Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 24 (1907)
- Issue
- 49 (6.12.1907)
- Date
- 1907-12-06
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
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Sette 810 2>u Lwcv s Mocvenscvrm. Nr. 49 Dann hatte dieser sich mit der Liga scheinbar ausgesöhnt, feierlich versprochen, alles Mögliche auzuwenden, um, wie es einem guten Katholiken geziemt, die Ketzer in Frankreich gänzlich auszurotten. Den Herzog von Guise begnadigte und beförderte er und ließ ihn dann am 23. Dezember desselben Jahres, anstatt ihn vor Gericht zu stellen, im königlichen Schlöffe zu Blois töten. Der Kardinal Morofini, dem der König versicherte, er habe keine Richter finden können, mutig genug, um über Guise zu urteilen, fand keinen Tadel für sein Vorgehen und sagte, auch der Papst werde nichts dagegen einzuwenden haben, wenn nur der König die Vernichtung der Ketzer eifrig betreiben Würde. Als aber Heinrich am nächsten Tage auch den Bruder des Herzogs, einen Kardinal, töten ließ, da brach die Revolution aus und an ihre Spitze stellten sich katholische Geistliche und die theologische Fakultät der Pariser Universität. Der Pfarrer der Kirche Saint-Gervais predigte schon am 29. Dezember, Heinrich dürfe nicht mehr als König betrachtet werden und forderte seine Zuhörer auf, den letzten Blutstropfen und den letzten Heller ihres Vermögens zu opfern, um den Tod der beiden Brüder Guise zu rächen. Der Bürgermeister von Paris und die Stadträte, klerikal wie ihre Kollegen bei uns, ersuchten die theologische Fakultät um ihr Gutachten über die Rechte des Volkes gegen den König. Schon am 7. Jänner 1589 erschien das von siebzig katholischen Professoren Unterzeichnete Gutachten, dahin lautend: ^Das französische Volk ist seines Eides gegen König Heinrich entbunden. Mit gutem Gewissen kann man gegen ihn zu den Waffen greifen und Steuern einheben zur Erhaltung und Verteidigung der römisch-katholischen Kirche gegen die ruchlosen Anschläge dieses Königs und seiner Anhänger, wer immer sie auch seien; da er die Treue gebrochen zum Schaden der katholischen Religion, der heiligen Liga und der drei Stände des Reichs." „So haben", sagt ein zeitgenössischer Chronist, „einige Dutzend schmutziger, pedantischer Professoren es gewagt, über Szepter und Krone zu verfügen, sich zu Bannerträgern und Trompetern des Aufruhrs zu machen." Fast seit Gründung des Jesuitenordens hatte die Universität von Paris ihn bekämpft, ihm den Zutritt zu den Lehrkanzeln verwehrt, nun aber, als es galt, Aufruhr zu predigen, den Hochverrat als rechtmäßig und lobenswert zu erklären, da fanden sie sich zum schönsten Bündnis zusammen. Die Jesuiten gehörten zu den eifrigsten Hetzern gegen den rechtmäßigen König, beteiligten sich an den Beratungen des die Revolution leitenden Ausschusses, agitierten im Auslande für die „heilige Liga". Ein einziger Jesuit, der Beichtvater des Königs, war diesem treu geblieben und wurde dafür aus Frankreich verjagt. An der Universität wurden nun die Studien vernachlässigt, das Amt des Rektors war zu einem politischen und gefährlichen geworden, der Geist des Aufruhrs herrschte dort, nicht der der Wiffenschast, klagt Crevier in seiner 1761 erschienenen „Histoire de Tnniversitö de Paris“ und bedauert es, daß der Bischof von Senlis, der einen hohen Rang an der Universität bekleidet hatte, einer der heftigsten Hetzprediger und Verteidiger des Königsmordes geworden war. Ein Satiriker jener Zeit läßt ironisch den erwähnten Bischof die Ruhe, die jetzt an der Universität herrscht, preisen: Endlich ist man die jungen Leute los geworden, die sich mit ihrer Kenntnis des Griechischen und Lateinischen brüsten wollten und die Dozenten stören nicht mehr mit ihren Vorlesungen. Früher mußte man, um Profeffor zu werden, als Gelehrter zu gelten, einen Doktorgrad zu erlangen, fleißig studieren, allerlei Prüfungen bestehen, jetzt können, dank der „heiligen Liga", Bauern und