Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 24 (1907)
- Issue
- 51 (20.12.1907)
- Date
- 1907-12-20
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
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Seite 844 Dr. LLocb's MocvenscvrM. Nr 61 Die überwiegende Mehrheit der Emigranten fordert die Koscher- Verköstigung auf den Dampfern, deren Beistellung von vielen Schifffahrtsgesellschaften abgelehnt wird. Und diese unsere Emigranten wandern nicht wie die Italiener und Chinesen, um temporärer Arbeitsgelegenheit willen, aus, sondern für immer. Der Italiener und Chinese trachtet mit seinem Gewinne wieder heimzukehren. Welches Heim hat aber der Jude, in das er zurückkehren könnte? Er hat alle seine Boote verbrannt; oft war er gezwungen, ohne Paß zu fliehen, er kann nicht zurückkehren, selbst wenn er wollte. Dreimalhunderttausend Italiener kommen diesen Winter infolge der schlechten Zeiten aus den Vereinigten Staaten zurück! Stellen Sie sich einmal vor, es kämen 300.000 Juden zurück! . . . In besonderem Masse eigenartig zeigt sich unser Problem in seinem Ende — in den neuen Ländern, welche unsere Emigranten aufsuchen. Denn diese Länder unterwerfen die Zulassung der Einwanderer gewissen Einschränkungen, die wohl allen Auswanderern in gleichem Maße auferlegt werden, aber die Juden in besonderem Maße drücken. Würde z. B. Amerika daran gehen, seine Tore vor dem Auswanderersirome aus fremden Ländern überhaupt zu sperren, so könnte es dabei sich auf den Standpunkt stellen, daß Italien oder Deutschland ihre Suppe selber auslöffeln und ihre ökonomischen Probleme zuhause lösen mögen. Aber welches jüdische Heimatland soll das jüdische Problem lösen? Schließet einmal seine bisherige Zufluchtsstätte und der Jude wird in eine Tscherta gepfercht, über die er nicht die geringste Kontrolle haben kann. Gegenwärtig schließt kein Land die jüdische Einwanderung ganz aus, außer Palästina und auch dieses nur auf dem Papier. Aber selbst das ausgeschlossene jüdische Einzelindividuum leidet in besonderem Maße. Der ausgeschloffene Italiener oder Deutsche kann zurück nach Italien oder Deutschland. Wohin aber soll der ausgeschlossene Jude gehen? Wohin? Amerika will ihn nicht haben. Deutschland mag ihn nicht und England mag ihn auch nicht. — Gott weiß, was aus ihm wird. Mitunter wird er, wie Mr. Walter Rothschild es so kräftig ausdrückt, an der russischen Grenze erschossen — vielleicht das beste, was ihm geschehen könnte. Würden Sie es für möglich halten, daß jüngst Gibraltar, ein britischer Hasen, 500 vor den Schrecknissen in Casablanca fliehenden Juden ein Asyl verweigert habe? Spanien, unser alter Feind, hat sich chevaleresker gezeigt, als Großbritannien. Aber das große jüdische Volk hat sich schon darein gefunden, von solchen Capricen abhängig zu sein. Und aus der Tatsache, daß der jüdische Emigrant hinter sich kein eigenes Heimatland hat, ergibt sich die fernere Tatsache, daß, wenn er schon in ein neues Land hineingelassen wird, es für ihn kein altes Land gibt, das ihm Rückendeckung bieten würde. Während der Probezeit, während welcher er sich für sein neues Bürgertum qualifiziert, steht er ohne jeden politischen. Schutz da. Widerfährt einem landfremden Japaner in Amerika ein Unrecht, das nicht gesühnt wird, ganz Japan greift zu den Waffen. Wer aber steht hinter dem landfremden Juden, der hilflos nach Kanada oder Argentinien verschlagen wird? Glauben Sie etwa sein Geburtsland, Rußland würde nach Montreal oder Buenos Ayres ein Kriegsschiff entsenden? In jedem Falle bedeutet seine Entwurzelung aus seinem gewohnten Boden und aus seiner früheren Umgebung eine viel düsterere Tragödie, als wenn ein gewöhnlicher Emigrant mit seinem altgewohnten Leben bricht. Seine Situation ist auch darin eine eigenartig spezifische, daß das neue Land in der Regel auch der Ausübung seiner Religion die verschiedensten Hindernisse in den Weg legt. Er muß zwischen dem Halten des Sabbath und der Erhaltung seiner Familie wählen. Beides halten kann er nicht. Dazu kommen die Speisegesetze, welche, wie uns Mr. Stettauer erzählt, auch in Kanada ein großes Hindernis bilden für diejenigen Juden, die in entlegenen Farmen oder bei Eisenbahnen arbeiten. Ich bin weit entfernt, zu behaupten, die Orthodoxie sei die einzige Form des Judentums. Soll sich jedoch eine Religion entwickeln, so lassen Sie sie in ehrenhafter Weise entwickeln und nicht in schmutziger gewaltsamer Weise unter