Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 24 (1907)
- Issue
- 50 (13.12.1907)
- Date
- 1907-12-13
- Page
- – (sequence 17)
- Language
- German
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Nr. 50 Dr. Viocö s Mocvenscdrln. Seite 837 Feuilleton. Der Kaaitrschunioh. Bon Dr. F. Rich. Heinschel. (Fortsetzung.) „Schwester Frieda, Du willst mich verlassen und ich bedarf doch Deiner jetzt nötiger als je." „Ich kann nicht, Pia, glaube mir, ich kann nicht bleiben. Wie, wenn Harry zu Dir zurückkehren würde?" „Harry wird niemals wiederkehren; das Religionsgesetz verbietet uns jede Gemeinschaft." „Hat Dich denn unser Hausarzt nicht über die Vorgänge in unserem Hause unterrichtet, Dir nicht meinen Namen genannt?" fragte Pia? „Der Doktor erzählte mir kleine Einzelheiten, sprach von einem tiefen Zerwürfnisse, verbat mir und allen Hansleuten vor Dir jemals von Deinem Gatten zu reden. Er sprach nur von einer Tochter des Herrn Bergmann und deren Kind; den Namen Deines Galten nannte er aber nicht. Als ich Dein Haus zum ersten Male betrat, war es bereits dunkel, so daß ich ein Schild am Hause — das Dein Gatte abzunehmeu vergessen — nicht bemerkte nud heute verließ ich zum ersten Male das Haus. Als ich am ersten Abend das Krankenzimmer betrat, war ich wohl über Ruts Aehnlichkeit mit einer mir einst teuren Persönlichkeit frappiert, doch bei der schweren Aufgabe, die meiner harrte, hatte ich daran bald vergessen. Seitdem Rut wieder gesund und rote Wangen hat, tritt diese Aehnlichkeit auch nicht mehr so zu Tage. Ich kam durch meinen Beruf viel in fremde Häuser und hatte es mir zum Prinzipe gemacht, mich mit den Dienstboten in Gespräche über die Herrschaft nicht eiuzulassen, das habe ich auch in diesem Hanse gehalten, dadurch konnte ich viele Monate in diesem Hanse sein, ohne auch nur den Namen Deines Gatten zu erfahren. Ich erkundigte mich bei der alten Frau, welche die Wirtschaft führte, nur über die rituellen Verhältnisse im Hanse, und nachdem ich gesehen hatte, wie strenge sie das Neligivusgesetz handhabe, wie minutiös und pünktlich sie, erlaubt und unerlaubt, es einhält, konnte ich beruhigt in diesem Hause bleiben.- Wie konnte ich auch darauf verfallen, daß ich mich in Harrys Haus befinde? Harry war ja ein Ungläubiger und dieses Haus ist streng religiös. Ich konnte ja an jeden Andern eher denken, als an Harry." „Harry und ich lebten auch nicht nach den jüdischen Satzungen", antwortete Pia. „Das schwere Heczleid ließ ihrr den Weg zur Religion zurückfinden, machte auch mich wieder zur gesetzestreuen Jüdin." „Harry hat sich schwer an Dir vergangen und ich will das, was er an Dir gefehlt, sühnen; damit hoffe ich einen Teil der großen Sünde, die ich gegen Gott und meinen Gatten begangen, zu tilgen. Vielleicht verzeiht mir Harry einst Deinetwillen, damit ich dereinst nicht so schuldbeladen vor dem Richterstuhle Gottes erscheine. Also bleib bei mir, geh' nicht von mir. Ich fühle mich auch zu schwach, um Rats Erziehung zu leiten, es ist ja doch auch Harrys Kind; tue es ihm zuliebe und bleib. Du sollst meine Schwest«r, meine Beraterin sein, sollst mir helfen, all das zu erreichen, was ich anstrebe, sollst einen Teil der für meine Schultern zu schweren Lasten mir abnehmen; Du erwirbst Dir damit des Himmels Segen." Und Frieda blieb. IV. Im untersten Winkel der Synagoge orthodoxer Richtung der Residenzstadt stand ein Mann in seinen Gebetmantel gehüllt. Das Gesicht an die Wand gedrückt, weinte und seufzte er, und wenn er die Faust an die reumütige Brust schlug, tat er es mit einer Innigkeit, die den Zuschauer andächtig stimmte. So stand er jeden Morgen. Der große stattliche Mann mit dem