Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 24 (1907)
- Issue
- 50 (13.12.1907)
- Date
- 1907-12-13
- Page
- – (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 833 Dr. Llocvs Mocdensorirr. Nr. 50 Diese Zwiespältigkeit war kaum zu verstehen. Es ist dieselbe originelle Discrepanz, die im Buche Juda selbst zum Ausdrucke zu kommen scheint. Dieses Buch ist nämlich von Lilien, dem jüdischesten aller lebenden Künstler, illustriert. Die Lettern des Wortes Juda find deutsch, scheinen aber auf den ersten Blick hebräisch, ein Sinnbild des ganzen Werkes. Münchhausens Dichtungen sind eingefaßt, umrankt, ja, ich muß sagen, glorifiziert von diesen seltsamen Zeichnungen im einfachen Schwarz-Weiß. Und doch ist alles einheitlich in diesem Buche, sowie in diesem Dichter aus altdeutschem Geschlecht, das sich mit einem jüdisch - nationalen Künstler vereinigt hatte, um eines der schönsten Bücher der letzten zehn Jahre zu schaffen. Münchhausen ist kein alltäglicher „Judenfreund", kein Freund billiger Phrasen von Gleichheit aller Menschen und Gleichberechtigung aller. Baron Münchhausen ist A r i st o k r a t vom Scheitel bis zur Zehe, stolz auf sein Geschlecht und dessen bis ins dreizehnte Jahrhundert nachweisbaren Stammbaum. Was ihm der Aristokrat alten Blutes unter den Zeitgenossen bedeutet, ist ihm das jüdische Volk unter den Nationen. Baron Münchhausen legt Wert auf manche standesgemäße Empfindung, die man leichthin Härte nennen möchte, wenn nicht aus seinen Dichtungen soviel reines Menschentum, soviel Anteilnahme an fremden Geschick herausleuchten würden. Der angenehme Zufall wollte es, daß ich mit Baron Münchhausen in seiner Heimatsstadt Hannover zusammen vorlesen durfte. Er war von seinen Gütern in der Nähe von Leipzig nach Hannover gefahren, um an diesem Leseäbend des Vereines „Zion" mitzuwirken. Damals las er auch ein Gedicht, zu welchem ihm die Pogrome in Rußland den Stoff geliefert hatten. Es war das Allerrührendste, was zur Erinnerung an diese traurigen Tage geschrieben wurde. Es war noch im Manuskript rasch entstanden im Augenblick des Mitempfindens kurze Zeit nach den ersten Nachrichten über die Schreckenstage. Doch nun zurück zu dieser Vorlesung, die einen starken Erfolg des Dichters bedeutete, einen Erfolg, der in den wichtigsten Tagesblättern ein klares Echo gefunden hat. Der Epilog war schöner als der Prolog, denn die Zeitungen hatten als Einladung nur karge Notizen gebracht, so daß der Saal, wie schon erwähnt, nicht sehr voll war. Jene Kreise, die das zahlreichste Publikum geliefert hätten, wußten von dieser Vorlesung überhaupt nichts. Wenn Börries von Münchhausen wieder nach Wien kommen will, dann wird er in einem großen dichtgefüllten Saal vor dem besten Publikum unserer Stadt lesen und alle Ehren sollen ihm werden, die sein ernstes Streben, sein starkes Können und sein vornehmes Wesen verdienen. H. I o r k-S keiner. Aufruf au unsere Glaubensgenoffen, insbesondere an die ehemaligen Schüler israelitischer Schulen! Motto: „Edel sei der Mensch, Hilfreich und gut. (Goethe.) Ein Volk ohne Religionsunterricht verwildert. (Jesaias.) Im Vordergründe der öffentlichen Diskussion in den Kultusgemeinden Böhmens stehen gegenwärtig die Altersversorgung der israelitischen Lehrer und der Religionsunterricht. Es erscheint daher nur natürlich, daß die israelitischen Lehrer, gestützt auf ihr pädagogisches Wissen und auf ihre reichen Erfahrungen, auch ihre Stimme vernehmen lasten in der Zuverficht, daß ihr Ruf in den Herzen aller Glaubensgenosten einen Wiederhall finden werde. Es steht wohl außer Frage, daß jeder Lehrer, ohne Unterschied der Konfession, nach 4Ojähriger Dien st zeit Anspruch auf Altersversorgung hat. Trotzdem gibt es, man sollte dies für unmöglich halten, eine ganze Kategorie von Lehrern, die von diesem