Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 24 (1907)
- Issue
- 49 (6.12.1907)
- Date
- 1907-12-06
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
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' w-wi p 411 jnrtr. mmmmßm^^^^safgss^tKSK^SSBSSS Nr. 49 Dr. Llocv's MocvenscvrLru Seite 811 Masaryk ist kein Juden knecht. Die es ihm zugerufen haben, die wissen, daß sie lügen. Er ist ein Knecht der Freiheit und des Rechtes, ein reisiger Kriegsknecht mit unbeugsamem Mute. Die Ideen waren sein gutes Schwert, die Ueberzeugung sein Panzer. Nichts mehr hat er gehabt, als er sich durch Verleumdungen und eine Legion von Feinden zu einem ersten Platz im Staate des Geistes durchhieö. Seit wann kämpft denn Jemand für das Judentum, der gegen das Papsttum ficht? Darnach wären die Reformatoren — Judenknechte; die wissenschaftlichen Leuchten der Renaissance — Judenkuechte. Uns Juden sollen Papsttum und katholische Religion nicht kümmern, wenn sie uns in Ruhe lassen. Seit den Religionsgesprächeu in Mittelalter und früher Neuzeit, seit den geistlichen Turnieren, die uns Dominikaner und Jesuiten aufzwangen, hat sich bei uns Niemand gegen eine christliche Kirche gerührt. Das hat auch Abgeordneter Dr. Mahler jedem deutlich gesagt, der es hören wollte. Schade ist es nur, daß diese beiden Redner bei dieser Gelegenheit nicht auch ein anderes Thema aufgerollt haben, für welches jeder Mann des Rechtes und der Freiheit sich erwärmen soll. Die Eroberung der Universitäten — das ist die Machtfrage des Klerikalismus in der Kultur. Eine durchaus nicht mindere Parallelfrage ist die Eroberung der Justiz durch den Klerikalismus, die aber seinerzeit nicht zurückgeschlageu wurde, sondern die vollständig gelungen war, als sich hinter dem unschuldigen Hilsner die Tore des Kerkers schlossen, als man dem Terrorismus der Klerikalen, als man der Schandlüge des Ritualmordes von staatswegen ein Menschenopfer brachte. Mit diesem Meuchelmord an einem Unschuldigen, mit diesem Meuchelmord an der Justiz brüsten sich jetzt noch die Klerikalen. In einer sudelhaften Antwort auf unseren Aufruf pro Hilsner, pro Gerechtigkeit bemerkt das „Deutsche Volksblatt"'höhnisch, „daß der jüdische Einfluß immer schwächer werde". Mit deutschen und deutlichen Worten gesagt heißt dieser Satz, daß sich die Klerikalen stärker fühlen als das Gesetz, daß s i e das Urteil über den armen Schuster gefällt haben und keine Instanz mehr über ihnen steht. Ist das so richtig, wird es so zugegeben werden? Der Tag der Verurteilung Hilsners war ein Tug der schwersten Katastrophe für die Gerechtigkeit,die Wahrheit, die Menschlichkeit, war dabei ein Tag ves Triumphes sür die Meister des Betruges, die Christlich-Sozialen und die mit ihnen verbündeten Klerikalen. Ihnen diesen Triumph zu lassen, wäre ein Verbrechen an der allgemeinen Moral. Nicht darum handelt es sich, wer momentan die physische Macht im Staate besitzt. Mögen sich die Emporkömmlinge des Sumpfes nur ruhig weiter Antisemitenhöfe bauen, mögen sie ihre Taschen nur ruhig weiter mit öffentlichen Geldern, mit Minlsterportefeuilles stopfen. Es handelt sich um den Geist, den sie verbreiten, um den Geist, in welchem die nachfolgende Generation unter ihnen heranwächst. S.ll diese den Glauben an die Gerechtigkeit, an die Autorität des Staates, an die Wahrheit behalten, dann muß Hilsner nicht befreit, nein, dann muß er den Klerikalen entrissen werden. In dieser Sache handelt es sich für ihn und seine Mutter um das Martyrium eines Unschuldigen, für uns Juden um ein Stück unserer Ehre und das Verschwinden des blödsinnigen Ritualmordmärchens, für alle wirklichen Männer aber um die Unabhängigkeit des Rechtes von der Politik. „Freiheit der Universitäten" ist jetzt das Schlagwort, „Freiheit der Justiz" ist das Gegenstück dazu, ist die Bedeutung der Hilsneraffaire. In dieser Fassung hat die gerechte Sache des vom klerikalen Antisemitismus verurteilten Unschuldigen den höchsten Anspruch auf die Anteilnahme aller Männer und Parteien, die den Ehrentitel „Freiheitlich" für sich in Anspruch nehmen. Der Antisemitismus im Profestore« kollrginm der österreichischen Uninersttät. Der o. ö. Professor der Czernowitzer Universität Dr. Eugen Ehrlich schreibt in der „Neuen Freien Presse": Wenn man eine Behauptung unaufbörlich wiederholt, so wird sie zwar nicht wahrer, aber sie wird schließlich geglaubt. So verhält es sich wohl auch mit der „Verjudung der Universitäten" oder, um mit Grafen Tbun zu sprechen, „mit dem übermächtigen Einfluß der Ju^en auf die Universitäten". Obwohl jeder Kundige weiß, daß damit der Wahrheit einfach ins Gesicht geschlagen wird, daß die akademische Laufbahn Juden und Personen jüdischer Abstammung an den deutschen Universitäten Oesterreichs seit etwa zehn Jahren so gut wie