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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1907-11-29 · 48 (29.11.1907) · page 14

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
24 (1907)
Issue
48 (29.11.1907)
Date
1907-11-29
Page
– (sequence 14)
Language
German
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Sette 806 Dr. Llocv's Mocdenscdrm. Nr. 48; Es war eine lange Fahrt. Die Entfernung betrug zwei. Tagereisen. In diesen zwei Tagen rang sie verzweifelt die Hände, weil sie nicht am Krankenbette ihres Kindes weilen konnte, in diesen Tagen gedieh die Mutterliebe in ihrem drangvollen Gemüte zu einer wahren Raserei. Als sie am Krankenbette ihres Kindes stand, war sie auch an das Ende ihrer Kräfte augelangt. Man bettete sie neben dem Kinde. Der alte Hausarzt, der sie als Kind behandelte, wurde rasch herbeigeholt und schüttelte bedenklich das Haupt. Er fand das Gesinde im Hause zu schwach, für die Pflege zweier Schwerkranker und wendete sich noch in später Nachtstunde an die Oberin des jüdischen Schwesterheimes in der Residenzstadt, man möge eine sehr verläßliche Schwester zu ihm dirigieren. Schwester Frieda erschien bereits am anderen Nachmittage in seiner Wohnung und meldete sich, als die vom Schwesterheim zur Pflege beorderte. Der alte Hausarzt machte sie in kurzen Worten mit den Verhältnissen des Hauses vertraut. Ein schwerkrankes Kind und eine von Enttäuschungen und Gemütserschütterungen ganz gebrochene Frau, deren Gatte sich von ihr losgesagt, harren ihrer aufopferndsten Pflege und die Aufgabe wäre keine geringe. Schwester Frieda erklärte, sich den physischen Anforderungen gewachsen zu fühlen. (Fortsetzung folgt.) gelangt, auch von unbekannten Leuten, die ihn auf Kommentare zu Shylock aufmerksam machen. Eine sehr interessante Studie hat einen Petersburger Professor zum Verfasser. Und noch ein merkwürdiges und bezeichnendes Detail: Unlängst verbrachte Sonnenthäl eine schlaflose Nacht. Ein leichtes Unwohlsein störte feine Ruhe. Da erhob er sich, zündete eine Lampe an und studierte die Nolle, bis der junge Morgen durch die Fensterscheiben in das Zimmer schaute. Sonnenthal als Shylock. Im Wiener Burgtheater werden jetzt die Rollen Lewinsky's vertM. Eigentlich hat Lewinsky in den letzten zwei Jahr?» nicht mehrtziel geipielt. Es sind aber immerhin n ch Rollen genug zu vergeben,^ weit Kainz sie nicht bei Lebzeiten des Erblassers verschlungen hat. Auf den Rest hat die. Jugend gewartet. Die Jugend, ist jetzt aufgeregt. Der Shylock ist Sonnenthal zsgefallen. Darob gährt es unter den Jungen. Sie waren nahe daran, zu meutern. Doch der Lehrmeister unter ihnen sprach also:.. -Her Altmeister-wird mit Gottes-Hilfe einige Jahre an der Rolle studieren. Inzwischen wird er — bis Zweihundert — die Hundert überschritten haben. Ereifern wir uns nicht, warten wir." r $16« bis verrechnen sich bestimmt. Wenn auch nach Baumeisters Behauptung. „Adolfen" genau so alt ist, wie er — also achtzig — erfreütsich Sonnenthäl noch einer solchen Frische und Lernfreude, spielt seine Rollen so sehr aufs Wort auswendig, — „Unberufen", wie er selbst schmunzelnd hinzufügt — daß er nicht nur den Shylock prompt liefern wird, sondern wirklich die Chance hat, — bis zweihundert — die Hundert zu überspielen. Die Nachricht, Adolf Sonnenthal werde nächstens den Shylock im Burgtheater spielen, hat im Publikum von sich reden gemacht. Einen Journalisten interessierte es, ein ganz klein wenig in die Arbeitsstube des Meisters zu gucken. Bor einigen Tagen besuchte er Sonnenthäl, den er mitten unter Büchern, Broschüren und Kostümbildern vergraben fand. Er wollte anfangs nicht recht mit der Sprache heraus. . . Das Publikum, die Kritik werden entscheiden, ob er die Rolle richtig aufgefaßt, ob er den Absichten Shakespeare's verständnisvoll nachgespürt habe. Im Verlaufe des Gespräches ließ Sonnenthal doch eine Meihe horenswerter Bemerkungen fallen: „Ueber zwei Jahre dauert bereits mein Studium. Noch mehr als der Nathan lockte mich der Shylock, den vor mir La Roche, Lewinsky, Mitterwurzer dargestellt haben, den Novell! gespielt hat. Allerdings war sein Shylock mehr ein Paradestück. Der Kaufmann von Venedig, Porzia und die Anderen traten in den Hintergrund. Der Nathan ist leichter zu fassen. Er bedeutet die Verkörperung reinster Humanität, er ist ein Gipfel edlen Menschentums. Der Shylock ist ein schlechter Kerl, aber er fühlte auch AMe große Mission in sich. Er soll der Rächer seines mißhandelten Volkeff sein! Antonio, der Kaufmann, hat Shylock auf dem Rialto angespuckt; er speit auf feinen Bart, als er um ein Darlehen werben kommt'.