicht den Tag segnet, an dem er in Galveston gelandet ist. Die 55 z. B, die in Kansas City angesiedelt wurden, verdienen wöchentlich durchschnittlich 16'25 Dollars. Ein Mann erhielt sogar 21 Dollars. Denn unsere Emigranten, die eine höhere Pionierklasse darstellen, waren kaum vierzehn Tage in Amerika, als sie schon auf den von der Union fixierten Minimallohn bestanden, obgleich sie diese Forderung vorläufig nur in jüdischer Sprache Vorbringen können. Und dies wird nicht nur nicht mißbilligt, sondern macht sie bei ihren christlichen Arbeitskollegen nur beliebt und die Zeitungen bemerken mit Genugtuung, daß dies wenigstens Fremde seien, die nicht darauf ausgehen, die Existenzmöglichkeit herabzumindern. Auch hat die „Jto" nicht die Absicht, die Möglichkeit chres Erfolges herabzumindern. Die zehnte Partie ist vorigen Dienstag abgedampft. Ehe wir es jedoch riskieren, daß irgendeiner unserer Emigranten während der Judustriekrisis, die im Gefolge der finanziellen Panik entstand, keine Arbeit finde, werden wir die nächste Verschiffung insolange in Schwebe lassen, bis die Fabriken ihre Arbeiten wieder in gewohntem Umfange aufnehmen werden. In einem noch immer im Wachsen begriffenen Lande, beziehungsweise Weltteile wie die Vereinigten Staaten wird diese Wolke sicherlich bald vorüberziehen, für jeden Fall aber bleibt Newyork nach wie vor als Reiseziel unerwünscht. Wir haben jetzt in Rußland nicht weniger als 150 Jnformations- und Selektiovszentren errichtet und Galveston gehört jetzt zu den populärsten Namen im jüdischen Ghetto: Denn jede Post bringt Briefe von unseren Auswanderernin welchen sie von dem herzlichen Euqifavge in Galveston durch Rev. Henry Cohen und den übrigen Vorstehern unseres dortigen Bureaus und von der brüderlichen Fürsorge, welche ihnen seitens der Komitees in jenen Städten berichten, in welche sie geschickt werden. Man ist ihnen nicht nur bei Ueberwindung der ersten Schwierigkeiten behilflich, sie erhalten auch Unterricht in der englischen Sprache. Die jüdische Geschichte weist wohl keinen zweiten Fall auf, durch den eine so weithin reichende Kette jüdischer Brüderlichkeit hergestellt worden wäre. Beginnend in den Ländern der Verfolgung und sich, Dank der werktätigen Mitarbeit des Deutschen Hilfsvereines, durch Deutschland hinziehend, reicht diese Kette bis nach Galveston und den westlichen Staaten von Amerika. So beachtenswert diese Leistung auch vom humanitären Standpunkt aus ist, so bedeutet sie doch nur ein Mittel , zum Zweck. Ihr Zweck ist, wie alle Unternehmungen der „Jto", ein politischer und kein philanthropischer und würden wir auch schon auf 20.000, durch uns angesiedelte Emigranten Hinweisen, so würden wir diese Arbeit dennoch als ein Fiasko betrachten, wenn sie nicht zur Folge hätte, daß dann teils infolge der Anziehungskraft, welche diese Angesiedelten auf die übrigen ausüben werden und teils kraft des den Menschen .innewohnenden Nachahmungstriebes, eine spontane Einwanderung nach Galveston entstehen und dadurch der Zuzug nach New-Iork vermieden wird. Bedenkt man, daß die Schiffsagenten schon jetzt in ihren .Inseraten neben New- Iork auch Galveston erwähnen, so kann jedenfalls behauptet werden, daß Galveston bereits „packt". Ein phantasiereicher Agent hat sogar tatsächlich verkündet, daß er nach London reise, um mit Mr. Zangwill über eine neue Linie nach Galveston zu unterhandeln. Am bezeichnendsten ist die Haltung der „Jca". Die „Jca" war die erste Körperschaft, an die ich mich mit dem Galvestonplane wandte, da dies sicherlich in die Arbeitssphäre der Verwalter der Baron Hirsch'scheu Millionen fällt. Das geschah vor einem Jahre im Oktober. Aber die „Jca" zögerte so lange hin und her, ehe sie sich der Idee auch nur zu nähern entschloß, daß ich mich schließlich an die Rothschilds wandte, die sofort den europäischen Teil des Projektes finanzierten. Am letzten Dienstag, also an demselben Tage, als unsere zehnte Partie abging, erhielt ich die formelle Mitteilung der „Jca", daß sie sich entschlossen habe, eine selbständige Emigration nach Galveston zu initiieren. Nichts ist charakteristischer für die „Jca" als dieses Verhalten, aber auch nichts ist schmeichelhafter für die „Jto" und spricht deutlicher für die Aussichten unseres Unternehmens. Dies läßt sogar hoffen, daß die „Jca" ein Jahr, nachdem die „Jto" das jüdische Land geschaffen haben wird, sich entschließen werde, auf demselben Platze — einen zweiten jüdischen Staat zu errichten. Denn all dies wurde innerhalb eines Jahres durchgeführt. Heute ist es fast nicht zu glauben, daß vor einem Jahre noch kein einziger der inzwischen nach den westlichen Staaten ausgewanderten 1000 Menschen auch nur eine Ahnung von der Existenz Galvestons hatte. Ist das nicht ein zwingender Beweis dafür, wie unser Volk nach einer Führung lechzt und wie unsinnig es ist, zu behaupten, ein jüdischer Staat könne nur auf einem einzigen bestimmten Platze errichtet werden! Alternativlösungen der Judenfrage. Wenn es noch eines Beweises bedurft hätte, daß die „Jto" das Richtige traf, als sie sich entschloß, ihre Suche nach einem Lande durch die Berücksichtigung der unmittelbaren Not zu vervollständigen, so ist dieser Beweis durch das Studium des bereits angesiedelten. Menschenmaterials gegeben. Denn obgleich der Emigrationsstrom alle zur Errichtung eines Staates notwendigen Arbeitskategorien in sich