schneeweißen Bart und und Haar und dem jugendlichen Gesicht war der fünfundvierzigjährige Porträtmaler Chajim Rosen, der auf der Höhe künstlerischer Vollendung stand. Zwischen Wollen und Können steht ja eine unüber. brückbare Kluft; nie vermag der Künstler das, was er im Geiste empfunden, was in seinem Hirne eingeprägt, so darzustellen, wie er es empfunden; das Können bleibt immer hinter dem Wollen zurück. Je näher der darstellende Künstler der Wirklichkeit kommt, desto vollendeter ist sein Schaffen; je wahrheitsgetreuer die Hand das vollführt, was im Geiste empfunden ward, desto größer ist das künstlerische Empfinden; je geringer der Abstand Wischen Wollen und Können, desto größer ist die künstlerische Vollendung. Von Chajim Rosen konnte man sagen: was auf seine Netzhaut sich eingeprägt, seine Hand vollsührte es. Er war ein Künstler von Gottes Gnaden und sein Atelier war stets von Kunstkennern überfüllt, er brauchte niemals auf Aufträge zu warten. Und doch war er in seinen Ansprüchen so bescheiden und anspruchslos, hatte so geringe Bedürfnisse, trotz des reichlichen Einkommens. Sein Atelier im vornehmsten Stadtviertel, war luxuriös ausgestattet; er selbst bewohnte ein Mansardenstübchen, in welchen ihn im Sommer die Gluthitze und im Winter drr Frost verzehrte. Er ging stets schwarz gekleidet und nur in seinem Atelier vertauschte er den dunklen Gehrvck mit dem Flausrock und den schwarzen Hut mit einem Samtbarett. Der Kreis seiner Bekannten war ein großer; in seinem Atelier war stets eine große Zahl Neugieriger, aber auch feiner Kunstkenner zu finden. Chajim blieb aber allen nur der freundliche liebenswürdige Mann, gegen jedermann voll Wohlwollen; denn unter allen seinen Bekannten hatte er keinen Freund. Er sprach nie von seiner Vergangenheit, war gegen alle verschlossen und man wußte es bereits, daß er jeder Einladung auswich. Er galt als feingebildeter Mann, der nicht allein in seinem Fache tüchtig und vollendet, der vielmehr auf allen Gebieten des Wissens heimisch war; doch er galt bei allen als Sonderling. Einen Frcund nur hatte er, dem er sein ganzes Leben offenbarte, das war der greise Rabbiner der orthodoxen Gemeinde, Rabbi Salmou. So oft es seine Zeit erlaubte, saß er zu den Füßen des großen Gelehrten, der im Meere des Talmuds eifrig forschte. Die Sabbath- und Festtagsmahlzeiten, die von Thoraworten gewürzt waren, nahm er an dessen Tisch ein. Er war aber auch ein teilnehmender, helfender Freund aller Armen und Bedrängten. Er hatte ein großes Einkommen und seine Bekannten hielten ihn für einen Knicker und Geizhals. Allein wie gut legte er sein Vermögen an. Wie vielen Familien war er Ernährer, wie viele kleine Kaufleute konnten nur mit seinem Gelde ihre Familien ernähren! Und alle diese zahllosen Wohltaten übte er im Geheimen. Jeder, dem er eine Wohltat erwies, mußte unverbrüchliches Schweigen versprechen, keiner durfte auch nur ein Dankeswort aussprechen; ich danke ihnen, war eine stereotype Redensart bei ihm geworden, so oft ein Armer ihm Dank abstatten wollte, weil er durch ihn das Zdokol- Gebot ausüben konnte. Und wie viele Notleidende wußten gar nicht, daß der Künstler Rosen ihr Erretter war? War ja doch auch Rabbi Salmon sein Almosenier, durch den er zahlreiche Wohltaten üben, verschämten Armen reiche Gaben zukommen ließ. So lebte Rosen fast ein Jahrzehnt in der Residenzstadt, Niemand, mit Ausnahme von Rabbi Salmon, ahme, woher er kam, wer er war. Es war an einem kalten Wintertage, Chajim Rosen verzehrte eben sein frugales Mittagwahl, da klopfte es an seiner Thüre. „Otffnen Sie, H \x Doktor," ruft eine Stimme, welche Rosen mit Entsetzen als die Stimme Rabbi Salmons erkannte.