Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 24 (1907)
- Issue
- 50 (13.12.1907)
- Date
- 1907-12-13
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
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Nr 50 Sr. Bloches WochrnsrtzrtN» Seile 829 untergrub, die hingebende. ielbftlose Ovferwilligkeit, mit der Dr. Hciffkin ueqcn die Pest arbeitete, ist eine unsterbliche Helder tat Ter gewesene Vizekönig von Indien und gegenwärtige Kanzler der Oxforder Universität, Lord Curzön, bat bei verschiedenen Gelegenheiten wiederholt erklärt, daß die Geschichte Indiens mit dem aus Rußland stammenden jüdischen Gelehrten eng verknüpft bleiben werde." Es ist in der Tat eine Ironie des Schick'als. daß dieser jidische Vorkämpfer der Wissenschaft, der sein ganzes Wssin und Können in dem entleaensten Winkel der Welt in den Dienst der Humanität gestellt hat, aus Odessa stamnit, jener unmenschlichen, ruchlosen Stadt, wo seinen Glaubensbrüdern die einfachsten Menschenrechte vorenthalten und in grausamster Weise hingewordet werden. Von einer allegyprischen Jndengemeinde erzählen Papyrusurkunden. die Otto R n b e n s o h n in den Trümmern Elephantines aegenüber Assuan unterhalb der Nilschnellen gefunden hat. Sie erläutern zugleich unklare Stellen des Alten Testaments, der Bücher der Chronik mit Esra und Nchemia, sind also ei» wichtiger Beitrag zur jüdischen Geschichte von». Anstreten Nehemias bis auf Alexander den Großen. Wir entnehmen darüber der musterhaften Uebersetzung und Erklärung Ednard Sachaus in den Abhandlungen der kgl. preußischen Akademie der Wissenschaften (vom 10. Oktober) folgendes: In Jeb, der egyptischeu Grenzfestung gegen Nubien, die die Griechen später Elrphantine nannten, wurde neben andern Gottheiten der widderköpfige Chnnm oder Hnub verehrt. Als Kambyses 525 Egypten erobert hatte, suchte er die egyptischeu Götter zurückzndrängeu, und wie sein Vater Cyrus die Juden gegen die Babylonier begünstigt hatte, spielte Kambyses sie gegen die Egypter aus. Auch in Jeb schützte er die Juden und ihren Tempel gegen die Egypter und die Priester des Chuum. Seine Nachfolger behielten diese Politik bei. Unter Darius II. (424 bis 405) war in Jeb Statthalter Arsam, den der aus Xenophons Zehntausend jedem beffern Sekundaner bekannte Arzt und Geschichtsschreiber der persischen Könige Ktesias Arxanes nennt. Papyrus I sagt nun: „Im Monate Tammuz im Jahre 14 des Königs Darius, als Arsam fortgezogen und zum König gegangen war, machten die Priester des Gottes Hnub in der Festung Jebmit Waidrang, der hier Statthalter war, eine geheime Vereinbarung folgender Art: Den Tempel des Gottes Jahu in der Festung Jeb soll man von dort entfernen. Darauf schickte jener Waidrang Briefe an seinen Sohn Nephajan, der Heeresoberster in der Festung Syene (oberhalb der Nilschnellen) war . . . Dann führte Nephajan Egypter herbei samt anderm Kriegsvolk; sie kamen nach der Festung Jeb, drangen ein in jenen Tempel und zerstörten ihn bis auf den Boden." Aber das Strafgericht blieb für Waidrang nicht aus. Leider deuten es die Schreiber der Urkunde, „Jedonjah und seine Genossen, die Priester in der Festung Jeb". nur an mit den Worten: „Man hat die Fußkerte von Waidrangs Füßen entfernt, und alle Schätze, die er erworben hatte (nach Zeile 12 die geraubten goldenen und