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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1907-12-20 · 51 (20.12.1907) · page 2

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
24 (1907)
Issue
51 (20.12.1907)
Date
1907-12-20
Page
– (sequence 2)
Language
German
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Seite m L)r. Llocb s Mocbenscbnrr. Nr 51 klagen, sich zu wehren, sondern stumm und dumpf, wie Tiere in einer Schlachtbank ihr Schicksal erwarteten. Die Gründung des Verbandes hatte neben ihrer tragischen Folge noch eine tragische Nebenbedeutung. Mit ihr trat zum erstenmal der bis dahin nicht vorhandene Antisemitismus des russischen Volkes in die Erscheinung. Eine stille Judenfeindschaft schlummert überall. Zum Aufschießen und Hervorbrechen wurde sie immer künstlich gebracht. In Deutschland, Oesterreich, in Frankreich haben wir das gesehen, in Rußland geschah es jetzt durch die kolossalen Belohnungen und Belobungen für die Räuber des allrussischen Verbandes. Früher konnten die Juden erhoffen, daß sie oder der Fortschritt der Weltgeschichte mit den Tschinowniks schon fertig werden würden, gegen die allein sie ursprünglich zu kämpfen hatten. Als jedoch ein Teil des russischen Volkes, auf dessen menschlichen Beistand sie hofften, sich mit orientalischem Fanatismus, mit asiatischer Barbarei auf die Seite des Feindes schlug, war die Rettung wenigstens um Jahrzehnte hiuausgeschoben. Nur eine letzte Hoffnung noch blieb erhalten, die Hoffnung auf die Duma. Hier konnte man von der Niedertracht der Allruffen und der Regierung an die Einsicht und das Herz der freien Bürger appellieren, hier konnte man seine Klagen vor der ganzen Kulturwelt hören lassen, hier konnte mau das Recht Herbeirusen, welches schließlich auf jede Beschwörung kommt, wenn es auch durch Festuugsmauern durchdringen müßte. Die Wahlen zur dritten Duma kamen und es trat noch eine Erschwerung der jüdischen Lage ein: man wußte die Macht der freisinnigen Parteien geschickt zu schmälern, die der rückschrittlichen zu stärken. Die Juden würden im taurischen Palaste nicht viel Freunde finden. Umso sorgfältiger erwogen sie natürlich, welche ihrer gewiegtesten Redner sie an den sichersten Orten aufstellen müßten, umso kategorischer stellten sie alles Trennende zurück. Denn sitzt haben sie doch nur eine gemeinsame Angelegenheit: Die Wahrung ihres Standpunktes in der Duma vor Rußland und Europa — jetzt hatten sie vor allem eine einzige Aufgabe : Das Regierungssystem der Verfolgung und des Pogroms mit allen Mitteln zu bekämpfen — jetzt hatten sie den großen gemeinsamen Zweck, aus Heloten Bürger zu werden . . . — Aus purem Zufall wurden in die Duma zwei Juden gewählt, einer im hohen Norden, einer im tiefen Süden. Beide ohne jedes jüdische Programm, so wie hier etwa unter den Sozialdemokraten einzelne Juden sind. Der eine hat kürzlich eine Erklärung zugunsten der Juden vorzubringen versucht und wurde von den Allrussen niedergeschrieu, darauf zog der andere seine Erklärung zurück. Die Juden haben in der regierungsfreundlichen dritten Duma, welche durch ihre Zusammensetzung die Herrschaft des Zaren, Stolypins und des Antisemitismus in Rußland auf absehbare Zeit befestigt, keinen einzigen Anwalt, keinen einzigen Verteidiger. Deswegen sind jetzt die verschiedenen jüdischen Parteien sehr böse aufeinander und machen den „anderen" die bittersten Vorwürfe, weil die anderen daran schuld sind. In Wahrheit tragen die große Schuld — eine Schuld, au der sie fast zusammenbrechen — alle jüdischen Parteien in Rußland. Als nämlich die Dumawahleu begannen, da träumten sie nicht einmal von der Einigkeit. Was liegt denn den jüdischen Parteien an den Juden, wenn nur die Parteiprinzipien siegen! Sie vergessen daran, daß alle Juden von einem und demselben Hauptprinzip beherrscht werden, nämlich vom antisemitischen. Dieses Prinzip hat denn auch mit Glanz gesiegt, während alle anderen —isten und —ismen glänzend unterlegen sind. Auf wen sollen wir nun den Zorn haben, wenn in Rußland und anderswo solche himmelschreiende Sünden an dem jüdischen Volke geschehen? Aus uns