dem Drucke der Butterbrotfrage. Amerika ist das weitaus beste Land für den jüdischen Emigranten und selbst hier ist die Kluft zwischen Eltern und Kindern so groß, daß unter der älteren Generation ein jüdisches Sprichwort entstand: „A Klug zu Columbessen" „Verflucht sei Kolumbus". In London bleibt er wegen des Sabbaths auf einige wenige Schwitzgewerbe beschränkt undselbst wenn er den Versuch machen wollte, diesen trauten Zirkel der Schneider und Kappenmacher zu durchbrechen, so würde er von den christlichen Labour Unions nicht zugelassen werden. Denn wie der Mensch seinen Schatten überallhin mit sich führt, so trifft der jüdische Emigrant in jedem neuen Lande den alten Antisemitismus an. Ist er bei seiner Ankunft noch nicht vorhanden, so wird das massenhafte Auftreten der Juden dazu beitragen, ihn hervorzurufen. Kommt der Jude aber bloß in geringer Zahl, so leidet er wieder durch die geistige Einsamkeit. Vor einigen Jahren erhielt ich von einem jüdischen Schulmädchen in Vancouver Island, wohin die Juden stets nur in geringer Zahl gekommen sind, ein Schreiben. Ihr Vater war in Rußland Militärschneider. Als er nach langjähriger ehrenvoller Verbindung mit der Armee von seinen Ersparnissen ein Haus kaufen wollte, wurde ihm der Hauskaus und die Erwerbung des Bürgerrechts verweigert. So wanderte er denn nach Britisch- Columbia aus. „Hier haben wir alle diese Rechte", schrieb das Mädchen, „und dennoch fühlen wir uns nicht wie zuhause. Wir sind in dieselbe Lage versetzt, in der sich ein Waisenkind befindet, wenn es in eine Familie gebracht wird, wo viele Kinder sind. Wenn auch die Kinder zanken, so sind sie doch vom Verwandtschaftsblut, während die Waise immer eine Fremde bleibt. Die Christen, unter denen wir leben, sind scheinbar gut und gerecht. Und dennoch, wie viel müssen wir von ihnen erdulden! Wie oft kann man sehen, wie jüdische Knaben gepufft und gescholten werden, bloß weil sie Juden sind! Wir haben ein schönes Haus mit einem Garten .... Oft sah ich meine Mutter unter dem Kirschenbaum weinen, wenn sie an die Gärten von Palästina dachte, wo unser Vater einst arbeitete. Und wenn auch Palästina uns verschlossen bleibt" fährt das Mädchen fort „müssen wir deshalb liegen und bleiben lassen? Vielleicht ist Uganda die Antwort. Wir müssen einen Staat haben, wo wir frei leben und unsere Religion erhalten können und wo die physische und geistige Entwicklung zu höherem Niveau steigen würde." Dieses Schulmädchen war erst vierzehn Jahre alt. aber sie hat unser Emigrationsproblcm besser aufgefaßt als alle unsere Philanthropischen. Diese jüdische Emigration ist demnach kein gewöhnliches ökonomisches Problem. Unsere Emigration ist eine eigenartige, spezifische in ihrem Ursprung, in ihrem Verlaufe und in ihrem Ende. Alle übrigen Emigranten verlassen ihr Mutterland, für den jüdischen Emigranten muß, gerade im Gegenteile, ein Mutterland geschaffen werden, das diese wandernden Kinder an die nährende Mutterbrust nehme. Mag es das alte Mutterland Zion, mag es ein Pflegemutterland anderswo sein. Aber das eine oder andere, jedoch uns gehörende Territorium ist zur schreienden Notwendigkeit geworden. Der Begriff „Territorium". Dies führt uns auf das Wort „Territorium". Nun denn, unter Territorium versteht die „Jto" wirklich ein Territorium und nicht lange nationale Reden, Debatten, Klubs, Vereine, Picknicks und Tanzunterhaltungen. Wir existieren zu dem Zwecke, ein Land zu bekommen und nicht um einen „Ismus" zu fördern. Aber ich habe bereits betont, daß der Begriff „Territorium" Palästina nicht ausschließt. Die „Jto" hat stets ihre Bereitwilligkeit, an der Entwicklung Palästinas mitzuarbeiten, gezeigt, wenn die Zionisten in der Lage sind, die politischen Sicherheiten zu garantieren. Aber um die Worte einer in einer Synagoge beschlossenen Resolution zu gebrauchen, die „Jto" kann si h nicht dazu bekennen, daß das Schicksal des jüdischen Volkes an ein einziges Territorium gebunden werde, dessen Erlangung unsicher ist. Das wäre, wie die erwähnte Kownver Resolution richtig erklärt, ein Verrat am jüdischen Volke. Wenn aber auch, wie erwähnt, der Begriff „Territorium" Palästina nicyt ausschließt, so gibt es doch Länder, die dieser Begriff ja ausschließt, z. B. England. Es muß ein leeres oder verhältnismäßig unbevölsertes Territorium sein. Wir hegen nicht die Hoffnung — wie das jetzt so beliebt ist — Wege, Eisenbahnen, Docks, Straßen und Häuser mit gedeckten Tischen