- * . . In Venedig haßt man. verachtet man die Juden, durch die Wpze Welt schleppt dieses Volk seine Brandmale und Wundmale. Ein 3)kdräuger der Juden, ein grimmiger Feind steht vor Shylock, hilfehekschend. , . . Wenn er nicht zahlen könnte, dann gäbe es Gelegenhett, Rachedurst zu stillen. Die Goldgier Shylocks verschwindet, ein brennendes Verlangen nach Vergeltung Lberkommt ihn, erfüllt ihn. Ein Pfund Fleisch aus Antonio's Leib geschnitten! Das haben schon andere.Leute vor Shylock mit ihren sämtlichen Schuldnern getan... und jene Unerbittlichen Gläubiger waren kein^. Juden. Doch ich will keine Porlesung halten" — schloß Sonnenthal und erwähnte noch, daß er. Shylock einen leisen Anklang von Jargon zu geben gedenke, der starker in der Begegnung mit dem Glaubensgenossen Tubal hervortreten solle. Zahlreiche Zuschriften sind bereits an den Künstler Der Sultan und der Shylock. Ermeter Novelli? Einer der bedeutendsten lebenden Shylock- Darstcller ist jetzt auf einer künstlerischen Tournäe in Amerika begriffen. Einem Interviewer gegenüber machte der italienische Künstler einige interessante Mitteilungen über eine Aufführung von Shakespeare's „Kaufmann von Venedig", vor dem Sultan. „Lassen Sie mich Ihnen Einiges über meinen Shylock sagen", erzählte der Künstler. Als ich zum erstenmale in Konstantinopel auftrat, setzte ich unter anderen Stücken den „Kaufmann von Venedig" auf meinen Gastspielplan. Der Zensor sprach sich jedoch gegen das Stück aus und veranlaßte mich, von der Aufführung des Stückes abzusehen. Ich beklagte mich hierüber in der italienischen Botschaft, worauf ich die Genugtuung erhielt, die Rolle vor dem Sultan und seinem Hofe spielen zu dürfen. Es war das wohl die eigenartigste Vorstellung, die ich je im Leben gegeben habe. Das Theater war ein Miniatur-Schauspielhaus mit einer Bühne, die höchstens 50 Fuß breit war und obendrein ein leeres Haus, d. h. das Auditorium blieb für den Schauspieler unsichtbar. Rund um die Halle lief eine reich mit Gold verzierte Glttergalerie, hinter welcher sich die Zuhörer aufhielten, ohne gesehen zu werden. Man hatte danach das Gefühl, vor einem leeren Hause zu spielen. Niemals ist mir noch etwas so Deprimierendes auf der Bühne widerfahren. Nachdem Abdul Hamid meinen Shylock gesehen hätte, hob er sofort die Verfügung des Zensors auf und der „Kaufmann von Venedig" wurde freigegeben. Einige Tage später empfing der Sultan den französischen Dichter und Mitglied der Akademie, Piere Loti in Prioataudienz. Die erste Frage, die der Sultan an seinen Gast richtete, war: „Haben Sie schon Novelli als Shylock gesehen?" Im weiteren Verlaufe des Gespräches meinte der Sultan: „Novelli ist der erste Darsteller, der in mir die Illusion zu erwecken vermochte, einen meiner eigenen Juden vor mir zu sehen " „Nun", schloß Novelli seine Erzählung, „dieser Ausspruch bedeutet für mich ein uneingeschränktes Lob, denn Shylock war kein englischer Jude, er war emer aus der Levantine, und diese Juden sind es, die der Sultan kennt." . Literatur. Graphologie. Von Rud. Poppee, beeidigte Schriftsachverständige beim k. k. Landesgericht. Mit über 600 Schriftproben. In Originalleinenband 4 Mark. Verlag von I. I. Weber in Leipzig. Ist aus der Handschrift der Charakter des Schreibers zu erkennen? Eine erschöpfende Antwort auf diese Frage gibt die „Graphologie" von Rudolphine Poppee, ein Handbuch, das soeben im Verlage von I. I. Weber in Leipzig erschienen ist. Die Verfasserin, beeidigte Schriftsachverständige beim k. k. Landesgericht Wien, beleuchtet in diesem Werke auf Grund langjähriger und vielseitiger Erfahrung das Wesen der Handschriftendeutung und die Aufgaben der. Graphologie. Sie deckt die Zusammenhänge zwischen besonderen Schriftformen und Schrifteigenheiten auf der einen Seite und seelischen und geistigen Eigentümlichkeiten auf der anderen Seite auf und verfolgt diesen Forschungsweg nicht nur in die verschiedenen Berufe und Tätigkeiten auf dem großem Markte des Lebens, sondern aüch bis in die Tiefen der noch vielfach dunklen Gebiete der kriminellen und der psychiatrischen Graphologie. Das mit zahlreichen Schriftproben versehene Handbuch will die Be-? deutung der Graphologie für den Mediziner, den Gerichts¬ und Polizeibeamten, den Kaufmann, wie überhaupt für Jedermann Nachweisen. Die Graphologie ist danach lehr- und lernbar und berufen, die Rolle eines verläßlichen Wegweisers zu tpielen auf allen Wegen, die unter den heutigen gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Verhältnissen der Einzelne zu wandeln irgendwie in die Lage kommen kann. Von scharfer Beobachtungsgabe zeugt namentlich das dritte Kapitel, das von den Schriften der verschiedenen Berufsarten (Theologen-, Diplomaten- und Aristokraten-, Juristen-, Aerzte-, Maler- und

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