Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 24 (1907)
- Issue
- 51 (20.12.1907)
- Date
- 1907-12-20
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
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Nr. 51 Dr. Blocö s MocvenscvrM. Seite 845 zu schaffen! Ja, weil der Jude so lange sich mit einem fertigen Lande, mit einem Lande aus zweiter Hand begnügt hat, ist er heute außer Stande, eines zu erreichen, das ihm angepaßt ist. Denn ein Land, das Ihnen passen soll, muß nach Ihrem Maße gemacht sein. Es muß eine neue Schöpfung sein. Und unter „Territorium" verstehen wir auch nicht eine Spielzeug-Kolonie, wo Sie bis auf den letzten Zweig sagen können, wie viel Oelbäume Sie in den öffentlichen Plantationen besitzen und Ihre Küchlein zählen können, sobald sie nur ausgebrütet werden. Nein, wir verstehen darunter ein wirklich lebendiges Land, das für den jüdischen Emigranten schließlich jene gewaltige Anziehungskraft besitze, wie sie New-Dork heute besitzt. Anstatt sie jedoch in ein Ghetto zu pferchen, wie es New-Iork mit seinen 400.000 verdorrten Seelen auf einer Quadratmeile ist und was auch als die Ursache der Opposition gegen den Zuzug angesehen werden kann, schlagen wir vor, daß die Grundlage für den Staat eine kräftige und gesunde, über tausend Meilen verteilte Farmerbevölkerung zu bilden habe. Aber auch die Heranbildung jüdischer Bauern ist nicht unser Endzweck. Wir haben es nicht erst nötig, zu beweisen, daß die Juden gute Farmer seien oder zu Farmern gemacht werden können. Es gibt eine Fülle jüdischer Farmer in allen Weltteilen. Wir benötigen eine Bauernschichte bloß als Mittel zum Zwecke und dieser Zweck ist die Autonomie. Was bedeutet „Autonomie"? Denn dieses Territorium soll „auf autonomer Basis stehen". Hier berühren wir das Grundprinzip unseres Programmes, das übrigens den Grundgedauken jeder zweckdienlichen Kolonisation bilden muß. Und dennoch, so seltsam es auch klingen mag, ist gerade dieser Punkt bei den Juden selbst auf die heftigste Opposition gestoßen. Ich befürchte, daß ihre Gründe nicht immer die edelsten sind, gar oft denken diese Leute dabei nicht an das große tragische Problem, das gelöst werden soll, sondern nur an sich selbst. Sie befürchten, daß eine selbstregierte jüdische Kolonie ihre eigene Stellung in den Ländern der Emanzipation kompromittieren könnte. Aber gerade das Gegenteil ist wahr. Dadurch, daß sie in diese jüdische Kolonie nicht gehen würden, würden sie — zum erstenmale innerhalb 19 Jahr-^ Hunderte — Gelegenheit haben, den untrüglichsten Beweis dafür zu erbringen, daß sie sich stets ehrlich als Bürger jenes Landes fühlten, in welchem sie gewohnt haben. Das Bürgertum ist in der modernen Welt Sache der freien Wahl, wie auch Mr. Chamberlain, mit dem ich diese Seite der Frage diskutiert habe, richtig bemerkte: Keinem Deutschen, der sich entschließt, amerikanischer Bürger zu werden, wird gesagt, daß Deutschland sein Land sei, und auch von keinem Franzosen, der in England naturalisiert wird, verlangt man, daß er auf seine Seite des Kanals zurückgehe. Die phantastische Idee, daß jeder Jude dann in den jüdischen Staat verbannt würde, wäre zum Lachen, wenn es nicht ein trauriges Zeichen wäre dafür, wie sehr unsere Nerven infolge der langen Periode der Verfolgung überreizt find. Tatsache ist, daß die Stellung der emanzipierten Juden durch die Existenz solcher Kloaken und Schlachtbänke, wie das jüdische Anfiedlungsgebiet in Rußland und die Mellah in Marokko, in denen Juden sich wälzen müssen und auf denen Juden hingeschlachtet werden, eher kompromittiert erscheint, als sie es durch einen freien, glücklichen und gedeihenden jüdischen Staat wäre. Glauben Sie etwa, daß Ihre christlichen Freunde Marokko besuchen könnten, wo das Sprichwort zuhause ist: „Ein Araber mag sieben Juden erschlagen", wo der Name Jude nur mit zitternder Entschuldigung erwähnt wird, wo der kriechende Wurm oft höher in Reputation steht, als der Jude, glauben Sie, sage ich, daß Ihre christlichen Freunde von einem Besuche aus Marokko mit gesteigerter Achtung vor Ihnen zurückkehren? . . . Aber selbst wenn das Unmögliche eintreten und infolge der Entstehung des Staates sämtliche Juden im Verlaufe der Jahrhunderte dahin verbannt würden — welch schreckliches Unglück! Das