Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 24 (1907)
- Issue
- 51 (20.12.1907)
- Date
- 1907-12-20
- Page
- – (sequence 8)
- Language
- German
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Sette 848 Dr. Moeb's Mocbenscbrm. Nr. 51 der jungen Geschichte der „Jto" war das Erscheinen eines Arabers, der auf den heiligen Mann von Adrar großen Einfluß hat, in unseren Bureaux, der seine Bereitwilligkeit aussprach, Konzessionen für uns zu erlangen. Egypten den Egyptern überlassend, frage ich, welches andere Volk noch hat einen so großen historischen Anspruch auf Nordafrika als die Juden? Abgesehen von unserem Aufenthalte in Egypten, hatten wir uns längst der mittelländischen Küste angefiedelt, als Palästina noch ein jüdischer Staat war,, also Jahrhunderte vor der christlichen Aera. Heute werden Sie in Nordafrika auf einer Million Quadratmeilen bloß eine Bevölkerung von 12 Millionen Menschen — also genau so viel, wieviel Juden es gibt, antreffen. Stellen Sie fich nun vor. daß den Juden gestattet wird, nur eine Million Quadratmeilen zu monopolisieren! Aber sicherlich ist kein Grund anzunehmen, weshalb ihnen nicht 50.000 Quadratmeilen zugebilligt werden sollten! Daß fie die Rolle der Zivilisatoren auf diesem großen Gebiete zu spielen haben werden, ist eine Idee, die in jüngster Zeit zum vollen klaren Bewußtsein geworden ist. Aber fie dürfen nicht Nordafrika wieder beleben und regenerieren und sich selbst unregeneriert und unbefreit lassen. Wie stellt sich nun unsere geographische Kommission zu dem von uns angewiesenen Territorium in dieser Gegend? Leider bin ich nicht in der Lage, in dieser Beziehung vollständigen und formellen Bericht zu geben, da ein Mitglied der Kommission Dr. Paul Nathan fich jetzt auf einer Orientreise befindet und vor dem Ende des Jahres nicht zurückkehren dürfte, demnach jetzt unerreichbar ist. Aber von den anderen vier Mitgliedern kann ich ihnen sagen, daß keiner von ihnen das Territorium als unerwünscht oder unerreichbar abgelehnt hat. Lord Rothschild allerdings empfiehlt einen Aufschub. Er empfiehlt, daß „mit Rücksicht auf die ungeordneten Zustände in Nordafrika momentan keine Schritte unternommen werden sollen, die mit einem jüdischen Projekte in Zusammenhang stehen." Mr. Oskar Straus rät als ersten unerläßlichen Schritt die Untersuchung des Landes durch technische agrikulturelle und kommerzielle Sachverständige. Herr James Simon bietet als Beitrag zu den Kosten einer solchen Studienexpedition den Betrag von 150 Pfund Sterling (6000 Kronen) an. Was Herrn Doktor Mandelstamm betrifft, so hat er sich anfangs nur für einige der in unserem Berichte genannten transatlantischen Territorien ausgesprochen und an ihnen festgehalten, jedoch schließlich zugegeben, daß das nordafrikanische Territorium mehr Aussichten für eine Autonomie bietet. Im ganzen also stimmt die geographische Kommission mit unserem Rate darin überein, daß es fich hier um eine Möglichkeit handelt, die einer großen Erwägung durch das jüdische Volk wert ist. Unser nächstes Tätigkeitsprogramm wird also, ich hoffe in naher Zukunft, sobald die Marokko-Episode vorüber sein wird, bestehen 1. in der Entsendung einer wissenschaftlichen Expedition in das Territorium, und wenn der Bericht, wie ich anzunehmen allen Grund habe, günstig ausfallen wird, 2. in den diplomatischen und finanziellen Unterhandlungen. Ich möchte nur noch erwähnen, daß der Mayor v. Salford mir soeben 50 Pfund (1200 Kronen) für die Zwecke der Expedition offeriert hat. Sollte es uns nicht gelingen, hier die politischen Sicherheiten zu schaffen, so steht uns noch die andere Möglichkeit offen, und mißlingt es uns auch hier, so müssen wir auf die von Dr. M a n d e l st a m m favorisierten Territorien zurückgreifen und außer diesen kommt, ohne Palästina zu erwähnen, noch ein halbes Dutzend anderer Gebiete in Betracht. Wir brauchen also in keinem Falle unsere Hoffnung ftüher aufzugeben, als die Zionisten. Was heißt „Die Schaffung"? Und nun kommen wir zu dem Worte „Schaffen", denn wir haben natürlich noch kein Territorium geschafft. Schassen bedeutet nach dem Lexikon „durch irgendwelche Mittel oder Kraft in den Besitz oder Genuß gelangen". Welche Kraft haben die Juden jedoch bisher angewendet und welche Mittel haben fie uns zur Verfügung gestellt? Unser Volk wurde so lange mit dem Warten auf ein Wunder