Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 24 (1907)
- Issue
- 49 (6.12.1907)
- Date
- 1907-12-06
- Page
- – (sequence 14)
- Language
- German
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Sette 822 Vr. Llocv's Mlocvenscvrrn. Nr. 49 „Mir ist's, als müßte sich auch in mir der Winter bald wenden." Es kam ein wunderschöner, sommerwarmer Maitag. Zum ersteumale flutete wieder die Sonne in vollen, goldenen Wellen durch das Krankenzimmer, in dem alle Vorhänge zurückgeschlagen waren. Die Kranke hatte ihre Pflegerin in den Garten geschickt. Schwester Frieda sah schlecht aus und bedurfte dringend der frischen Luft. Sie konnte sich ja jetzt auch schon ganz gut allein helfen. Schwester Frieda traute ihr zwar noch nichts zu, doch jene brannte darauf, ihre neugewonnenen Kräfte zu erproben. Sie stand aus und zog sich selber ihren warmen Morgenrock an. Der Luftstrom, der von draußen hereinwehte, elektrisierte sie förmlich. Sie freute sich wie ein Kind über jeden neuen Handgriff, den sie machen konnte. Sie besah sich im Spiegel, ein mageres fremdes Gesicht schaute sie daraus au. Sie sah fast wie eine alte Frau aus; Der Morgenrock hing in losen Falten um ihren Leib, und die Gelenke an den Händen waren so zuni Zerbrechen dünn, doch sie kränkte sich nicht darüber. Sie war ja jetzt gesund, und die Kraft mußte wieder kommen. Und als Schwester Frieda aus dem Garten zurückkehrte mit dem Kinde auf dem Arme, da umarmte sie ihr Kind, ihre ganze Hoffnung und ihren Lebenszweck, und eine Feendenträne stahl sich über die eingefallenen, welken Wangen. In den ersten Tagen des Monates Juni verließ sie gestützt auf Schwester Friedas Arm die Krankenstube, zu einem Gange in den Garten; eine Sehnsucht nach Luft und Sonnenschein kam über sie und wie neubelebt kehrte sie in ihr Zimmer zurück. Wenige Wochen später wagte sie auch schon einen Gang ins Freie und ihr erster Weg, den sie in Begleitung von Schwester Frieda unternahm, führte sie zum Seelsorger des Ortes. Von ihm wollte sie erfahren, wie sich ihr zukünftiges Leben gestalten müsse, wie sie die schwere Schuld abbüßen könne. Frieda wartete im Vorzimmer, während Pia im Sprechzimmer des Seelsorgers war, bis die lange Unterredung zu Ende. Wie neubelebt verließ sie den frommen Seelsorger. Er hatte chr Trost und Mut zugesprochen. Sie hatte wohl schwer gesündigt, doch sie wäre noch jung und könnte durch ein langes Pflichtenleben die schwere Schuld sühnen. Eine Wiedervereinigung mit ihrem Gatten wäre nach dem Religiousgesetze unzulässig, doch können sie nach Empfang eines Scheidebriefes eine neue Ehe eingehen. Ich will, so antwortete Pia Rosen, meinem Gatten gerne seine Freiheit geben, wenn er eine diesbezügliche Aufforderung an mich ergehen ließe, ich selbst will nie wieder einem Manne augehören, und durch ein Leben der Entsagung meine schwere Schuld abbüßen. Mein ferner Lebensweg ist mir vorgezeichnet, er heißt Pflichtenleben. Mein armer Gatte ist ja verschollen und ich weiß nicht, ob ich ihn je im Leben wiedersehe; doch kann ich die Hoffnung nicht aufgeben, daß sein, unser Kind den Weg zu seinem Herzen wieder findet. Gott ist ja gnädig und barmherzig und wrrd dem Kinde den Vater nicht auf ewig rauben. Dann aber soll mein Gatte sehen, daß ich sein Kind in seinem Sinne und Geiste erzogen, es zu einer tugendhaften echten Jüdin heraugebildet, vielleicht wird er dann auch milder über mich denken. Ich weiß, daß er während der unseligen Zeit meines Fernseins von ihm einen ftreugjüdischen Lebenswandel geführt; das schwere Unglück hat ihm den Weg zu Gott gezeigt, ich selbst werde im Thorageiste leben und unser Kind soll in solcher Gottestreue heranwachsen, daß