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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1907-12-06 · 49 (6.12.1907) · page 4

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
24 (1907)
Issue
49 (6.12.1907)
Date
1907-12-06
Page
– (sequence 4)
Language
German
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Sette 812 Dr. SSlocös MocdenscvrlN. Nr. 49 außerordentliche Professuren! Um Professuren, die mit keinem ordentlichen Lehrstuhle verbunden sind, daher nie zu einem Ordinariat führen können, die zum Teile gar nicht, zum Teile kaum dem Namen nach besoldet sind, die auch nicht Sitz und Stimme in der Fakultät gewähren, denn bekanntlich sind außerordentliche Professoren nur stimmberechtigt bis zur Halste der an der Fakultät wirkenden ordentlichen Professoren, und diese Zahl ist bei den meisten medizinischen Md philosophischen Fakultäten längst überschritten. Es handelt sich also im eigentlichsten Sinne des Wortes um Professoren in xartibu-j, um einen leeren Titel. Unter den außerordentlichen Professoren befinden sich allerdings ziemlich viele Juden und noch mehr Professoren jüdischer Abstammung. Es muß jedoch mit größtem Nachdrucke hervorgehoben werden, daß das nicht Ausdruck einer Begünstigung, sondern einer Zurücksetzung ist. Bon den an der Universität wirkenden Privaidozenten werden eben die Nichtjuden auf ordentliche Lehrstühle berufen, die „Juden" bleiben der Fakultät am Halse. Da es aber zum Teile Gelehrte von Ruf und Verdienst sind, so bekommt man doch nach Jahren, nachdem schon viel jüngere und zum Teile auch viel weniger verdiente unter ihren Fachgenossen längst auf ordentliche» Lehrstühlen sitzen, die Empfindung, daß für sie „etwas geschehen müsse". Man schlagt sie also für eine außerordentliche Professur vor. Das Ministerium zögert seinerseits mit der Ernennung so lange es nur angeht; inzwischen häufen sich derartige Vorschläge immer mehr. Bis sich die Ernennung nicht mehr aufschieben läßt, und endlich, nach jahrelangem Herumziehen, „unter acht Professoren sieben Juden" in der „Wiener-Zeitung" erscheinen; wohlgemerkt, unter acht außerordentlichen, unbesoldeten oder nur dem Namen nach besoldeten, außer den Kollegien stehenden Professoren. Einverstanden! Wir erklären uns ausnahmsweise einmal mit Doktor Lueger einverstanden. Denn daß er gegen die freie Forschung nichts einzuwenden hat und nichts unternehmen will, sagt er selbst, und wer wollte den Gedaukrn wagen, daß der Bürgermeister von Wien wissentlich und noch dazu noch in feierlicher Weise eine Unwahrheit spricht? Daß Juden als Universitätslehrer nicht ernannt werden sollen, das fordert nicht gerade Lueger, sondern es ist der Wunsch fast all derjenigen, die gegen Lueger und den Katholikentag protestieren, Es bleibt mithin aus seiner bekannten Rede auf dem Katholikentag und aus seinen nachgefolgten Erklärungen {/ die Forderung bestehen, daß Männer jüdischer Abstammung nicht ernannt werden. Das heißt Mit anderen Worten: er mag die aus dem Judentum ausgetretenen g etaufteu Professoren nicht. —Wie der Katholikentag, der hohe Klerus das sich zurechtlegt und dieser Forderung zustimmen kann, wie das mit dem Wesen des Christentums und mit der Bedeutung, die der Taufe nach christlicher Auffassung zukommt, sich vereinbaren läßt, das soll gewiß nicht unsere Sorge sein. Wir dürfen uns vielmehr mit dieser Ansicht des Herrn Dr. Lueger vollkommen einverstanden erklären. Nicht etwa aus Haß gegen diejenigen, die uns im Stiche lassen. Wir wollen nur nicht, daß der Staat auf die Gesinnungslosigkeit eine Prämie setzt. Und es freut uns, in diesem einen Punkte mit Dr. Lueger — wie es scheint — gleichen Sinnes zu sein. Wir erheben auch allerdings den Anspruch, den der Abgeordnete Dr. Straucher jüngst wieder im Parlament in kräftiger Weise zum Ausdruck brachte, daß die durch die Staatsgrundgesetze gewährleisteten Rechte der Juden nicht auf Schritt und Tritt von den berufenen Hütern und Handhabern der Gesetze verletzt werden. Wenn aber diese Ansprüche unbefriedigt und unsere Protestrufe ungehört bleiben, dann ist's uns recht, daß das Veto gegen die Züchtung von Gesinnungslosigkeit — mögen auch die Motive und