selbstverständlichen Rechte gänzlich ausgeschlossen sind. Es sind dies die an den von Kultus gemeinden erhaltenen Privatschulen wirkenden Lehrer. Petitionen an den Landtag, Reichsrat und an die kompetenten Behörden blieben erfolglos, da der starre Wortlaut des Gesetzes nur Lehrern an öffentlichen Schulen, nicht aber solchen an Privatschulen eine Pension zuerkennt. Die jüdischen Lehrer schritten also zur Selbsthilfe und gründeten, unterstützt von der Repräsentanz der böhmischen Landesjudenschaft, anläßlich des 25jährigen Regierungsjubiläums Sr. Majestät, der auch seinen erlauchten Namen führt, einen Pensionsverein mit der Bestimmung, daß die Normalpe nsion nach 40 Dienstjahren 1200 Kronen z u betragen habe, ein gewiß bescheiden zu nennender Betrag, wenn man bedenkt, daß die Lehrer der öffentlichen Volksschule es zu einer dreifach höheren Pension bringen. Allein trotz des nun 35jährigen Bestandes vermag dieser Verein doch nur eine Quote von 40 Prozent, das sind 480 Kronen jährlich zu gewähren, eine Quote, welche wegen immer stärker werdender Inanspruchnahme der vorhandenen Mittel vorausfichtlich tiefer sinken muß. Ein Kommentar zu diesem beispiellosen, himmelschreienden Unrechte, das an den wohlverdienten, durch Nahrungssorgen und aufreibende Berufstätigkeit erschöpften jüdischen Lehrern begangen wird, ist überflüssig. Es ergeht somit an alle unsere Glaubensgenossen, insbesondere an die ehemaligen Schüler israelitischer Schulen, die an denselben die erste Grundlage zu ihrer späteren Lebensstellung erhalten haben, die dringende Bitte: durch eine einmalige größere Spende oder durch Jahresbeiträge oder durch Spenden bei freudigen und traurigen Anlässen demselben zu Hilfe zu kommen, damit endlich dieses eminent humane Werk, dessen Grund st ein zum 25j ährigen Regierungsjubiläum unseres Kaisers gelegt wurde, seinen Ausbau mit dem 6Ojährigen Jubiläum des Monarchen erhalte. Glaubensgenossen! Ehemalige Schüler und Schülerinnen! Diesen Aufruf beherzigen, heißt nichts anderes, als eine alte Ehrenschuld an Euere Jugendbildner abtragen. Bedenket aber auch, daß die Kultusgemeinden Böhmens nur dann auf einen Nachwuchs von befähigten Religionslehrern und Lehrern rechnen können, wenn unser Pensionsverein kein Torso bleibt, sondern ausgebaut wird. Schon macht sich ein fühlbarer Mangel an befähigten Lehrern bemerkbar, noch eine kurze Zeit, und der größte Teil unserer Heranwachsenden Jugend wächst ohne fachmännischen, ja überhaupt ohne jeglichen Religionsunterricht heran. Daß dies ihren moralischen und sittlichen Verfall, ja ihre intellektuelle Degeneration zur Folge hätte, das wird wohl niemand bezweifeln. Der Pflicht, diesem unausweichlichen Uebelstande durch Leistung eines kleinen materiellen Opfers vorzubeugen, wird sich wohl keiner unserer Glaubensgenossen, insbesondere unsere ehemaligen Schülerinnen und Schüler entziehen. Spenden und Beitrittsanmeldungen, die an den Unterzeichneten Verwaltungsausschuß in Prag zu richten sind, werden sofort bestätigt, in den Tagesblättern ausgewiesen und im nächsten Jahresberichte veröffentlicht. Spenden von 1000 Kronen werden im Jahresberichte durch ein Ehrenblatt verewigt werden. Prag im Dezember 1907. Zur Gründung von Pensionen Kaiser Franz Josephs Jubiläumsverein für israelitische Lehrer, deren Witwen und Waisen in Böhmen. Der Verwaltungsausschuß: Oberlehrer Siegmund Springer, dzt. Geschäftsleiter; Advokat Jur-Dr. Siegmund Schneider, dzt. Obmann; Dr. Alexander Kisch, k. k. Professor, Obmann-Stellvertreter; Advokat Jur.-Dr. B. W o l l i n, dzt. Kassier. Mitglieder des Verwaltungsausschustes: Advokat Dr. Heinrich Rosenbaum, Mitglied der Repräsentanz der Landesjudenschaft; Rabbiner Max Freund, Bodenbach; Rabbiner Leopold Thorsch, Schlan; Rabbiner S. A b e l e s, ^Mov; Oberlehrer Moritz Zimmer, Beraun.