Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 24 (1907)
- Issue
- 49 (6.12.1907)
- Date
- 1907-12-06
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
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Nr. 49 Dr. Llocb s MocbenscbE. Seite 813 Der Weg zum aktiven Militärärzte ist nunmehr, gleich jenem zum Auditoriate, von einem Cherub mit dem Flammenschwerte bewacht, damit kein Nichtarier eindringe, und sind die noch vorhandenen jüdischen Militärärzte auf den Aussterbeetat gesetzt. Allerdings bleibt es unbegreiflich, warum unsere jüdischen Abgeordneten diese sonderbare Praktizierung der Gleichberechtigung aller Staatsbürger nicht im Parlamente zur Sprache bringe n.*) Dem Nichtjuden erscheint die Aktivierung nicht besonders verlockend, da stets bloß Söhne wohlhabender Eltern sich dem Studium der Medizin widmen und diese finden als Zivilürzte viel beffere Chancen zum Fortkommen, als ihre jüdischen Studiengenossen, da bei Verleihung von Anstellungen stets der glückliche Besitzer eines Taufscheines in Betracht kommt. Ebenso entschließt man sich nur d a n n - zur Konsultierung eines jüdischen Arztes, wenn kein Arier zur Hand ist. Der Mangel an aktiven Militärärzten kann also in absehbarer Zeit kaum behoben werden und die Heeresleitung ist im Begriffe, ein Präventivmittel zu schaffen und eine Reorganisation des militärärztlichen Offizierskorps durchzuführen. In der nächsten Zeit wird eine vom Reichskriegsministerium eingesetzte Kommiffion auf Grund eines umfassenden Reorganisationsentwurfes die bezüglichen Vorarbeiten in Angriff nehmen, um die seit einiger Zeit schwebenden Fragen, wie dem Mangel an aktiven Militärärzten abzuhelfen, deren militärsoziale und materielle Stellung usw., endgiltig zu regeln. Wenn auch aus budgetären Gründen und mit Rücksicht auf tiefwurzelnde traditionelle Ueberlieferungen die angestrebte Reorganisation nicht in allen Einzelheiten sofort durchzuführen sein wird, soll durch die eingehende Umgestaltung der bestehenden Verhältnisse im Sanitätspersonal des Heeres in den Hauptzügen sestgestellt und der weitere moderne Ausbau dieser wichtigen Armeeinstitution gesichert werden. In der Hauptsache wird die Schaffung eines einheitlichen Sanitätswesens im Heere in der Hand eines tüchtigen, allen Anforderungen des Ernstfalles entsprechenden Sanitätsoffizierskorps angestrebt und die Vorsorge getroffen werden, daß die militärsoziale und materielle Stellung der Militärärzte diesenBeruf zu einer begehrenswerten Laufbahn gestaltet. Im Sinne einer dem Kriegsdienste entsprechenden Ausbildung hat Such das Kriegsministerium beschlossen, die Reserve-Militärärzte des Heeres, die bekanntlich bis jetzt nach Ableistung des Einjährig-Freiwilligenjahres nur ausnahmsweise zum aktiven Militärdienste herangezogen wurden, vom nächsten Jahre an, analog den nichtaktiven Militärärzten der-Landwehr, in einem bestimmten Turnus zur aktiven Dienstleistung bei der Truppe einzuberufen. Die Reserve-Militärärzte werden also alljährlich in verschiedenen Perioden zur aktiven Dienstleistung bei der Truppe herangezogen werden, vorwiegend zu einer Zeit, wo die aktiven Truppenärzte, dienstlich besonders in Anspruch genommen, entsprechender Hilfskräfte bedürfen. Bei der mehrwöchentlichen aktiven Dienstleistung soll den Reserve-Militärärzten Gelegenheit geboten werden, die Eigenart des ärztlichen Dienstes bei der Truppe kennen zu lernen. Besonderes Augenmerk soll hiebei auf die, der K^iegsdienstbestimmung entsprechende praktische Betätigung gerichtet werden. Der jüdische Mediziner, der zumeist die Studienzeit durchgehungert hat und die Kollegiengelder sowie die Rigorosumtaxen dank den bloß bei Juden bestehenden wohltätigen Stiftungen und Unterstützungsvereinen leisten konnte, ist, nach Erlangung des Doktorgrades, gerne in den Aktivdienst getreten, wo seine Konfession bis nun