verschlossen ist, so findet die wiederholte Versicherung des Gegenteils doch noch immer Gläubige. Es möge daher gestattet sein, sie mit einigen trockenen Zahlen zu beleuchten. Zunächst jedoch zwei einleitende Bemerkungen. Der akademische Lehrkörper zerfällt bekanntlich in drei Gruppen: die ordentlichenProfessoren, die außerordentlichen Profesioren und die Privatdozenten. Eine eigentliche akademische Stellung grbt nur die ordentliche Professur. Bei den außerordentlichen Professoren muß man jedoch unterscheiden; es gibt unter ihnen solche, die auf systemisierte ordentliche Lehrstühle berufen werden; diese werden mit der Zeit ordentliche Professoren und haben tatsächlich die Stellung von solchen, wenn sie sich auch vorläufig mit dem Rang und Gehalt eines außerordentlichen Professors begnügen müsien. Ferner: Im Sinne des ganzen akademischen Antisemitismus darf man unter „Juden" nicht etwa Personen jüdischen Glaubens verstehen. Als „Jude" gilt in akademischen Kreisen nicht nur jeder, der selbst jüdischen Glaubens war. nachträglich aber zum Christentum übergetreten ist, sondern auch jeder, dessen Vater oder Mutter, ein Großvater oder eine Großmutter je jüdischen Glaubens waren, und sei es auch selbst vor seiner Geburt. Ob es über die Großeltern hinausgeht, ist allerdings bestritten. Jedenfalls sollen in _ der nachfolgenden Statistik alle Personen, von denen es bekannt wäre, daß sie selbst oder einer ihrer Vorfahren je sich zum jüdischen Glauben bekannt hätten, den Juden beigezählt werden. Und nun zur Statistik. In den letzten zehn Jahren, also seit dem Jahre 1897/.--8, find an den deutschen Universitäten Oesterreichs ernannt worden für ordentliche Lehrkanzeln folgende Juden im weitesten Sinne des Wortes: in Wien an der rechts- und staetswissenschaftlichen Fakultät einer, an der medizinischen Fakultät niemand, an der philosophischen Fakultät einer (seither gestorben); in Prag an der rechts- und staatswissenschaftlichen Fakultät zwei ldavou einer seither gestorben) an der medizinischen Fakultät einer (seither gestorben), an der philosophischen Fakultät niemand; in Graz überhaupt niemand, in Innsbruck einer (an der medizinischen Fakultät), in Czernowitz au der rechts- und staatswissenschaftlichen Fakultät niemand, an der philosophischen Fakultät zwei. Im Ganzen wurden also in den letzten zehn Jahren für ordentliche Lehrstühle acht Professoren ernannt, die selbst oder deren Vorfahren je jüdischen Glaubens gewesen wären; davon sind drei bereits gestorben, so daß es sich nur noch um fünf handeln kann. Dem wirklichen Sachverhalt in diesem Augenblick entspricht das Bild jedoch nicht mehr Es hat sich in den letzten Jahren vieles geändert. Von den hier erwähnten Ernennungen fallen sehr wenige, in die letzte Zeit, etwa seit 1900, und auch diese beruhen zum Teil auf früheren Vorschlägen, so die drei Ernennungen anderrechts- und staatswissenschaftlichen Fakultät in Wien und in Prag. Jetzt wären sie wohl nicht mehr möglich. Der jetzige Zustand ist wohl der, daß alle rechts- und staatswissenschaftlichen, sowie alle medizinischen Fakultäten an den deutschen Universitäten Oesterreichs (vielleicht mit Ausnahme der rechts- und staatswissenschaftlichen Fakultät in Czeruowitz. wo die Veryälrnisse nicht ganz klar liegen) stillschweigend, die Universität Graz bereits sett vielen Jahren und auch Innsbruck seit mehreren Jahren ganz offen sich bei ihren Vorschlägen zu einem antisemitischen Programm bekennen. Zumal in Graz sollen de» jedem, der in einen Vorschlag ausgenommen werden soll, förmliche Ahnenproben aufgestellt werden. Als vor etwa zehn Jahren ein Professor, der^ viele Jahre zuvor aus dem Ausland an eine österreichische Universität gekommen ist. von dort nach Graz berufen wurde und es sich nachträglich zeigte, daß sein Vater ein getaufter Jude gewesen ist, da wurde rückhaltlos erklärt, daß die Berufung durch Irrtum über die Abstammung des Berufenen verursacht worden sei. Ebenio war in einem anderen Fclle die Fakultät ganz bestürzt, als nachträglich zutage trat, daß sie in ihren Vorschlag einen Juden ausgenommen hatte. Gewiß gibt es unter den ordentlichen Professoren an den österreichischen Fakultäten Juden und Personen jüdischer Abstammung; ganz vereinzelt gibt es solche sogar in Graz. Das sind Reste aus einer früheren Zeit. Groß war ihre Zahl nie, am größten wohl in Prag. Sie sind, wie sich aus diesen Dariegungcn ergibt, auf den Aussterbeetat gesetzt, denn Ernennungen dieser Art kommen sett längerer Zeit fast gar nickt mehr vor. In der Tat gab es ihrer vor zehn oder fünfzehn Jahren mehr als gegenwärtig. Wie verhält es sich nun mit den berüchtigten „sieben Juden unter acht Professoren?" Ganz einfach: es Hundelt sich gar nicht um ordentliche, sondern um außerordentliche Professuren. Und was für