Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 24 (1907)
- Issue
- 51 (20.12.1907)
- Date
- 1907-12-20
- Page
- – (sequence 9)
- Language
- German
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Nr. 51 wir eS auch gerne. Wer aber kann es ohne Bitterkeit ansehen, wie Inden auf den eisigen Gefilden der Mandschurei für das heilige Rußland ihr Leben lassen? Rußland hat jetzt ungefähr 53.000 Juden in der Armee, ihre richtige Verhältnisziffer wäre nur 43.000. Geben Sie mir nur dieses Mehr von 10.000 und ich garantiere Ihnen die Sicherheit unseres jüdischen Staates. Wenn ich sage „geben Sie mir", so spreche ich natürlich nur als politischer Denker. Ich nehme wohl an, daß Sie nicht daran dachten, daß ich diese Legion selbst zu führen beabsichtigte. Ich verstehe mich nicht auf den Krieg. Ich kann nicht schießen, nicht einmal einen Schnappschuß mit dem Kodak kann ich abfeuern. Aber auch Chamberlain hat nicht den Feldzug gegen die Buren geführt. Der wirkliche Leiter einer Kolonie muß ein Farmer und Fechter und Schütze sein, wie der alte Krüger oder richtiger, wie Krüger als junger Mann war, ein Mann vom Schlage des Nathaniel Jsaacs oder des Emin Pascha, General Ottolenghi oder Sir Matthew Nathan. Daß wir über die nötigen agrikulturellen Kräfte verfügen, bestätigt uns die „Jca" allein und ich verweise Sie auf ihren letzten Bericht als auf eine beredte Genugtuung für die jüdischen Farmer seitens des Präsidenten der „Jca". Auch die nötigen landwirtschaftlichen Sachverständigen, die wissenschaftlichen Führer können in Nordafrika gefunden werden, wo es geschickte jüdische Farmer in Fülle gibt und wo die „Alliance Jsraelite" eine wertvolle Farmschule unterhält. Das Aufblühen der jüdischen Kolonie würde den Söhnen unserer Mittelklasse neue Lebensstellungen schaffen, wie heute Indien der englischen Mittelklasse, und nur nebenbei möchte ich den jüdischen Eltern den Rat erteilen, anstatt so viele aktenlose Advokaten und beschäftigungslose Aerzte in die Welt zu setzen, ihre Söhne lieber in die landwirtschaftlichen Kollegien von Montpellier oder Cornell zu senden, nach deren Absolventen in der heutigen wissenschaftlichen Landwirtschaft große Nachfrage herrscht. Können wir auch heute noch nicht unsere Hand auf die zukünftigen Führer der Kolonie legen, so weiß ich wohl, daß, so wie die Juden in jedem Lande der Erde als Pioniere tapfer gekämpft haben, wenn einst die Stunde schlagen wird, der Geist unserer Rasse auch den Mann der Männer uns geben wird, die wir benötigen werden. Das unmittelbare Problem. Aber Nom wurde nicht an einem Tage erbaut und auch ein jüdischer Staat wird nicht in 24 Stunden errichtet werden. So wie das Leben eines Staates ein längeres ist als dasjenige eines Menschen, so dauert auch seine Kindheit verhältnismäßig lang. Bevor ein Territorium vollständig geschaffen, d. h. fähig geworden ist, alle aufzunehmen, die in anderen Ländern „nicht bleiben wollen und können," bis Eisenbahnen und Hafen gebaut sind, bis Städte entstehen und Fabriken errichtet sind und Bergwerke arbeiten, muß manches Jahr vergehen. Der Grundstein zu einem jüdischen Land muß allmählich und behutsam mit unserem besten Menschenmaterial gelegt werden. Ein Versuch, unser Emigratiousproblem ohne autonomes Territorium zu lösen, wäre auf Sand gebaut, aber zu erwarten, daß ein solches Territorium unsere Emigration unverzüglich aufnehmen könnte, hieße wieder in der Luft bauen. Das ist das Dilemma der Lage der Juden. Kein unentwickeltes Land wäre imstande, unsere Emigration aufzunehmen. Aber kein entwickeltes Land wird uns eine Autonomie gewähren. Greifen wir nach einer unverzüglichen Lösung, so werden wir niemals eine endgiltige Lösung erreichen. Wenn wir wieder auf der anderen Seite auf die endgiltige Lösung hinarbeiten, so haben wir das unmittelbare Problem beiseite gelassen. Wie kommt man ans diesem Dilemma heraus? Nun denn, die „Jto" hat den Weg gefunden, an beiden Lösungen, lnr temporären und der endgiltigen. zu arbeiten; mit der einen Hand für die Gegenwart und mit der anderen für die Zukunft. Unsere Lösung des