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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1907-12-20 · 51 (20.12.1907) · page 3

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
24 (1907)
Issue
51 (20.12.1907)
Date
1907-12-20
Page
– (sequence 3)
Language
German
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Nr. 51 Vr. LilmEs Wochrn-chrM. Seite 843 und wenn man die himmelragenden Größen seiner geistigen und seiner Heldengeschichte betrachtet. Der jüdische Christbaum wird trotzdem brennen. Die jüdische Mutter hält es nicht aus, daß die Kinder vom Hausmeister einen haben und die ihrigen nicht. Und mancher jüdische Vater wird sich zu Mincha tummeln, damit er die Bescherungen nicht stört. Aber wir möchten wenigstens rechtzeitig noch etwas anderes verhindern. Der Christvaum ist mit vielen Süßigkeiten behängt und da soll man acht geben, woher man sie bezieht. Es gibt nämlich neuerdings auch antisemitische Süßigkeiten, das sind die Fabrikate der Firma Stollwerck. Diese großen Chokoladefabrikanten haben kürzlich einem Bewerber die Nachricht zukommen lassen, „daß sie jüdische Reisende prinzipiell nicht anstellen". Das ist selbstverständlich vollständig eine innere Angelegenheit der Firma. Es steht ihr vollkommen frei, Geschäfte zu machen, durch wen sie will und mit wem sie will. Nur sollte man wenigstens erwarten, daß ihr antisemitisches Prinzip auch doppelseitig ist. Es wäre sehr reell, wenn sie von Juden nichts verdienen will und Juden nichts verdienen lassen will. Das kommt ihr aber durchaus nicht in den Sinn. Vielmehr huldigt sie dem berühmten Grundsatz „von ölst" und erzeugt für orthodoxe Bedürfnisse eine Spezialmarke mit der Bezeichnung „koscher". Auch diese läßt sie prinzipiell nicht durch verachtete jüdische Reisende der hochgeachteten jüdischen Kundschaft anbieten. Die jüdische Kundschaft ist nun überaus geduldig. Würde man von einem stillen Antisemitismus bei der Firma Stollwerck Gerüchte hören, so würde man noch immer an einen Boykott nicht denken. Aber die Antwort an den jüdischen Bewerber, daß man prinzipiell keine jüdischen Reisenden anstelle, ist eine kolossale — Herausforderung. Da war wieder einmal der Haß gegen die Juden größer als die Liebe zum Gelde. Der Firma ist es doch freigestanden, den Bewerber aus irgend einem gleichgiltigen Grunde abzulehnen. Sie hat es jedoch für notwendig gefunden, an ihre jüdische Kundschaft eine Kriegserklärung zu erlassen. Wir sind nun sehr neugierig, wer die lagernden Vorräte an koscherer Chokolade eigentlich essen wird. Denn selbst in den jüdischen Häusern, in denen ein Christbaum brennt, wird mau hoffentlich noch etwas- Empfindung für antisemitische Frechheiten haben und den Prinzipien der Firma Stollwerck gebührend Rechnung tragen. Wir werden über ausdrückliches Verlangen der Firma gerne auf die antisemitische Leckerei verzichten. Gi«« Kede Zangmill's. Am 8. Dezember fand in Manchester eine von der dortigen „Jto"-Organifation veranstaltete Massenversammlung statt, die von nahezu 5000 Menschen besucht war. In dieser Versammlung hielt Israel Z a n g w i l i eine sehr bedeutsame Rede, in welcher er, über den gewohnten Rahmen einer allgemeinen Uebersicht über die Lage der Juden hinausgehend, eine Andeutung von dem künftigen Jtoland machte, die seine Rede zu einer Sensation ersten Ranges gestaltete. Bei der großen Wichtigkeit der Ausführungen Zangwills erachten wir es als unsere publizistische Pflicht, die große Rede ihrem ganzen Wortlaute nach im Nachfolgenden zu veröffentlichen, wobei wir uns Vorbehalten, auf dieselbe noch zurückzukommen. Der Resolution, welche mein geschätzter Freund, der Präsident der „Britisch-Jto-Federation" Ihnen vorgelegt und ausführlich begründet hat, schließe ich mich vollständig an. Ich jedoch möchte mich heute mit dem Texte unseres Organisationsprogrammes beschäftigen, es Wort für Wort beleuchten, wie wenn ich ein Prediger wäre, und will nur hoffen, daß Sie dabei nicht einschlafen werden. Unser Programm wurde teils infolge Böswilligkeit, teils infolge Beschränktheit so sehr mißverstanden, daß es notwendig erscheint, der Welt unseren genauen Wortlaut wieder ins Gedächtnis zu rufen: „Die Schaffung eines Territoriums auf autonomer Basis für diejenigen Juden, welche in dem Lande, in welchem sie gegenwärtig wohnen, nicht bleiben können oder nicht bleiben wollen." Wir geben von