hingehalten und hat schon seit so langer Zeit das Gefühl für reale Geschichte und reale Politik verloren, daß es vielleicht erwartet, daß ich ein Territorium aus Nichts hervorzaubere, wie der Zauberer ein Kaninchen produziert. Glauben sie etwa, daß das britische Kabinett imstande wäre, die Geschäfte Englands auch nur einen Tag lang ohne Geld oder Soldaten zu führen? Und England muß nicht erst geschaffen werden, sondern ist, wie ich schon gesagt habe, ein gesundes Unternehmen. Dreiviertel Million wurde zur Unterstützung der Opfer der Pogrome aufgebracht. Sie ist verschwunden, ohne auch nur eine Spur zurückzulassen. Glauben Sie nun, daß zur Rettung der ganzen jüdischen Zukunft weniger heldenmütige Anstrengungen erforderlich sind? Erfordert dies vielleicht weniger Kapital als eine Brauerei oder eine Tabaktrust. Obgleich unsere Kolonie, sowie jede Kolonie hauptsächlich von dem Kapital ihrer eigenen Immigranten abhängig sein muß, so muß doch noch immer eine entsprechende Deckung für administrative Zwecke vorhanden sein. Wir sagen nicht, daß dieses. Geld geschenkt werden müsse, mag es Philanthropie zu 5 Perzent sein! Terrain-Gesellschaften können große Profite erzielen. Und wenn es mißglückt, so ist nur der Mangel an Arbeitskräften daran schuld. Der Mangel an Arbeitskräften hat in neuen Kolonien stets die größten Schwierigkeiten bereitet. Aber unser Plan trägt diese Arbeitskräfte, diesen Strom der Bevölkerung buchstäblich mit sich. Der Strom der Bevölkerung ist der wahre Pactolus, er bereichert in unschätzbarer Weise das Land, über welches er dahinfließt. Vor 30 Jahren wurde das ganze immense Areale von Kanada, das damals der Hudson's Bay Company gehörte, dem Reiche für 300.000 Pfund überlassen. Heute repräsentiert es einen Wert von ungezählten Millionen. Und, um seinen Wert noch mehr zu steigern, strömten in diesem Jahre — da es noch kein jüdisches Land zu bereichern gibt — mit Hilfe der allgütigen „Jca" Hunderte rumänischer Juden nach Kanada; wir haben manche dieser Flüchtlinge mit ihren Sensen auf ihren Schultern hier in London sehen können. Unser Emigrationsstrom, der jetzt die Quelle unendlicher jüdischer Sorgen ist, kann zur Quelle unendlichen jüdischen Reichtums werden. Und da werden die Juden noch ein geldmachendes Volk genannt! Wir geben diesen Strom weg nach Kanada, Argentinien und Brasilien und sind noch dankbar, daß man sie dort hineinläßt. Und da sage man noch, die Juden seien ein geschicktes Volk! Aber wir leben nicht in einer Welt, in der alles für Geld gekauft werden kann. Es ist möglich, daß, bevor der jüdische Staat entstanden sein wird, sei es in Nordafrika oder anderswo, ein Teil des Preises wird mit Bluk bezahlt werden müssen. Selbst die britische Protektion kann uns davor nicht schützen; keiner einzigen der britischen Kolonien, weder Neu-Seeland, noch Kanada, weder Natal noch Ostafrika, ist ein Verteidigungskampf mit den eingeborenen Stämmen erspart geblieben. „Schaffen" kann also zum Teile auch die Bedeutung von Schaffen um den Preis von Blut haben. Aber bedenken Sie doch, wie viel Blut es uns schon gekostet hat, daß wir es nicht früher „geschaffen" haben. Ja, was für Krieg hat es gekostet, als man den Weibern den Bauch aufgeschlitzt und den kleinen Kindern den Schädel gespalten hat? Jüdische Dichter, die dieses sinnlose Martyrium mit ansahen, schrieen laut auf, es gäbe keinen Gott. Würden sie aber die Körper junger Leute, die sich für einen jüdischen Staat opfern, erblicken, würden sie da nicht im Gegenteile ausrufen: Der Gott Israels lebt noch! Wenn auch Nordafrika nicht so sicher ist wie Nord-London, so doch jedenfalls sicherer als Rußland. Und sicher oder unsicher, Zehntausende von Juden wohnen bereits in Nordafrika und haben allenfalls jetzt größere Gefahren zu bestehen, als sie zu bestehen hätten in einer von einer Schutzmacht geschützten jüdischen Kolonie. Ich weiß, daß mancher englische Jude bei dieser Idee entsetzt sein wird, vielleicht dieselben englischen Juden, die ihre Söhne in den Burenkrieg sandten und am letzten Sonntag in der Synagoge einen militärischen Gottesdienst abhielten, die unsere Boys Brigades aufgezogen haben und ihren Kindern das „Lied vom jüdischen Soldaten" lehrten. Denn Sie sehen, wir müssen unsere Existenz in unserem gegenwärtigen Wohnlande auch mit unserem Blute bezahlen und für Länder wie England bezahlen