dringlichen, sozusagen des Problems in der nächsten halben Stunde ist Ihnen bekannt Der Chief Rabbi hat, alarmiert durch die Alien Bills in England und Amerika, den Schrci Seite 849 ausgestoßen: Wohin? Die „Jto" hat auf Empfehlung und mit Unterstützung der führenden Juden Amerikas hierauf geantwortet: Galveston, ein amerikanischer Hafen, der unserem Ghetto völlig unbekannt war. Selbst heute antwortet noch mancher Emigrant, dem nahegelegt wird, nach Galveston zu gehen anstatt nach New-Iork: „Aber ich will nach Amerika gehen." Wir stimmen mit diesen Emigranten überein. Denn die „Jto" würde es lieber sehen, daß Millionen von Stimmen, die für die Selbstverteidigung eine Macht bedeuten, unter der freien amerikanischen Verfassung, unterden Einflüssen jüdischer Führer und Lehrer beisammen bleiben, als wenn die vielen Millionen die Europa verlassen, in den anderen vier Weltteilen zerstreut werden und in entlegenen Gegenden einzeln verderben. Sind aber die Vereinigten Staaten einmal ein solches Zufluchtsland, so müssen doch unsere Emigranten sich nicht just in den Schlamm der überfüllten Städte des Ostens drängen, sondern in die kleinen, gesünderen Städte des Westens gehen, wo ihre Arbeitskraft begehrt wird. Galveston ist nicht das Ziel der Jto-E.migranten; sie bleiben nicht einen einzigen Tag in Galveston. Tatsächlich wurden nur wenige in Texas überhaupt untergebracht. Galveston wurde deshalb New-Orleans vorgezogen, weil es nur eine Hafenstadt ist ohne Industrien und daher dort kein neues Ghetto entstehen kann. Unsere Lösung besteht deshalb hauptsächlich darin, daß wir den Strom der Emigranten von New-Uork nach Galveston ablenken und auf diese Weise der jüdischen Emigration das große, weite Gebiet westlich vom Mississippi eröffnen und durch Förderung der Bewegung der ersten 20.000 Pioniere nach dieser neuen Richtung einer freiwilligen Verteilung eines großen Teiles der künftigen Emigration die Wege ebnen. Diese Idee klingt sehr einfach, wie alle großen Ideen, sobald sie einmal bekannt werden, aber welcher Wert ihr auch innewohnen möge, so bedeutet sie doch nur einen Beitrag zur jüdischen Politik, die nur für einige Tage gemacht wurde. Ich sage jüdische Politik, denn die Idee betrifft nicht die auf Wohltätigkeit angewiesene Klasse, sondern solche, die ihren eigenen Weg bezahlen. Es ist aber die Vernachlässigung dieser Klasse, die ganze Vernachlässigung der jüdischen Politik, das Grundübel, an dem wir jetzt so viel zu leiden haben. Wir brüsten uns damit, daß wir uns um unsere Armen kümmern. Aber wir schauen uns nicht um unsere Reichen um, noch um unsere unabhängigen arbeitenden Klassen, und die Folge dieser Politik des Zauderns ist der degradierte Stand unseres Volkes in der ganzen Welt. Die praktische Arbeit des Galveston-Projektes. Ich sagte, die Galveston-Jdee klingt so einfach nnd dennoch war ihre Verwirklichung mit unglaublichen Komplikationen verbunden. Auf der einen Seite die Gefahr, daß Rußland uns hindern werde, auf der anderen Seite die Gefahr, daß Amerika die Einwanderung unter dem Verdachte der Unterstützung zurückweisen werde. Dazu kam noch die Gefahr, daß die Emigranten selbst es ablehnen würden, Newyork für einen Platz aufzugeben, von dem sie niemals gehört haben, und noch dazu auf eigene Kosten dahin zu fahren. Und alle diese und noch viele andere Schwierigkeiten wurden noch durch die Angriffe und Verhöhnungen seitens der zionistischen Presse und mancher russisch-jüdischer Organe verschärft. Aber über alle diese Dinge blieb unser russisches Bureau unter der glänzenden Leitung dcs Dr. Jochelmann, Advokaten Jassinowski und ihrer Kollegen doch der siegreiche Teil. Nach einer in Angst verbrachten Zeit, während welcher unser Bureau in totenstillen Nächten seinen Mimeographen gleich einer infernalen Maschine arbeiten ließ, hat die russische Regierung das neue Departement anerkannt und sogar seinen Vertreter zu einer Sitzung der von der Regierung eingesetzten Emigrationskommission nach Petersburg eingeladen. Nach monatelangem Zweifeln und Zögern seitens der Auswanderer s>r Dwcv's 'Mocvenscvrm.