diesen Grundsätzen auch nicht ein Jota auf und für andere können wir nicht verantwortlich gemacht werden. Mit Ihrer Erlaubnis möchte ich den Schluß des Satzes: „Für diejenigen Juden, welche in dem Lande, in welchem fie gegenwärtig wohnen, nicht bleiben können oder bleiben wollen," zuerst in Behandlung nehmen. Für diejenigen Juden. Nicht für die Juden im Allgemeinen. Für diejenigen, die nicht dort bleiben können oder wollen, wo fie gegenwärtig fich befinden. Nicht für diejenigen, die dort bleiben können oder wollen. Von den Letzteren verlangen wir nur, daß die den anderen helfen. Kein Jude braucht also eine Angst zu haben, daß wir ihn in einen Judenstaat hinüber zu expedieren die Abficht haben. Zwölf Millionen, in alle vier Weltrichtungen verstreute Menschen können in absehbarer Zeit nicht nach einem einzigen Zentrum emigrieren. Das ist ein wilder Traum — verscheuchen Sie ihn! Wir laden keinen einzigen Juden ein, seine Heimat zu verlaffen, unser Material bilden diejenigen, die ihre Heimat tatsächlich verlaffen und den allerschlagendsten Beweis dafür liefern, daß fie nicht bleiben können oder wollen, indem fie auswandern. Unser Problem ist also im jüdischen Auswanderer, im wandernden Juden gegeben. Die Eigenartigkeit des jüdischen Auswanderungsproblems. Der Strom der jüdischen Auswanderung ist, wie Ihnen bekannt, ein gewaltiger, ununterbrochen dahinrollender Strom, der im Gegensätze zum Flusse Sambatjon der jüdischen Legende nicht einmal am Sabbath stillesteht. Der Exodus aus Rußland im Jahre 1906 — nach den großen Pogroms — wurde auf 200.000 Seelen geschätzt. Rumänien, ein anderer Vulkan, speit unausgesetzt Juden aus. Aus Marokko find fie erst in allerjüngster Zeit ausgeströmt. Aus Galizien hat die Ausströmung einen weniger gewaltsamen Charakter, ist aber nicht minder stark. Und selbst aus Palästina kann eine ständige Auswanderung verzeichnet werden. Das von den Juden infolge dieser endlosen Emigration verausgabte Geld überschreitet jährlich die Summe von einer Million Pfund (24 Millionen Kronen), die hinreichen würde, einen kleinen Staat zu finanzieren. Unsere Bewegung ist demnach nicht auf Phantasmagorien aufgebaut worden, sondern auf soliden Tatsachen. Und für dieses schreckliche Problem schlagen wir eine praktische Lösung vor, fie heißt: Jtoland. Es könnte nun Jemand die Einwendung machen, das Problem sei gar kein eigenartig jüdisches. Aus allen Ländern Europas ströme ja eine breite Emigrationsbewegung aus, die auf die Suche nach befferen Lebensbedingungen ausgeht, und so sei auch das jüdische Problem bloß ein Problem ökonomischer Natur wie jedes andere. Nein, meine Freunde! Das jüdische Problem ist eigenartig in feinem Ursprung, eigenartig auf seinem Wege und auch eigenartig in seinem Ende. In seinem Ursprünge — in seinen ersten Stadien im Lande der Verfolgung. Ein rumänischer Jude schrieb mir im August dieses Jahres, mich bittend, die Auswanderung der Juden aus Rumänien doch ebenso zu fördern wie diejenige der russischen Juden. „Wir leben jetzt zwischen den Wallachen wie zwischen wilden Tieren," schreibt er, „von den Dörfern werden wir vertrieben und in den Städten wird uns nicht gestattet, das Haupt zu erheben. . . . Während die Juden in Rußland von den „Schwarzen Hundert" verfolgt werden, haben wir selbst in den kleinsten Städten von den Roten Tausend zu leiden, deren einziger Zweck das Morden und Brennen ist, die es fich zur Ausgabe gesetzt haben, das Land von den Juden zu säubern oder fie durch Pogroms auszurotten." Es ist kein Zweifel, daß sowohl aus Rußland wie aus Rumänien auch ein starkes Kontingent gewöhnlicher, wirtschaftlicher Auswanderung zu verzeichnen ist, aber sicher ist auch, daß es in diesen Ländern eine noch viel stärkere außergewöhnliche Auswanderung gibt, die man Vertreibungsemigration nennen könnte. In die Kategorie der Vertreibungsemigration schließe ich auch jene ein, die selbst in ruhigen Zeiten durch die künstliche administrative Zerstörung der jüdischen Existenzmöglichkeiten hervorgerufen wird. Unser Emigrationsproblem ist auch eigenartig in seinem Verlaufe — auf der Reise. Zu Lande find unsere Emigranten den besonderen Mißhandlungen seitens der Behörden und der Ausbeuter und auf hoher See der schlechten Behandlung seitens der Schiffsmannschaft und unbedeutender Beamten ansgesetzt.

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