silbernen Tempelyeräte) sind zugrunde gegangen Und alle Leute, die jenem Tempel Böses gewünscht hatten, alle sind getötet, und wir haben es zu unserer Genugtuung nicht angesehen." Der jüdische Tempel in Elepbantine wurde aber mit sofort wieder aufgebaut. Am 20. Marcheschwan im Jahre 17 des Königs Darius, also ü74 Jahre nach der Zerstörung — der Marcheschwan ist der zweite, der Tammuz der zehnte jüdische Monat — im Jahre 408—407 also schreiben Jedonjah und Genossen in dem von Rubinsohn im Archiv der jüdischen Gemeinde in Elephantine gefundenen Briefe an den Statthalter von Judäa, Bagohi: „Auch früher, zur Zeit, als dies Unheil uns zugefügt worden war, haben wir einen Brief geschickt an unser« Herrn sowie au Jehohanan, den Oberpriester, und seine Genossen, die Priester in Jerusalem, und an seinen Bruder Ostan, d i. Anani und die Aeltesten der Inden. Eine Antwort haben sie uns nicht geschickt." Weiter heißt es in Zeile 29: „Auch haben wir insgesamt über die Angelegenheiten in einem Briefe in unserm Namen dem Delajah und dem Schelemjab, den Söhnen des Sanaballat, des Statthalters von Samarir. Nachricht qegebeu. Auch hat Arsam von all dem. was man uns ang ton hat, keine Kenntnis gehabt." Nach Papyrus III verweisen Bagohi und Delajah die Boten Jedonjahs an Arsam in Egypten. Sachau nimmt au, dieser sei erst in der Zeit zwischen dem Abgang und der Rückkehr des Boten nach Egypten zurückgekommen. Auch wenn man diese Annahme gelten läßt, erscheint die weitere Vermutung ansprechend, daß die jüdischen Priester Elephantines sich über Arsam hinweg an die persischen Statthalter in Judäa und Samaria und den Hohenpriester in Jerusalem wandten, wert alle drei Juden und zum Teil mit einander verwandt waren Beides bewiesen zu haben, ist eben ein Hauptverdienst Sachaus. Daß Bagohi, den Josephus (Jüd. Altert XI. 7) B-rgoa nennt, später Jehohanans Feind war, Werl dieser Baxoas' Günstling, Jehohanans Bruder Jesus, im Tempel zu Jerusalem erstochen hatte, widerspricht der Annahme ebensowenig, wie daß Sanaballat von Samaria früher Nehemias Feind bei der Wiederaufrichtung der jüdischen Gemeinde in Jeruralem gewesen war. Wahrscheinlich gehört Bagohi zum Geschleckte des Bigwai, des Hauptes eines aus der babylonischen Gefangenschaft zurückkehreuden jüdischen Stammes. Daß der Name dem Persischen angeglichen ist, nimmt nicht wunder. Führt doch Jehohanans Bruder Anani neben diesem seinem jüdischen Namen noch geradezu einen persischen — Wir sehen, welche Wichtigkeit das von Rubensohn an der nubischen Grenze aufgedeckte jüdische Archiv für die biblische Geschichte gewinnt. Tie Sprache der Urkunden ist nach Sachau iu alle» wesentlichen Terlen gleich der der aramäischen in den Büchern Esra und Daniel, und ihr Wortschatz bietet nahe Berührungen mit der der amtlichen Urkunden im Esrabuche. Sie handeln von dem Wiederaufbau eines zerstörten Tenipels, wie alle Urkunden bei Esra von dem Wiederaufbau des Teinpels und der St dtmauern Jerusalems handeln. Hoffen wir, daß Dr. Rubensohn die Mittel zu weitern Ausgrabungen zur Verfügung gestellt werden! Neuerliche jüdische Kalakomberrfrrnde In der letzten Sitzung der Academia Romana di Archäologia erstattete Professor Marucchi den Bericht über die neuesten Ausgrabungen jüdischer Katakomben in Rom. Die ersten Funde jüdischer