selbst. Wir befassen uns zu wenig mit Politik, wir werden in unserer Gedankenlosigkeit die Beute des nächstbesten Wahlagitators, statt in unserem Gewissen die heilige Pflicht zu spüren, daß unsere Stimme als ein Teil der Verteidigungskraft unseres Vvlk.s sorgfältig zu verwenden ist. In Rußland führte Ahasvers alter Fluch, die Uneinigkeit, zu einer Katastrophe, bei uns nur zu schweren Verlusten jüdischer galizischer Mandate an erklärte Antisemiten. Und doch wäre es ein Leichtes gewesen, einen geschlossenen Trupp jüdischer Abgeordneter ins Parlament zu entsenden, der die gewiß löbliche Tätigkeit und ausgezeichnete Wirksamkeit des jetzigen jüdischen Klubs bedeutend erhöht hätte. Die Möglichkeit dazu war vorhanden. Jetzt kann man ja von einem ziemlich öffentlichen Kulissengeheimuis aus der letzten Wahlkampagne erzählen. Eine sehr bedeutende jüdische Korporation in Prag hatte durch Vermittlung einer verwandten Korporation in Wien — ob durch den Eindruck einer Artikelserie „Einigkeit!" in unserem Blatt, wollen wir dahingestellt sein lassen — kurze Zeit vor den Wahlen den Zusammentritt der bedeutsamsten jüdischen Körperschaften der diesseitigen Reichs- Hälfte in Wien veranlaßt. Selbstverständlich meinten die Prager Herren und jeder Vernünftige, daß eine so groß angelegte Operation geschehe, um den jüdischen politischen Besitzstand zu erhallen. Wie es geschah, ist unbekannt — Faktum aber ist, daß in dieser so kritischen Zeit die mächtigen Versammelten beschlossen, gemeinsam — jüdische Wohltätigkeit zu betreiben. Und so schläft die große Sache heute noch tief und fest. Wie leicht hätte diese Versammlung als Zentralkomitee für die jüdischen Wahlgebiete fungieren, die Regierung gegen galizische Räuberhauptleute mobilisieren können, wie leicht war es für sie, dafür zu sorgen, daß gute Juden die Juden vertreten, nicht Antisemiten und nicht fossile Kandidaten, die sozusagen mit schwarz-rot-goldenem Talles dastehen, Hohn und Beleidigungen herausfordernd und einheimsend. Nun werden wieder Wahlen kommen und wieder Gelegenheiten, welche die Einigkeit der Juden erfordern. Da kann der Wille der Wähler zur jüdischen Eintracht den Weg zu den großen Korporationen finden. Ein politisches Zentralkomitee der österreichischen Juden, ohne Jntriguen, nur voll Sorge für die Juden ist nach den Lehren der dritten Duma, nach den Lehren der jüngsten Ereignisse erforderlich. Nicht als ob der Streit der Prinzipien ruhen sollte. Kampf ist Leben und Entwicklung — aber er ist verbrecherisch, wenn die Gesamtjndenheit den Preis bezahlt. Die Judenschaft muß sich machtvoll zu vereinen wissen, wenn gerufen wird: hoch Lueger! oder hoch Stolypin. Etwas »am jüdischen Christiraum. Er wird sicher brennen. Die Affenliebe mancher jüdischer Elte-n wird nicht bedenken, daß der leuchtende Christbaum eine brennende Lüge ist, die sie der Seele ihrer Kinder eiuimpfen. Zur Kindererziehuug gehört manchmal Unnachgiebigkeit, in diesem Falle aber ganz besonders. Das zu beweisen, ist Logik nicht notwendig, dazu genügt die einfachste Moral. Im Namen der christlichen Religion sind wir Juden mit allen Qualen und Beleidigungen jahrhundertelang überschüttet worden. Nur eine knechtische Gesinnung wird es vermögen, Gebräuche nachzuahmen, für deren Ablehnung unsere Ahnen alle Foltern ertragen haben. Man braucht durchaus nicht daran zu glauben, daß die Kleinen untröstlich sind, wenn sie ihre Bescherung nicht bekommen. Die Kinder sind besser als wir, und wenn wir ihnen mit den richtigen Worten den Stolz auf ihr Judentum beibringen, so verzichten sie gerne auf die bunten Lappalien. Viele Eltern sind nicht gewillt und nicht fähig zu diesen Worten. Sie haben selbst nicht Stolz und Liebe für ihr Judentum. Aus dem Grunde, weil sie ein mürrisches und gedrücktes Volk sich abquälen sehen, ein Volk, das in seiner Aermlichkeit das ästhetische Auge durchaus nicht entzückt. Aber zu welcher Titanengröße wächst der kleine Jude empor, wenn man die Flut der schönsten und größten Gedanken in seinen heiligen, von seinen Vätern verfaßten Büchern liest

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