Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 24 (1907)
- Issue
- 49 (6.12.1907)
- Date
- 1907-12-06
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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Ur. 49 Dr. Bloch’s Zentralorgan für die gesamten Interessen des Judentums. Wien, 6. Dezember 1997. Lrs<Letnt jeden Freitag. Brief-Adresse: MUen. IX/8» Lerggasse 39. Telegramm-Adresse: »locb’s Mlocbenscbrttt, Mtten. Inhalt: Leitartikel: Offenes Schreiben eines Juden an Dr. Lueger. — Freiheit der Wiffenschaft — Freiheit der Justiz. — Der Antisemitismus im Profefforenkollegium der österreichischen Universität. — Einverstanden. — Antisemitismus im Heeresfanitätsdienst. — Ernesto Nathan, Bürgermeister der Stadt Rom. — Korrespondenzen: Oeffentliche Plenarsitzung des Wiener israelitischen Kultusvorstandes. Wien. Verein zur Hebung der Gewerbe in Wien. Zentralverein zur Pflege jüdischer Angelegenheit in Prag. Trier. Paris. London. Ein Judentag in Rußland. Die Weißrussen für die Erweiterung des jüdischen Anfiedlungsrayons. Der Kampf gegen die Cholera. Odessa. — Vermi schtes: Kranzablösungsspenden rc. Wien. Vortragszyklus aus jüdischer Geschichte. Wiener Synagogensänger-Verein. Channckafeier der Toynbee-Halle. Jüdische Abende. Bethaus „Montefiore". Hofrat Bernhard Frankl. Regierungsrat Michael Kulka gestorben. Mödling. St. Pölten. Oderberg. Olmütz. Trebitsch. Hohenmauth. Klagenfurt. Wieselburg a. d. Erlauf. Ungarisch-Hradisch. Ung.-Brod. Königgrätz. Freistadt. Krumau. Abbazia. — Feuilleton: Der Baalteschuwoh. — Neue Bücher. — Briefkasten. — Inserate. »-g N. ft. Postspsrftsflen-Arnl Lleartng-Verkebr Mr. 810.976. DrdakUon und Administration: Wien IX/1, lverggasse Vlr. 39. Telefon Nr. 14.847. m-:-» W-----» ’ VrMgsprris für Vesterreich: Halbjährig 8 Kronen. Einzelexemplare 50 Heller. Für'» Ausland: Halbjährig 10 Kronen. Wanzjährig 20 » Anzeigen: Die 4mal gespaltene Petttzetle 24 Heller. Offenes Schreiben eines Inden an Se. Hochwohlgeboren Herrn Dr. Karl Lueger, Bürgermeister der Rerchshaupt- und Residenzstadt Wien. Ich gehöre als guter, steuerzahlender, jeder Verhetzung, Demagogie und künstlicher Wahlmacherei abholder Staatsbürger seit lange, wie es sich gehört, zu Ihren Bewunderern und bin schon mehrmals daran gewesen, Ihnen meine Verehrung schriftlich oder mittelst der Druckerpresse auszudrücken. Aber leider ist stets etwas dazwischen gekommen. Einmal ist ein christlichsozialer Beamter oder Lehrer über die Köpfe von einem Dutzend älterer und berechtigterer befördert worden, ein anderes Mal hat die Kommune ohne genügenden Grund jüdische Bewerber abgewiesen, ein drittes Mal hat man das Gesetz, demzufolge an einer bestimmten Schule ein Jude zum Direktor zu ernennen ist, durch allerlei Manöver zu umgehen gewußt und viele Male haben Sie schlechte Witze über die Juden gemacht. Ich wußte zwar, daß Sie an alledem unschuldig sein müssen, denn Sie haben ja den Eid auf die Gesetze geleistet, welche die Gleichstellung aller Bürger ohne Unterschied der Konfession und Nationalität aussprechen, und ich schrieb alle diese rechtsbeugenden Taten Ihrem geringen Einflüsse auf die städtischen und Landesangelegenheiten zu. Auch die schlechten Witze habe ich Ihnen