am festesten gefügte Volk der Geschichte erklärt, beisammen zu leben, wie die Franzosen in Frankreich und die Italiener in Italien! Kinder sollen da geboren werden, Bürger ihres eigenen freien Landes, die gezwungen sein werden, ohne Verfolgungen heranzuwachsen, gedrängt werden, eine jüdische Sozialordnung, jüdische Kunst und Literatur zu schaffen . . . aber bitte, erschrecken Sie nur nicht — nicht in Ihrer Zeit wird das alles geschehen! Wenn der russische oder rumänische Jude den blutbefleckten Staub seines Geburtslandes von sich abgeschüttelt hat, so hat er gleichzeitig die russische oder rumänische Nationalität von sich abgeschüttelt. Er hat dann keine Nationalität. Vorausgesetzt, daß er kein Krimineller und nicht krank ist, kann er ein Brite oder Holländer, ein Kanadier oder Mexikaner, ganz nach seinem Belieben, werden. Er gleicht einem Kinde, das sich eine Purim- Maske kauft. Er kann die Maske haben, die ihm gefällt, eine französische, deutsche, persische oder türkische. Aber nehmen Sie einmal an, der Emigrant sagt: Nein, ich will mit Masken nichts zu tun haben; ich will mein eigenes Gesicht, mein jüdisches Gesicht tragen. Ich will hinausgehen und meine eigene Nationalität aufbauen. Wie wollen Sie ihm da Ihre Sympathie versagen? Manche jedoch schreien, es gebe keinen Juden, kein jüdisches Volk, sondern nur eine jüdische Religion. Worin liegt da der Unterschied? Haben Sie je von einer Religionssekte gehört, die nicht das Bestreben hätte, sei es eines Gemeinwesens oder des Selbstschutzes wegen, so dicht als nur möglich beisammen zu wohnen? Ich will hier nur eine Kleinigkeit erwähnen. In meinem „Times-Atlas" befindet sich auch eine Karte, auf der die verschiedenen Religionen durch einzelne Farben bezeichnet find. Die Einteilung ist klar und übersichtlich, wie diejenige der einzelnen Länder. Das Judentum erscheint hier überhaupt nicht. Da es in keinem Lande eine prädominante Stellung einnimmt, zählt es überhaupt nicht. So viel über die jüdische Mission. Nehmen Sie das Judentum als Sekte oder als Volk, als Rasse oder als Religion: Die Pflicht der Selbstverteidigung und des gegenseitigen Schutzes bleibt immer zweifellos dieselbe. Verdanken denn nicht schließlich manche der größten Kolonien ihre Gründung gerade religiösen Sekten? Die Autonomie ist unerläßlich. Nein, die „Jto" wird ihre „autonome" Basis nicht aufgeben. Wer hat je gehört, daß ein Volk eine Kolonisation unternimmt, ohne die Freiheit zu haben, nach eigener Faffon zu leben. Wenn wir nicht die Kontrolle über das Land haben sollen, welches Entgelt sonst sollen wir für die Riesenarbeit haben, welche die Schaffung eines Landes erfordert? Nein, solange wir nicht die Kontrolle haben, haben wir trotz aller Arbeiten und Anstrengungen überhaupt kein Zufluchtsland geschaffen. Da der Hauptzweck der „Jto" in der Beseitigung aller jener Hindernisse religiöser und politisch-wirtschaftlicher Natur besteht, die gerade dadurch entstanden, daß die Juden unter fremden Schutz stehen, so wäre es ja ein zu lächerliches Paradoxon, alle diese Schwierigkeiten und Hindernisse und noch dazu mit ungeheurem Kostenauswande neuerlich zu schaffen. Der kreisende Berg würde — einen irischen Stier (Irish Bull, eine Anspielung auf John Bull, Uebersetzer) gebären! Wenn wir unseren Wein oder unseren Feigenbaum selbst pflanzen, so muß er auch unser unveräußerliches Eigentum bleiben, um uns unter ihn setzen zu können. Denken sie sich, irgend eine höhere Macht würde dann kommen und uns sagen, wir dürfen unsere Brüder nicht hineinlaffen. Denn ich glaube wohl annehmen zu können, daß die jüdische Kolonie, wenn sie einmal errichtet sein wird, mehr „Christlichkeit" an den Tag legen werde, als die Fremdengesetze von England und Amerika. Das Christentum lehrt uns, daß der Vater selbst den Spatz, der zu Boden fällt, beschütze. Wer beschützt die zurückgewiesenen armen Teufel, deren „armseliges Physikum" als Ausrede benützt wird, um ihnen die Möglichkeit zu versagen, dieses armselige Physikum wieder zu restaurieren? Wie soll aber unser jüdisches Land alle diejenigen, „die nicht bleiben können oder bleiben wollen", wo sie gegenwärtig find, aufnehmen, wenn — wenigstens in internen Angelegenheiten — nicht wir diejenigen find, die alles zu bestimmen haben. Der