Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 24 (1907)
- Issue
- 49 (6.12.1907)
- Date
- 1907-12-06
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
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Seile 814 Dü Lloeb's Mscvenscdrm. Nr. 49 Novellisten und Satiriker behaupteten, daß Rothschild hierbei ein glänzendes Geschäft gemacht habe, aber Tatsache ist, daß der päpstliche Staat hierdurch in die Lage versetzt wurde, den Gefahren des Bankrotts länger zu widerstehen. Rothschild genoß damals in Rom fürstliche Ehre«, die sich später wiederholten, als der ultrakatholisÄe Bankier Alessandro Torlonia ihn ein zweitesmal anrief, den päpstlichen Staat von der Gefahr, die Zahlungen ernstellen zu muffen, zu erretten. Ein anderer Israelit, vor deren ehrwürdigen Greisenalter Jedermann in Rom das Knie beugt, ist Samuele Alatri. Er war Mitglied des Gemeinderates von Rom und zu seinen eifrigsten Wählern gehörte Pius IX., der damals den denkwürdigen Ausspruch tat, daß von allen Kandidaten „Alatri der christlichste" war. Leo XIII. galt als Antisemit. Und demnach — welch' merkwürdiges, historisches Zusammentreffen — als Dr. Lueger, der damals noch nicht Bürgermeister von Wien war, an einem österreichischen Katholikentage teilnahm, (zufällig hat soeben auch ein solcher getagt und viel von sich reden gemacht) hatte Leo XIII. den Mut, durch den Nuntius wissen zu lassen, daß, während ihn die Beschlüsse des Kongresses betreffend die historischen Rechte des Papsttums angenehm berührten, er nicht in der Lage sei, seinen Segen zu verleihen denjenigen Intentionen, welche aus der Religion eine Waffe zu einem Biudermorde der Krieger schmieden wollen. ..Fratricida" — Brudermord. war das von Leo XUl. geprägte historische Wort, und mit diesem Worte stigmatisierte er den antisemitischen Furor, de« Dr. Lueger damals zur Durchführung seiner künftigen^ Pläne zu züchten sich anschrckte. Bei Leo XIII. standen auch die Bischofsheims, Oppenheim und andere große auswärtige jüdische Fina..ciers in hohem Ansehen. Der einzige, der seine Gunst niemals erlangen konnte, war Gigione Luzzatti. WaS Pius X. betrifft, so ist es wohl genügend, hervorzuheben, daß der gewesene Pfarrer von Salzam den jüdischen Deputierten Roman in Jacur zu seinen liebsten Freunden zählt, dem er trotz der päpstlichen Grundsätze sehr oft Privataudienzen gewährt,' die stets sehr herzlich verlaufen. Der Papst selbst pflegt es zu erzählen, daß, als er zum Bischof von Mantua ernannt wurde, er sich als armer Canonicus in großer Geldverlegenheit befand. In dieser Situation wandte er sich an den reichen Roman in Jacur um ein Darlehen von 10.000 Lire. Roman in Jacur beeilte sich, die verlangte Summe beizuschaffen uud übergab sie dem Bischof mit der Erklärung, 5000 Lire seien ein Geschenk an den Bischof für die angenehme Stunde, die ihm dieser bereitet Habe, und die zweiten 6000 Lire möge Sr. Eminenz Monsignore Sarto ihm zurückerstatten, wenn er sie beisammen haben und die Rückzahlung ihm nicht schwer fallen werde. Und Pms X. fügte dieser Erzählung scherzend hinzu: „Es war dasselbe, wie wenn er mir die zweiten 6000 Lire auch geschenkt hätte, denn 5000 Lire habe ich seitdem niemals auf einmal beisammen gesehen." Und nun nachdem uns diese historischen Reminiszenzen von Ernesto Nathan und seiner sensationellen Wahl zum Bürgermeister von Rom weitab gebracht haben, möge hier eine Unterredung Platz finden, die Papst Pius X. am Tage vor der Wahl mit einem sehr einflußreichen Katholiken hatte. Der Papst ließ sich von seinem Vertrauensmanne, einem Laien, über das Kompromiß informieren, welche der antiklerikale Block für die Wahlen geschloffen hat. 