kein Hindernis für seine Laufbahn bildete. Nun wurde ihm auch dieser Weg gesperrt, indeß ist es fraglich, ob das erwähnte Präventivmittel dem Mangel an aktiven Militärärzten abhelfen wird, wenn der Chef des militärärztlichen Offizierskorps seine Ansicht hinsichtlich der Aktivierung von Juden nicht bald ändert. Dmuchalski. *) Abgeordneter Dr. Mahler hat in seiner letzten Rede auf diese Rechtskränkung nachdrücklich hingewiesen. Grnesto Nathan, Kürgermeister der Stadt R"m- Die Wahl Ernesto Nathans zum Sindaco von Rom hat natürlich in Italien selbst die größte Sensation hervorgerufen, obgleich es schon länger als eine Woche vor der Wahl bekannt war, daß der antiklerikale Block sich in der Person des Ernesto Nathan geeinigt habe. Es ist nun von besonderem Jntereffe, zu erfahren, wie die italienische Presse die nunmehr erfolgte Wahl Nathans zum Bürgermeister von Rom aufnimmt. Das Organ des Vatikans „Ofiervatore di Roma" ist natürlich außer Rand und Band und konstatiert unter Tränen, daß dies der erste Fall sei, daß ein Jude Bürgermeister der „Ewigen Stadl" geworden. Hiedurch sei eine alte Tradition durchbrochen worden. Das klerikale Blatt droht natürlich bei dieser Gelegenheit mit einem „Religionskrieg" und verrät, daß der Papst anläßlich der Ernennung der neuen Kardinäle eine Rede halten werde, in welcher er auch gegen diesen neuen „Schlag", den die Kirche erlitten habe, Stellung nehmen werde. Sehr treffend charakterisiert der römische Korrespondent des Mailänder „Secolo" die Haltung der Klerikalen in dieser Frage. „Also Ernesto Nathan ist Bürgermeister von Rom!" heißt es in dem Berichte. Die Klerikalen skandalisieren darüber und halten ihm — wohlgemerkt — vor, er sei Jude! Wenn es die Mühe lohnen würde, wäre es dermalen nicht überflüffig, unseren gar so aufgeregten Klerikalen im Zusammenhänge mit der in Diskuffion stehenden Frage einzelne Kapitel aus der Geschichte Roms ins Gedächtnis zu rufen. Zunächst, daß zur Zeit der barbarischen Invasion ungefähr im sechsten Jahrhundert, die Israeliten die einzigen Römer waren, die in Rom zurückgeblieben find, während der Adel, die Bürger und selbst das christliche Volk sich nach allen Windrichtungen, nach Sizilien, Konstantinopel u. s. w. zerstreuten. In dem entvölkerten Rom blieben bloß die Juden als Vertreter des alten Rom zurück. Diese besitzen also viel ältere Bürgerrechte als die vielen Römer späteren Datums, welche die Stadt mit den sieben Hügeln seitdem in so großen Mafien besetzt haben. ßrnrsto Nathan. Aber abgesehen von diesem Hinweis auf die historische Tradition, geberden sich unsere Klerikalen noch päpstlicher als der Papst, selbst als der gegenwärtige Papst Pius X. Um nicht all zu weit zurückzugreifen, sei hier nur anf Farini's „Stato Romano" hinaewiesen, in welcher erzählt wird, welch' hohe Ehren dem Baron Rothschild unter der Herrschaft des Papstes Gregor XVI. in Rom zuteil geworden. Rothschild war es. der damals das Papsttum durch Gewährung eines Darlehens vor dem Bankerott errettete. Rom befand sich in Not, die Staatskaffe war leer und überdies tief verschuldet. ... auf dem Berge zirpten die Grillen, wie Belli damals schrieb: der Schatzmeister Monsignore Mattei und sein Nachfolger Monsignore Tosti hatten alles vergeudet und dadurch den Ruin komplett gemacht, der „durch Einmischung der Fremden, durch die Bestellung der Schweizertruppen, die Militärkommifiionen und Auslagen für die Polizei während der ganzen Regierungszeit Gregor's verursacht worden war. Da erschien Rothschild der „Abbreo" (Hebräer), wie er in der damaligen römischen Mundart genannt wurde, bringt daS Darlehen und der Papst befahl, aus Dankbarkeit dafür .daß der Allmächtige im Himmel zu dem Abschluß dieser Anleihe seine göttliche Hilfe geliehen,, daß in allen Kirchen Roms das Sakrament zur allgemeinen Verehrung allen zugänglich ausgestellt werde."