Ziele des Rufers ganz andere sein — von jener Seite kommt. Folgender Vorfall diene zur Illustration. Da feiert jüngst in Czernowitz ein polnischer Studentenverein ein Fest. Ein Universttätsprofessor, der einst dem Judeutume angehörte, hielt hiebei eine Ansprache, auf die Rede, die der „Alma mater“ gewidmet war, erwidernd. Nachdem er von dem schweren Geschick und der tragischen Schuld — der ungestümen Freiheitsliebe der Polen gesprochen, fuhr er fort: „Aber mitten im politischen Unglück griff der Pole denkend in seine von tiefem religiösen Gefühle erfüllte Brust. Er suchte dort Trost, wo ihn jeder Unglückliche suchen soll. Bei seiner angestammten Religion fand er jenen machtvollen Beistand.Gerade aus der Geschichte Polens lernen wir, daß Freiheit und Religion einander erfordern und daß Freiheitsliebe ohne Religion nichts i st, m i t Religion alles...,. Wohl mag sich Wiens großer Bürgermeister in der Wahl des richtigen Wortes vergriffen haben . . . Das weiß jeder, der sein Wirken im Spiegel der Geschichte betrachtet, er wird gewiß nicht jeden einzelnen Professor oder gar die Studenten nach politischer Gesinnung, Glauben und Abstammung fragen..." Diese Worte eines Universitätsprofessors jüdischer Abstammung bedürfen wohl keines Kommentars? Der Mann rühmt Treue zum eigenen Volke und zur angestammten Religion und macht „Wiens großen Bürgermeister" seine Verbeugung! Am Ende ergeht's dem Manne wie jenem Herrn in Marienbad. Vor 2 Jahren machte Lueger aus Karlsbad einen Ausflug nach M. Vor dem „Kreuzbrunnen" unterhielt er sich mit den hohen geistlichen Herren von Marienbad, die die Honneurs machten. Da trat ein kleines Männchen im katholischen Priestergewande an ihn heran und begrüßte ihn freundschaftlich. Lueger erwiderte jedoch so frostig, daß der Mann sich bald verabschiedete. Als er sich einige Schritte entfernt hatte, sagte Lueger, wie ein Ohrenzeuge dazumal mitteilte: Sehen Sie, meine Herren, nicht nur an seinem Gesichte und an seinem Gange, auch an seinem Benehmen erkennen Sie die Abstammung dieses Herrn, den Juden. Ob nicht die Rabbiner in Oesterreich einmal in ihrer Gesamtheit das Wort ergreifen, öffentlich klarlegen und einer hohen Regierung nahelegen sollten, daß Staat und Gesellschaft viel mehr als das Judentum dabei verlieren, wenn von staatswegen Aemter und Würden bei au s d rückcki ch e r Nachsicht von Charakter und Gewissen den mit Amt und Würden zu Bekleidenden verliehen werden? — Es wäre zu überlegen! Czernowitz. Dr. R o s e n s e l d, Oberrabbiner. Antisemitismus im Heeressaniliilsdienst. Seitdem der k. u. k. General-Oberstabsarzt Dr. v. Uriel zum Chef des militärärztlichen Offizierskorps ernannt wurde, ist der Antisemitismus auch in diesem Verwaltungszweige in Permanenz. Seit der Auflassung des Josefinums, also seit einigen Dezennien, besteht in unserer Armee ein Mangel an aktiven Militärärzten. Der verewigte Generalstabsarzt Dr. v. Podratzky gewährte deswegen einer Anzahl Hörern der Medizin Stipendien bis zur Absolvierung des Studiums, wodann diese als Oberärzte ins Heer eingereiht wurden, wo sie zu sechsjähriger aktiver Dienstleistung verpflichtet waren, während welcher Zeit die vorgestreckte Summe im Wege von Gageabzügen in kleineren Beträgen wieder hereingebracht wurde, — ein ebenso richtiges wie billiges Mittel zur Behebung des Aerztemangels in der Armee. Späterhin wurden viele Aerzte aus der Reserve in die Aktivität übersetzt und so der „Stand" komplettiert. Unter den Bewerbern um die Aktivierung befanden sich stets in großer Anzahl unsere Glaubensgenossen, die doch seit jeher das Gros der aktiven Militärärzte bildeten. Die Geschichte bestätigt, daß nicht bloß Kaiser und Könige, sondern sogar Päpste es nicht verschmähten, Juden zu ihren Leibärzten zu ernennen, wozu wohl triftige Gründe vorhanden sein mußten. Nun hat Herr General-Oberstabsarzt von Uriel jedem Aktivierungswerber erklärt, daß, so lange er am Ruder sei, kein Jude aktiviert werden wird, und führte die Stabsarztprüfung ein, zu welcher die wenigsten Taufscheinlosen zugelassen werden, die jüdischen Regimentsärzte erhallen den blauen Bogen.

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