Katakomben hat im Jahre 1602 der berühmte Archäolog Antonio Bosio auf den Hügeln von der Montev-rde, unweit der jetzigen Eisenbahnstation Trastevere gemacht. Bosio hat hierüber in seinem bekannten Werke „Uoma Lubtsrranka" ausführlich berichtet. Diese Fundstelle geriet später in Vergessenheit und mehrere Versuche, zuletzt durch die Archäologen Marchi und De Ryssi, sie wieder aufzudecken. blieben erfolglos. Vor zwei Jahren nun ist man während des Weinbaues zufällig wieder auf sie gestoßen. Bei dieser Gelegenheit wurden nicht weit von der bezeichneten Stelle mehrere Gerätschaften, wie römische Leuchter, Glasstücke, Elfenbeinschnitzereien, Ringe, Amulette, die Schaufel eines Totengräbers, mit Aufschriften versehene Grabsteine re. gefunden. Hierauf wurden die Grabungen unter fachmännischer Aufsicht systematisch fortgesetzt. Nach dem Berichte des Professors Marucchi befinden sich diese neuesten Funde in sehr vernachlässigtem Zustande, so daß eigentlich nichts anderes geblieben ist, als die geschriebenen Grabsteine, welche in einer eigenen Abteilung des Lateranischen Museums eingemauert werden. Die Inschriften der meisten Grabsteine find in griechischer Sprache gehalten, über die Aufschrift ist zumeist die siebenarmige Menorah oder irgend ein anderes jüdisches Symbol eingestochen. Manche Inschriften verraten auch das Amt, welches der Verstorbene bei dem Staate oder der jüdischen Gemeinde bekleidete. Interessant ist auch eine lateinische Inschrift in Versen, Marucchi spricht die Zuversicht aus, daß die weiteren Grabungen jüdische Katakomben aus dem ersten Jahrhundert der christlichen Zeit zutage fördern werden, obgleich der älteste der bisherigen Funde nicht über das vierte Jahrhundert unserer Zeitrechnung hinausreicht. In Trastevere hat schon zu Pompejus, sogar zu Augustus Zeiten eine jüdische Kolonie bestanden, deren Bewohner aber fast lauter arme Juden waren. Dieser ältere Teil muß noch aufgedeckt werden. Da die Judenchristen zur Zeit der Zerstörung Jerusalems im Jahre 70 u. z. noch als zur Synagoge gehörig gedacht werden können, so dürften die weiteren Ausgrabungen auf diesem Gebiete noch manchen interessanten und wertvollen Fund ans Licht bringen. Antisemitismus und Antiklerikalismns. Anatole Leroy-Beaulieu schreibt in der letzten Nummer des „Eveil dömocratique“ über den Zusammenhang des französischen Antisemitismus mit der „Kirchenverfolgung" in Frankreich: „Man fragt sich oft. woher in unserem Frankreich der Mißerfolg der weitausschauenden Politik Leos XIII. und die Gehässigkeit der antichristlichen Bewegung und der antireligiösen Leidenschaft kommt. Sie haben zu einem großen Teil ihren Ursprung in den Ausfällen des Antisemitismus. Der fanatische Kreuzzug gegen die Juden und gegen die Protestanten, die Absicht, mehr als ein Jahrhundert nach der Revolution, der religiösen Einheit die nationale Einheit unterzuordnen, haben sich jetzt gegen die Katholiken gewandt. In einem so mannigfaltigen und aufgeregten Lande wie dem unseligen erregt man nicht ungestraft die konfeffionellen Leidenschaften und die wilden Kräfte des Fanatismus. Die Intoleranz erweckt die Intoleranz, und ich habe schon vor zehn Jahren, leider vergeblich, meinen Hörern im „Inotitut catholique“ gepredigt, daß der Antisemitismus den Antiklerikalismus nach sich ziehe.