nicht übel genommen, denn ich kann auch einen Witz über die Juden vertragen und bin überzeugt, daß Sie gern gute Witze machen würden — wenn Sie könnten. Sie haben nun aber eine große Tat in Worten getan und mir ganz aus dem Herzen gesprochen, als Sie am letzten Katholikentage sagten: „Die Universitäten dürfen nicht weiterhin ein Boden für Umsturzideen, ein Boden für Revolution, für Vaterlands- und Religionslosigkeit sein." Und es hat mich wahrhaft gekränkt, als Sie ein paar Tage später bei dem Gemauschel einiger Professoren erschrocken — pardon ein echter Deutscher wie Sie, der nur Gott und sonst Niemanden fürchtet, erschrickt ja nicht — also sagen wir, ernüchtert, Ihre auf dem Katholikentage gesprochenen Worte abzuschwächen oder wegzuinterpretieren, böse Leute würden sagen, abzuleugnen suchten. Und warum das? Sie haben doch die Wahrheit gesprochen, denn es hat wirklich einmal eine — gewiß jüdische werden Sie sagen — Universität existiert, deren Professoren, namentlich die der theologischen Fakultät, alles das getan haben, was Sie von den österreichischen Universitäten zu befürchten vorgeben. Sie haben Aufruhr nicht bloß gepredigt sondern auch daran teilgenommen, gegen den rechtmäßigen Monarchen gehetzt und gekämpft, den Feind ins Land gerufen, die seit Jahrhunderten festgesetzte Thronfolgeordnung umzustürzen gesucht. Und das alles, weil der König die Andersgläubigen zu verfolgen aufgehört hatte. Schade, daß Sie davon nichts gewußt haben. Sie hätten es ja als prächtiges Argument für die — Religionslosigkeit der Universitäten benutzen können und die Herren Professoren wären mit längeren Nasen, als sie sonst die antisemitischen Witzblätter (luens a non lucendo) den Juden ins Gesicht malen, abgezogen. Ich glaube Ihnen meine Dankbarkeit nicht bester beweisen zu können, als indem ich Ihnen einiges von besagter Universität erzähle und Ihnen gestatte, in Ihrer nächsten Rede davon Gebrauch zu machen/Die Geschichte ist zwar schon dreihundert Jahre alt, aber bei der bei uns eingetretenen, in immer schnelleres Tempo geratenden Rückwärtsbewegung könnten wir bald zum Jahre 1589 geraten und die frommen Leute Ihrer Partei. können manches daraus lernen. Seit Mitte des sechzehnten Jahrhunderts standen in Frankreich Katholiken und Protestanten einander feindlich gegenüber. Die Abschlachtung der letzteren in der Bartholomäusnacht 1572 *) hatte ihre Partei geschwächt aber nicht vernichtet, und der Bürgerkrieg dauerte mit kurzen Unterbrechungen fort. Der schwankende, schwächliche und unehrliche, seit 1574 regierende König Heinrich III., der letzte aus der Linie Balois der Kapetingerdynastie war am wenigsten geeignet, Ruhe und Frieden herzustellen. Er war ein guter Katholik und hielt es meistens mit der „heiligen Liga", die im Jahre 1578 zur Wiederherstellung der Glaubenseinheit gegründet wurde. Sie war anfangs eine geheime Gesellschaft, trat aber bald, als ihre Macht und die Zahl ihrer Anhänger zunahmen, öffentlich auf, ward ein katholischer Staat im interkonfessionellen Frankreich. Eines ihrer Häupter, der Herzog von Guise, hatte (Mai 1588) einen Aufstand in Paris veranstaltet, den König zur Flucht gezwungen. *) Siehe „Oesterr. Wochenschrift" vom 17. August 1900. *