des Lebens Prüfungen sie niemals au ihrem Gotte irre machen können. Zum Schluffe bat sie den Seelsorger noch, er möge sie zu Wohltätigkeitsakten heranziehen, sie wollte auch mit ihrem Besitze sühnen, was sie einst durch diesen, der ihr jeden Genuß erlaubte, gefehlt. Auf Friedas Arm gestützt trat sie den Heimweg an; die Unterredung mit dem Seelsorger hatte ihre Kräfte doch mehr in Anspruch genommen, als sie gedacht und mit großer Anstrengung nur konnte sie die paar Schritte bis zu ihrem Hause zurücklegen. Als sie an der Haustüre angelangt waren, sah Schwester Frieda ein Schild daran befestigt. Sie las die Worte halblaut: „Dr. Med. Harry Rosen, praktischer Arzt." Dabei wurde sie von einem Schauer ergriffen und begann am ganzen Leibe zu zittern. Pia, die ihren Arm fest umschlungen hielt, geriet in heftige Aufregung und fragte: „Schwester Frieda, was ist Dir" — Frieda redete ihre Pflegebefohlene zuerst als gnädige Frau an, später vertauschte sie auf Pias Bitten diese Anrede mit dem traulichen Du. „Wohnt Dr. Harry Rosen in diesem Hause", erwiderte jene: „Weißt Du den« nicht, daß Dr. Rosen mein Gatte?" Jeder Blutstropfen war aus Friedas Antlitz geschwunden, sie ward geisterbleich. Wie eine dunkle Ahnung ging, es durch Pias Gemüt, sie stand hier vor einem Geheimnisse. Ist Schwester Frieda vielleicht gar Frieda Reich? „Schwester Frieda, wie heißt Du mit dem Familiennamen?" „Reich", antwortete sie; dabei brach sie in heftiges Schluchzen aus. Nun verstand Pia die Gemütserschütterung Friedas. Mit Aufopferung ihrer letzten Kräfte führte nun Pia die am ganzen Leibe zitternde Frieda in ihr Zimmer, bettete sie aufs Sopha und zog sich zurück; sie wußte es aus Erfahrung, solche ein Schmerz tobt sich am besten in stiller Einsamkeit aus. Kaum in ihrem Zimmer augelangt, sank sie selbst ohnmächtig zusammen; sie hatte sich zuviel zugemutet. Das Stubenmädchen labte sie und brachte sie zu Bett; sie verfiel meinen tiefen Schlaf; als sie nach ein paar Stunden erwachte, fühlte sie sich wieder etwas kräftiger, so daß sie nach Frieda sehen konnte. Als sie Friedas Zimmer betrat, war jene gerade mit dem Packen ihrer wenigen Habseligkeiten beschäftigt. (Fortsetzung folgt.) Neue Bücher. Monatsschrift für Geschichte und Wisseuschaft des Judentums. Begründet von Dr. Z. F r a n k e l, fortgesetzt von Professor Dr. H. G r a e tz und Dr. P. F. Frankel, neue Folge, im Vereine mit Professor Dr. David Kaufmann ins Leben gerufen und herausgegeben von Dr. M. B r a n n. Organ der Gesellschaft zur Förderung der Wissenschaft des Judentums. 51. Jahrgang. Heft 9/10. September- Oktober 1907. Breslau. Koebnersche Verlagsbuchhandlung. (Barasch und Riesenfeld.) Inhalt: Ernst Meyer: Die Literatur für und wider die Juden in Schweden im Jahre 1815. I. Eschelbacher: Zur Geschichte und Charakteristik der paulinischen Briefe. (Forts.) Ludwig Blau: Das Alte Testament in der Mischna. I. Baßfreund: Zur Redaktion der Mischna. (Fortsetzung.) S. H o r o v i tz: Der Likro oatta nach dem Jalkut und anderen Quellen. (Fortsetzung.) S. I a m p e l: Der Papyrusfund von Assuan. Besprechung: Wassermann Rud., Beruf, Konfession und Verbrechen. Von Elias Straus. M. Brann: Bibliographische Uebersicht. Unsere Hoffnung. Monatsschrift für die reifere jüdische Jugend. IV. Jahrgang, Heft Nr. 5. November 1907. Redaktion und Administration: Wien, II/3, Scholzgasse Nr. 11. Inhalt: H. Jork-Steiner: Theodor Herzl und die Studenten. Josef M e i s l: Das Amsterdamer Judenviertel. Abraham Reisen: Königreiche der Kinderwelt. Hugo Zuckermann: Und Rahel singt ... Glücket von Hameln: Märchen. Wissenswertes. Rundschau. Bücherschau. Korrespondenzen. Briefkasten.