'Als der Papst erfuhr, daß vereinigte Parteien sich auf Nathan geeinigt haben, und ihm auch die Liste der übrigen Gemeinderäte bekannt wurde, bemerkte er, daß er Ernesto Nathan noch von Venedig her kenne, und fügte traurig hinzu: „Wäre er nicht Freimaurer, so wäre er wohl der beste unter all den übrigen." «Aber er ist Jude, Heiliger Vater!" — wendete der Berichterstatter, der sich der persönlichen Freundschaft des Papstes erfreut, ein. „Jawohl", versetzte Pius X., „aber er ist ein Gentleman", und gab der Unterredung eine andere Wendung. Hiermit schließt der römische Bericht des „Secolo". Rom, 3. Dezember. Die Einsetzung der neuen Gemeindeverwaltung vollzog sich unter großer Begeisterung des Volkes, das den neuen Bürgermeister mit stürmischen Hochrufen empfing. Darauf erörterte Nathan, fortwährend von Beifall unterbrochen, sein Programm, das. unter Hochhaltung der äußersten Toleranz, für Rom eine Aera politischer und wirtschaftlicher Befreiung vom alten Drucke einleiten will. Die erste Sorge der neuen Verwaltung gilt der bisher so sehr vernachläffigten Volksschule, alsdann der rücksichtslosen Bekämpfung der Wohnungs- und Lebensmitteltrusts, die Rom zur teuersten Stadt des Kontinentes gemacht haben. Das Ideal Nathans sei nicht die Pariser Seinepräfektur, sondern das „County Council" in London. Korrespondenzen. Aus der öffentlichen Plenarsitzung des Wiener israelitischen Kultusvorstandes vom Sonntag den 1. Dezember 1907 unter dem Borsitze des Präsidenten Herrn Dr. Alfred Stern. Beginn 10 Uhr vormittags. Im Einlaufe befinden sich Spenden: Von Herrn Professor Dr. Leo Strisower zur Errichtung einer Theophile Kneplerschen Graberhaltungs- und Ausschmückungs-Widmung . K 2000.— Von der Familie Jacques Kreisch, anläßlich des Ablebens des Herrn Jacques Kreisch für die Chewra-Kadischa.K150.— für das israelitische Rekonvaleszentenheim . „ 25.— für den israel. Frauenwohltätigkeitsverein . „ 25.— ,, 200.— Von Herrn Sigmund Löwy anläßlich seines 91. Geburtstages für die Talmud-Thora.K 25.— für das Beth-ha-Midrasch.„ 25.— für die Chewra-Kadischa.. 25.— für verschiedene Zwecke.. 65.— „ 140.— Von Herrn Emil Braun für eine kranke Frau.... „ 58.64 Von Frau Charlotte Klinger zur Verteilung an arme jüdische Frauen. „ 50.— Von Th P. I., Neutorgasse, für wohltätige Zwecke . * 40.— Entnahme der Sammelbüchse im Kemeindetempel Stadt für den israelitischen Fraumwohltätigkeitsverein . . , 2.73 Dankschreiben der Prager Kultusgemeinde - Repräsentanz für die erfolgreiche Intervention des Kultusvorstandes in der Schächtangelegenheit. Dankschreiben des Herrn Baron Albert Rothschild für die Teilnahme des Kultusvorstandes anläßlich, des Ablebens seiner Schwester Frau Baronin Juliette v. Rothschild. Dankschreiben des Herrn Dr. Markus Landau für die Gratulation des Vorstandes anläßlich seines 70. Geburtstages. - . , Dankschreiben .'des ..Kaiserin Elisabeth - Lehrmädchen- '.und Arbeiterinnenheimes für die außerordentliche Subvention der Kultusgemeinde per 1000 Kronen und für das gleichzeitige Anerkennungsschreiben des Kultusvorstandes. Erster Sekretär kaiserl. Rat Dr. Th. Lieben referiert über die Aufteilung der Erträgniffe des Dr. H. S. G o l dschmidt'schen Legates. Baurat Oskar Marmorek hätte gewünscht, daß auch der jüdische Turnverein bedacht worden wäre. Kaiserl. Rat Jonas Weil bemerkt, es sei fraglich, ob gerade diese Zuwendung im Sinne des Testators wäre; er empfiehlt die Unterstützung des jüdischen Turnvereines aus anderen Fanden. Kultusvorsteher Em. Grünwald stellt eine Anfrage, betreffend die Subventionierung der Bibel- und Talmudschule im 21. Bezirke. I. Vizepräsident Dr. Gustav K o h n erwidert, daß die Subventionierung dieser Schule, falls erforderlich, aus den Mitteln des ordentlichen Gemeindebudgets erfolgen würde. Die Anträge wurden einstimmig genehmigt. Kaiserl. Rat Dr. Lieben referiert über die Einrichtung einer zweiten fakultativen Religionsstunde in der zweiten Volksschulklaffe. I. Vizepräsident Dr. G. Kohn betont, daß als das Unterrichtsziel in der Volksschule die Aufgabe anzusehen ist, die Jugend mit der Fertigkeit des hebräischen Lesens auszurüsten, zur Teilnahme am öffentlichen Gottesdienste zu befähigen. Mit einer einzigen Stunde in der Woche ist das Ziel nicht zu erreichen, wir haben deswegen um die Erlaubnis angesucht, eine zweite fakultative Stunde einzuführen, die ausschließlich zur Leseübung im Hebräischen verwendet werden soll. Zur Teilnahme an dieser einstündigen Leseübung wird keinerlei Zwang ausgeübt. Der Landesschulrat hat in Würdigung der vorgebrachten Gründe die angesuchte Genehmigung erteilt und die Mehrzahl der Eltern macht ohne Zwang von der gebotenen Unterrichtsstunde freudig Gebrauch. Nach Genehmigung des Budgets* für die Lehrerbildungs-Anstalt konform den Voranschlägen im vorigen