Winzer, gut katholische Butterhändler, Taglöhner und Handlanger Stipendisten, Magister, Vorsteher von Kollegien, Doktoren und Professoren ohne viele Mühe werden. Inzwischen hatten die Hetzereien der frommen Professoren ihre Wirkung getan. König Heinrich III. war am 1. August 1589 von dem jungen Dominikanermönch Jacques Element ermordet worden. Nach der seit Jahrhunderten gesetzlichen Erbfolgeordnung war Heinrich von Navarra und Bourbon, ein Nachkomme König Ludwig IX., des Heiligen, der rechtmäßige Thronerbe, aber er war Protestant. Wieder war es die theologische Fakultät, welche ihr Gutachten abgab, am 7. Mai 1590 : Kein Katholik darf einen Ketzer als König anerkennen; selbst wenn er sich bekehren und absolviert werden sollte, bliebe er der Unehrlichkeit und Heuchelei verdächtig, und jeder gute Christ sei verpflichtet, ihn mit aller Macht zu bekämpfen. Seine Anhänger erwartet das ewige Höllenfeuer, die, welche im Kampfe gegen ihn das Leben verlieren, werden im Paradiese ihren Lohn bekommen. Nachdem ein als Gegenkönig Heinrichs IV. aufgestellter französischer Prinz und Katholik gestorben war, machten einige fromme Professoren den Vorschlag, einen neuen König von dem Heere der Liga wählen zu lassen oder das Königreich zu zerstückeln und über die einzelnen Teile die Feudalherren als Herrscher einzusetzen. Dieser Antrag fand wohl keine Zustimmung, aber die Majorität der provisorischen Regierung, diese schlechten Franzosen und guten Katholiken entblödeten sich nicht, sich mit dem König Philipp II. von Spanien in Verhandlungen einzulaffen, um seine Tochter zur Königin von Frankreich zu machen. Nach uraltem französischen Rechte durfte keine Frau den Thron erben. Für diese Thronfolgeordnung hatten die Franzosen Jahrzehnte lang gegen die auf französische Prinzessinnen begründeten Erbansprüche englischer Könige gekämpft, Zehntausende ihr Leben geopfert, und nun sollte eine Frau, eine Spanierin, Königin von Frankreich, dieses Land eine Dependenz Spaniens werden, um einen gewesenen Protestanten nicht zum Könige wählen zu müssen. Welchen Anteil die Päpste an diesen Unterhandlungen mit den Spaniern hatten,- warum der > hochverräterische^Plan nicht zur Ausführung gelangte, wie Heinrich IV. zum Katholizismus übertrat und endlich allgemein als König anerkannt wurde, das habe ich jetzt nicht zu erzählen, ich wollte Ihnen ja nur Hilfe im Kampfe gegen die Vaterlandslosigkeit und Umsturzideen der Universitäten leisten. Sie können ja, geehrter Herr Bürgermeister, diese Reminiszenzen sehr gut bei irgend einer christlichsozialen Versammlung oder bei einem der jetzt so häufigen Festbankette auf öffentliche Kosten verwenden und darauf rechnen, daß Ihr hochgebildetes Auditorium nicht ermangeln wird, die Kraftstellen Ihrer Rede mit einem „lauter Juden" zu beantworten. Sollten dann judenliberale Zeitungen es wagen, darauf aufmerksam zu machen, daß diese Professoren des Umsturzes und der Rebellion eigentlich eifrige Katholiken waren, so wird es Ihnen bei Ihrer bekannten Geschicklichkeit im Interpretieren und Umdeuten nicht schwer fallen, sich herauszureden oder alle diese Professoren und Prediger für Judensprößlinge oder verkappte Juden zu erklären. Mit aller gebührenden Hochachtung empfiehlt sich Ihnen ein jüdischer Verehrer. Freiheit der Wissenschaft — Freiheit der Justiz. Das Wort der Wahrheit klingt wieder mächtig in Oesterreich. Wie auch die Rückschrittler alle toben, die Stimme der Gerechtigkeit durchdringt den Lärm. Luegers Getreue können die Geister nicht niederschreien, die der Gaukler mit der Universitätsrede weckte. M a s a r y k, der alte Hussite des Geistes, lieferte den Dunkelmännern wieder eine große Schlacht, und wenn man ihn auch wie immer durch die Bezeichnung als Judenknecht zu meucheln suchte, so merken breite Schichten des Volkes doch, wo der wirkliche Feind zu suchen ist, und Huttens und Luthers Gespenster erscheinen am römischen Himmel, der keine Grenzen kennt.